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    Karl Otto Mühl

    Karl Otto Mühl

    Ein Nachruf für den VS NRW
    von Dorothea Renckhoff

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di NRW wikimedia | Michael Kramer Karl Otto Mühl  – 2013

    Karl Otto Mühl war fast zwei Jahrzehnte lang einer der meistgespielten deutschen Theaterautoren.

    1923 als Sohn eines Maschinenschlossers und dessen Frau in Nürnberg geboren und 1929 mit den Eltern nach Wuppertal gezogen, gab er mit vierzehn seine ersten Autorenhonorare für eine eigene Schreibmaschine aus. Mit gleicher Zielstrebigkeit stieg er im Alter auf den Computer um und legte noch mit Fünfundneunzig zwei neue Bücher vor. Zwischen ersten und letzten Veröffentlichungen liegen acht Jahrzehnte unermüdliches Feilen an seinen Texten und das Erscheinen von 13 Theaterstücken, mehreren Romanen, Hörspielen, Kinderbüchern, Kurzgeschichten und Gedichten.

    Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann musste auch Mühl 1941 in den Krieg und geriet 1942 als Fallschirmjäger in Afrika für fünf Jahre in amerikanische, später englische Gefangenschaft. Während dieser Zeit schrieb er erste kleine Stücke, die Tankred Dorst für die Lagerbühne inszenierte. Ihn traf Mühl nach der Heimkehr in der Künstlergruppe »Der Turm« wieder, die ihn zu mehreren Kurzgeschichten anregte. Dennoch schläferte er den Autor in sich bald ein, um zunächst im Beruf Fuß zu fassen: 1948 holte er das Abitur nach und brachte es im Folgenden zum Werbe- und Verkaufsleiter an Wuppertaler Metallwaren- und Maschinenfabriken. Erst nach Jahren begann er wieder, kontinuierlich zu schreiben; 1964 bis 1969 entstand der Roman »Siebenschläfer« (veröffentlicht 1975), der Trümmer, Währungsreform und beginnendes Wirtschaftswunder thematisiert. 1970 heiratete Mühl; aus der Ehe gingen drei Töchter hervor.

    1973 erlebt er mit der Uraufführung von »Rheinpromenade« in Wuppertal den Durchbruch als Dramatiker. Das Stück um die »unpassende« Liebesgeschichte eines Rentners und eines debilen jungen Mädchens wird von mehr als sechzig Theatern nachgespielt, vielfach übersetzt und als Fernsehfilm und Hörspiel gesendet. Auch mit den folgenden Stücken, szenischen Bilderbögen wie »Rosenmontag« (1975), »Kur in Bad Wiessee« (1976) oder »Wanderlust« (1977) ist er jahrelang auf deutschen Bühnen vertreten – ein wacher und genauer Beobachter, der immer wieder Tabuthemen aufgreift, ohne Pathos und große Worte.

    Dem Durchbruch folgen Preise und Ehrungen (z. B. von-der-Heydt-Preis, 1975); Mühl wird Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und im deutschen PEN-Zentrum, arbeitet aber bis zur Pensionierung 1986 weiter im Beruf als Exportleiter. Auch danach bleibt er seiner Absage an jede Art von abgehobenem Schreiben treu und entwickelt mit seinen Miniaturen eine Form von Alltagsgeschichten, die ohne Rührseligkeit direkt ans Herz greifen.

    In der Nacht zum 21. August 2020 ist Karl Otto Mühl in Wuppertal gestorben. Er war seinen Figuren wie auch den realen Menschen in seiner Nähe ein treuer und begnadeter Freund von außergewöhnlicher Hilfsbereitschaft.

    Dorothea Renckhoff