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    Nachlese: Buchmesse Frankfurt/M. 2018

    Nachlese: Buchmesse Frankfurt/M. 2018

    70 Jahre Menschenrechte – 70 Jahre Buchmesse 

    Am Wochenende gab es laut Messeleitung auf der 70. Frankfurter Buchmesse ein leichtes Besucherplus, an den Fachbesuchertagen vom 10.-12. Oktober einen leichten Rückgang. Sodass insgesamt 285.024 (2017: 285.425) Besucherinnen und Besucher gezählt wurden. Bei den Ausstellern gab es einen leichten Anstieg: 7.503 Aussteller aus 109 Ländern waren gekommen. Dies sind nochmal sieben Länder mehr als im Vorjahr.

    Die Messeleitung hat das Jubiläum 70 Jahre Menschenrechte mit der Aktion »On the same page« von der Eröffnung an bis zur Demonstration am Schluss als starken Akzent gegen rechtes Gedankengut gesetzt. Diese »internationalste Veranstaltung ihrer Art«, so Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, »ist der ideale Ort, um über globalgesellschaftliche Themen zu diskutieren«. Ehrengast war in diesem Jahr Georgien.

    Der VS präsentierte sich auf dem gemeinsamen Stand mit dem PEN-Zentrum Deutschland. Die Zusammenarbeit in Halle 4.1 war wieder bestens. Am großzügiger gestalteten Stand plakatierten wir zusätzlich den VS-Kongress in Aschaffenburg vom 14. – 17. Februar 2019. Das vorläufige Programm kann unter www.literatur-unter-strom.de  aufgerufen werden. 

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di H. Oberländer Buchmesse 2018  – Klaus Staeck mit seiner Frau

    Klaus Staeck hat das Plakat für den Kongress gestaltet. Er kam mit seiner Frau vorbei und sah es selbst zum ersten Mal ausgedruckt. Wir freuen uns, dass wir ihn für die Gestaltung gewinnen konnten. Auf dem Stand halfen die Kollegen vom hessischen Landesverband, die Besucher zu informieren und Fragen zu beantworten. 

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – v.l. Imre Török, Eva Leipprand, Nicole Pfister Ferz

    Sowohl der VS als auch der VdÜ am eigenen Stand in Halle 4.1 waren wieder aktiv auf der Messe unterwegs. Der VS traf sich mit Gerhard Ruiss vom österreichischen Schriftstellerverband »IG Autorinnen und Autoren« und Nicole Pfister Fetz, der Geschäftsführerin des Verbands »Autorinnen und Autoren der Schweiz«. Die Vernetzung auch über Landesgrenzen hinweg ist uns wichtig. Wir nutzten die Messe zudem zu einem informellen Treffen des Netzwerks Autorenrechte.

    • Zum Weiterlesen: Für »Kunst und Kultur« verfasste Bundesvorsitzende Eva Leipprand einen Artikel: »Impressionen von der Frankfurter Buchmesse 2018« 

    Stand »Literatur in Hessen«

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – v.l. B. Rhein, E. Leipprand, H. Oberländer

    Gemeinsam mit dem Landesvorsitzenden von Hessen, Harry Oberländer, besuchten wir den neuen Gemeinschaftsstand »Literatur in Hessen«. Erstmals präsentieren sich dort Verlage, Autoren, Übersetzer, Illustratoren sowie literarische Vereine der Buchmesse. 

    Zur Standeröffnung kam Kunst- und Kulturminister Boris Rhein, der das Projekt unterstützt hatte. 

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – E. Osterkamp, W. Klein

    Danach unterhielten sich noch der Germanist Ernst Osterkamp und der Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein auf dem Sofa des Standes »zur Lage der deutschen Sprache«. 

    Sie waren sich am Ende einig: Die deutsche Sprache sei ausdrucksreich wie kaum eine andere. Die Einflüsse aus fremden Sprachen, auch aus dem Bereich »Internet«, seien ein Zugewinn, wenn »wir bereit sind, das Standarddeutsch zu bewahren«.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – v.l. R. Stripling, H. Oberländer, J. Becker

    Danach wurden noch die Stipendiaten Jenifer Becker und Robert Stripling des Programms »Land in Sicht«, die das Land Hessen finanziert und der Hessische Literaturrat vergibt, in dem auch der VS Mitglied ist, zu ihren Aufenthaltsstipendien gefragt. 

    Sie fanden die Zeit eine Bereicherung für ihr Schreiben. Beide lasen eine Passage aus dem entstandenen Text. Weitere Veranstaltungen folgten. 

