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    Grenzenlos: Lese-Wanderung im Südharz

    Grenzenlos: Lese-Wanderung im Südharz

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Sachsen-Anhalt und Bayern vs Die komplette Wander-Gruppe  – im Schlosspark Ballenstedt.

    »… unterwegs ins Grenzenlose« waren zwölf Autorinnen und Autoren der Schriftstellerverbände Bayern und Sachsen-Anhalt vom 19. bis 22. September 2020 im Südharz. Begonnen hat alles auf dem Schriftstellerkongress 2019 in Aschaffenburg, als sich die Vorsitzenden beider Landesverbände begegneten. Die Lese-Wanderung von Ermsleben über Harzgerode und Kelbra nach Allstedt war das Ergebnis ihres Austausches von Ideen über Grenzen hinweg.

     

    »… unterwegs ins Grenzenlose« wählten sie als Motto der Reise und Titel der begleitenden Anthologie, die eigens aus diesem Anlass entstand. Einander näherkommen, Unterschiede zwischen Ost und West hautnah erfahren, Grenzen überwinden, Verständnis füreinander finden, waren die Intentionen. In den Erzählungen spielten Beziehungen zwischen Menschen aus West und Ost, Erfahrungen an der tschechischen Grenze ebenso wie die Reflexion einer gemeinsamen Historie, das Rückwärtsreisen in die Zeit der Sperrzonen und nach der Wiedervereinigung eine Rolle. Reisen in die Welt sowie die Aufnahme von Ausländern und das Verlassen ostdeutscher Landschaften wurden thematisiert.

    Es lasen Elke Bannach-Hoffmann aus Sandersdorf-Brehna, Charis Haska aus Marktleuthen, Carola Kupfer, Johann Maierhofer und Marita Panzer aus Regensburg, Wahid Nader aus Magdeburg, Leonhard Seidl aus Fürth, Bernd Setzwein aus Waldmünchen, Roland Spranger aus Hof, Elke Strauchenbruch aus Wittenberg, Margarete Wein und Kurt Wünsch aus Halle.

    In den Kirchen in Ermsleben, Harzgerode und Kelbra fanden die Veranstaltungen in sehr schöner Atmosphäre statt. An den Büchertischen ergaben sich Gespräche der Besucher mit den Autoren.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Sachsen-Anhalt und Bayern Klaus Hoffmann Während der Lesung  – im Müntzer-Saal in Allstedt.

    Zum Finale in Allstedt gab es zwei parallele Lesungen, die gut besucht waren. Bei einem mittelalterlichem Mahl auf dem Burghof fand die Lese-Wanderung einen würdigen Ausklang.

    Zum Gesamtprogramm der Lese-Wanderung gehörten Führungen an der Ausgrabungsstätte des Frühmenschen in Bilzingsleben und die Ausstellung auf Burg und Schloss Allstedt. Bettina Fügemann lud zur literarischen Führung anhand ihres Buches »Aus dem Paradiesgarten der Kindheit« über die Familie von Kügelgen in den Schlosspark Ballenstedt ein. Am 22. September stand die Besichtigung des Panoramagemäldes von Werner Tübke in Frankenhausen auf dem Programm. Davon angeregt, ergaben sich Diskussionen zur unterschiedlichen Erberezeption in Ost und West, zur Rolle Thomas Müntzers im Bauernkrieg.

    Kollegen aus Bayern empfanden die Führungen als Bereicherung und äußerten Respekt, dass in Bilzingsleben und Allstedt die Direktoren selbst die Gäste führen. Dies wäre in Bayern nicht üblich.

    Unterschiede und Gemeinsamkeiten

    Unterwegs sprachen die Kollegen über das Leben in der DDR und BRD vor 1990. Diskutiert wurde über die Folgen des Anschlusses der DDR, die z. B. im Stadtkern von Harzgerode durch leerstehende Läden und verlassene Häuser sichtbar sind. Der Kirchenratsvorsitzende in Ermsleben sprach von den weitmaschigen und zerstückelten Verbindungen der öffentlichen Verkehrsmittel. Er meinte, dies sei nicht nur ein Gefühl des Abgehängtseins. Kollegen aus ländlichen Gebieten Bayerns haben mit der Ausdünnung des ÖPNV ähnliche Erfahrungen. Bewusst wurde, dass Entwicklungen, die im Westen allmähliche Prozesse sind, im Osten abrupt geschehen sind. Die Schließung der Fabriken wurde nicht vorbereitet. Viele der Entlassenen wurden bis heute nicht in anderen Tätigkeiten aufgefangen oder mussten unter ihrer Qualifikation arbeiten. Die Abwanderung hält in Sachsen-Anhalt noch immer an.

    In Gesprächsrunden wurde nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten im Literaturbetrieb gefragt, nach dem Leseverhalten vor und nach 1989, nach der Rolle der Literatur und der Geltung des Autors in der Gesellschaft. Die Rahmenbedingungen für Autoren in beiden Bundesländern weichen sehr voneinander ab, z. B. bei der finanziellen Ausstattung kultureller Einrichtungen. Während in Bayern Autoren angemessen vergütet werden können, ist dies in den meisten Einrichtungen Sachsen-Anhalts nur mithilfe einer externen Förderung möglich.

    Von Beginn an war die Atmosphäre freundschaftlich und von Offenheit füreinander, vom Zuhören und genauer Wahrnehmung geprägt. Ein guter Anfang für den kontinuierlichen Austausch.
    Dank gilt dem Land Sachsen-Anhalt und dem Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller für die Förderung.

    Renate Sattler

    Ein Artikel aus:

    Fachbereich Medien, Kunst und Industrie der ver.di
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    Die Autorin des Artikels Renate Sattler

    ist Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller Sachsen-Anhalt.

    Die Anthologie wurde von Dr. Marita A. Panzer,
    stellvertretende Vorsitzende des VS Bayern, betreut, von ver.di Bayern finanziert und erschien im Kulturmaschinen Verlag.