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    Im Wartesaal der Poesie

    Im Wartesaal der Poesie

    Lesemarathon
    im Literaturhaus Berlin kommunizierte mit Marx-Wochen

    17 Autorinnen und Autoren standen mit ihren Texten auf dem Programm des diesjährigen Lesemarathons, zu dem der Berliner Verband der Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeladen hatte. Das versprach schon von der Zeit her ein langer Lauf zu werden. Aber der gewählte Veranstaltungsort versöhnte – das schöne Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße 23 ist ein edles historisches Stadtpalais mit Buchhandlung und Café, zu Recht als Wartesaal der Poesie betitelt. Verschiedenste Aktivitäten gelten hier dem literarischen Wort, weshalb die ver.di-Lesung bewusst mit einer fesselnden Ausstellung zu den Marx-Wochen des Hauses kommunizieren konnte. Die war überschrieben: »Karl Marx liest, zitiert, schreibt. Poetik und Ästhetik des Kapitals«. Daran sollten die gelesenen Texte im weitesten Sinne angelehnt sein. Mit einer Videobotschaft begrüßte ver.di-Vorsitzender Frank Bsirske den VS-Leseabend.

    »Sein oder Bewusstsein: Das ist hier die Frage« – so lautete die Lese-Vorgabe in Bezug auf ein verkürzt zitiertes Marx-Wort. Eine Frage, die sich jedem ernsthaft Schreibenden unabweisbar aufdrängt. Schreiben, Literatur haben zu allen Zeiten in gesellschaftliches Sein eingegriffen. Der Anspruch an diesen Leseabend war entsprechend hoch.

    VS Fachgruppe Litaratur der ver.di Berlin Ch.v.Polentz | transitfoto.de Regina Scheer  – Die ver.di-Literaturpreisträgerin las zum Auftakt

    Es eröffnete die diesjährige ver.di-Preisträgerin und Urberlinerin Regina Scheer. »Gott wohnt in Berlin« heißt ihr neuer Titel; diesmal rückte sie mit Schumacher Pariser und den Seinen eine Berliner Arbeiterfamilie von Anfang des vorigen Jahrhunderts in den Blickpunkt.

    Die weiteren Beiträge waren so weit gegriffen, wie es die unterschiedlichen Sichten der Beteiligten erwarten ließen: Über Marx als Linkshegelianer zu Mao und Konfuzius, das kommunistische Gespenst in den Gängen eines Warentempels, RAF und Stammheim, das kapitalistische System in einer Parabel von Gürtelschnalle ohne Gürtel bis zu der aktuellen Umverteilung von unten nach oben, auch ob die Theorie der Wirklichkeit umgekehrt entspricht und vieles mehr.

    Das vorgegebene Zitat wurde gedreht und gewendet, in seiner möglichen Vielfalt gesehen. Karl Marx hatte im Vorwort »Zur Kritik der politischen Ökonomie« so formuliert: »Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.«

    Ein Gedanke dieser Lesung wollte weiteres Bedenken anregen, er stellte neben das Bewusstsein die Forderung nach dem Bewusstwerden als aktiven Prozess. Ein Abend Gegenwartsliteratur als Gedankenanstoß.

    Leider lichteten sich im Laufe der Stunden die Reihen der Zuhörer sichtlich; die Lesenden waren ohnehin wieder weitgehend unter sich gewesen. Die Erinnerung an ehemals gefüllte Buchhandlungsräume mit viel Publikum macht wehmütig. Sie sollte nicht beiseitegeschoben werden, sondern künftige Aktivitäten befeuern.

    ANNEMARIE GÖRNE