    Bilder bauen Welten: die Macht des (un)sichtbaren Narrativs 

    Autoren und Kritiker dominieren den literarischen Rezensionsbetrieb: Zwei Drittel aller Besprechungen würdigen die Werke von Autoren, Männer schreiben überwiegend über Männer und ihnen steht ein deutlich größerer Raum für Kritiken zur Verfügung, so drei Hauptergebnisse der Pilotstudie »Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb« des Buchbranchenprojekts #frauenzählen in Kooperation mit dem Institut für Medienforschung an der Universität Rostock.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – v.l. V. Henze, N. George, M. Kroymann, E. Prommer

    Die gemeinsame Podiumsdiskussion vom Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), den BücherFrauen, dem PEN-Zentrum Deutschland und dem Netzwerk Autorenrechte im »Salon« des diesjährigen Weltempfangs der Frankfurter Buchmesse war bestens besucht. Dr. Valeska Henze, Politikwissenschaftlerin und Übersetzerin sowie Beauftragte der BücherFrauen im Deutschen Kulturrat moderierte. Es diskutierten Nina George, Mitglied des Bundesvorstands des VS und Womens‘ Writers Committee-Beauftragte des PEN, Maren Kroymann, Kabarettistin, Schauspielerin und Sängerin, sowie Prof. Dr. Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock.

    Ausgangspunkt der Diskussion waren die Ergebnisse der Untersuchung »Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb« (eine Pilotstudie des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock in Kooperation mit dem PEN-Zentrum Deutschland, VS, Bücherfrauen und den Mörderischen Schwestern e.V.) zur Repräsentation von Autorinnen und Rezensentinnen in Medienkritiken.

    Im Laufe des Monats März 2018 wurden dazu 2.036 Buchbesprechungen in 69 deutschen Medien in den Bereichen Print, Hörfunk und TV statistisch erhoben und sozialwissenschaftlich ausgewertet. Die Studie zur Sichtbarkeit von Frauen in Literatur, Kultur und Medien ist aufschlussreich:

    Auf eine Autorin kommen zwei Autoren. Zwei Drittel der rezensierten Bücher sind von Männern verfasst worden. Kritiker schreiben vor allem über Männer: Drei Viertel aller von Männern besprochenen Werke sind von Autoren verfasst.

    Die größten Ungleichgewichte: Das Sachbuch und das Krimigenre. Im Bereich Sachbuch ist lediglich jedes fünfte durch einen Mann rezensierte Buch von einer Frau verfasst. In der Kriminalliteratur liegt der Anteil noch darüber. In diesem Genre rezensierten mit 82 Prozent Männer am liebsten Männer. Auf www.frauenzählen.de steht die komplette Studie zur Verfügung.

    Nina George, laut Henze »die treibende Kraft« hinter der Studie, zählt seit fast 20 Jahren Frauen: »Über wen wird berichtet oder wer sitzt auf Podien, gewinnt Preise?« #frauenzählen sei dabei kein Projekt gegen Männer, sondern decke Strukturen und Missverhältnisse auf, um von der gefühlten Ungerechtigkeit zum untermauertem Argument zu kommen.

    Maren Kroymann wurde befragt, wie sie es geschafft habe, sich als Kabarettistin in einer Männerdomäne zu behaupten. Leicht sei es nicht gewesen: »Die Intellektuelle ist ein Feindbild.« Am Ende fragte sie, ob man nicht »nahtlos in die Quotendiskussion« rutsche. Auf die Frage von Henze, ob dies eine Möglichkeit wäre, gab Nina George zu bedenken: »Frauen sind nicht klüger oder besser, wir sind vor allem unterrepräsentiert und Quoten können nicht alles lösen – nur dort, wo mit öffentlichen Geldern gehaushaltet wird, muss eine Quote die Verteilung ordnen.«

    »Wir müssen auf jeden Fall die Strukturen aufbrechen«, so Prof. Prommer und Henze fasste zusammen: »Frauen zählen steht erst am Anfang.« Das Publikum erlebte eine spannende Diskussion, die weitergeht.

    Zur Pressemitteilung und zum Pressespiegel. 

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – am VS-Stand: R. Venske und I.Török im Gespräch mit D. Yücel
    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – D. Yücel, C. Dündar

    Pressefreiheit in der Türkei 

    Podiumsdiskussion mit Deniz Yücel, Can Dündar, Regula Venske und Staatsminister Michael Roth, moderiert von Stephan Lohr. 

    Die Veranstaltung auf dem Forum »Weltempfang« war sehr gut besucht. »Wir sind für diese Solidarität dankbar«, so Deniz Yücel.

    Der Informationsaustausch ging auf dem Stand des VS weiter. 

    10 Jahre Aktionsbündnis für faire Verlage 

    Unter dem Titel »Was ist ein fairer Vertrag?« informierte ein Podiumsgespräch zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer neben dem Infopoint der Selfpublisher-Area. Seit zehn Jahren gibt es das länderübergreifende Aktionsbündnis für faire Verlage. Am Samstag, dem ersten Tag der für die Öffentlichkeit offenen Buchmesse, war der Andrang in der Selfpublisher-Area besonders groß.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – Auf dem Podium v.l. N. Pfister Fetz, T. Kiwitt, I. Török

    Am Informationsgespräch über Chancen und Gefahren auf der Suche nach einem Verlag nahmen Nicole Pfister Fetz, Geschäftsführerin von Autorinnen Autoren der Schweiz und Imre Török, stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di teil. Tobias Kiwitt, Vorstandssprecher des Bundesverbands junger Autoren und Autorinnen e.V., moderierte. Vor zehn Jahren, so Imre Török, konnten sogenannte Bezahlverlage nicht ohne Androhung juristischer Maßnahmen kritisiert werden. Das Aktionsbündnis erreichte damals, dass die Verbände offen über die Arbeitsweise dieser Verlage, die sich die Druckkosten gut bezahlen lassen, aber nicht die übliche Verlagsarbeit übernehmen, informieren dürfen. 

    Nicole Pfister Fetz ergänzte: »Es ist ein Geschäft mit der Hoffnung. Aber klassische Verlage bezahlen ein Honorar und lektorieren.« Auch die Selfpublisher müssten wissen, wozu und für wen sie veröffentlichen möchten. Diese Art der Herausgabe werde immer beliebter und könne sehr wohl eine Chance sein. Tobias Kiwitt gab den Rat, als Grundlage sich bei den Autorenverbänden die Normverträge durchzulesen oder mitzunehmen und auf eine schnelle Vertragsauflösung zu achten.

    Siehe auch: http://www.fairlag.info 

    Autorenrundgang

    Tobias Kiwitt führte bei seinem bewährten und beliebten Autorenrundgang auch in diesem Jahr wieder Autorinnen und Autoren über die Buchmesse. Sie besuchten Messestände und erhielten Einblick in die Arbeit von Verlagen, Verbänden und Agenturen. An unserem Stand in Halle 4.1 informierten wir sie über die Vorteile, die eine Mitgliedschaft im VS für »Wortkünstlerinnen und Wortkünstler« bringen kann.

    Mehrere Veranstaltungen des VdÜ belebten das Programm 

    Verleihung der Übersetzerbarke

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – v.l. P. Klobusiczky, K. Raabe
    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – v.l. K. Raabe, F.Heibert

    Der Verband der Literaturübersetzer zeichnet jährlich Personen des literarischen Lebens aus, die sich um das Übersetzen verdient gemacht haben.

    Die Übersetzerbarke 2018 ging an Katharina Raabe, Lektorin im Suhrkamp Verlag, für ihre Verdienste um osteuropäische Literatur, ihre einfühlsame Zusammenarbeit mit den Übersetzern und ihre Beiträge zur Reflexion des Übersetzens als Kunst. Die gut besuchte Veranstaltung auf der „Bühne Weltempfang“ moderierte Frank Heibert.

    Die Vorsitzende Patricia Klobusiczky überreicht die von Ute Katrin Beck hergestellte Übersetzerbarke an Katharina Raabe. 

    In ihrer Laudatio hob Klobusiczky hervor: »Die Lektorin hat aus einem übersetzerischen Notstandsgebiet ein Biotop gemacht.« Die Preisträgerin sei »eine Meisterin der angewandten Geopoetik«.

    Die Preisträgerin dankte und begann ihre Rede mit: »Die Auszeichnung, die mich ungemein freut, schüchtert mich ein«. Sie sehe ihre Arbeit als »Dazugeben zur deutschen Sprache« und in einer Ménage à trois gehe sie immer wieder zusammen mit Verfasser und Übersetzer ein Abenteuer ein.

    Der »Gläserne Übersetzer« als interaktive Präsentation

    Im Salon Weltempfang konnte das Publikum mit dem VdÜ aktiv werden. Indem die Besucher einer Übersetzerin oder einem Übersetzer beim Übersetzen und Reflektieren »helfen« soll ihnen das Übersetzen literarischer Texte verständlicher gemacht werden

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di G. Loges Buchmesse 2018  – P.Torberg als »Gläserner Übersetzer«

    Einer der großen literarischen Übersetzer aus dem Englischen ist Peter Torberg. Zurzeit übersetzt er eine klassische Dystopie neu: Ray Bradburys »Fahrenheit 451«. Die erste Übersetzung ist von 1955. Torberg sprach auf dem Salon Weltempfang über die unterschiedlichen Methoden des Übersetzens. Er übersetze erst einmal mit Varianten und mache immer »einen zweiten Gang«: »Aber jeder arbeitet anders.«

    Das erste Problem findet sich schon im Titel: Die Selbstentzündungstemperatur von Papier liegt bei 451° Fahrenheit, da das Buch mit dem Titel bereits ein Klassiker ist, so Torberg, kann dies jetzt nicht mehr in 233° Celsius übersetzt werden. Überhaupt ist die Frage, ob offensichtliche »Fehler« des Verfassers – eine Python ist keine Gift- sondern eine Würgeschlage – korrigiert werden dürfen. In diesem Fall nicht! Schnell entwickelte sich zwischen Übersetzer und Publikum ein lebendiges Fachgespräch. Übersetzen ist Höchstleistung!

    Weitere Veranstaltungen des VdÜ auf der Frankfurter Buchmesse

    • Dialog in vermintem Gelände: Übersetzer und Politik: Ein Gespräch
    • Translation Slam: Interaktive Präsentation
    • Geht Trump auch europäisch? Ein Gespräch
    • Meinungsfreiheit in Putins Russland: Ein Gespräch

    Buchmesse Frankfurt/M. 2018

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: G.Loges

     

    alle Texte: Gabriele Loges