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    »Pfennige tropften in meinen Hut«

    »Pfennige tropften in meinen Hut«

    Bericht von der Veranstaltung des Landesverbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller Sachsen-Anhalt anlässlich des 50-jährigen Bestehens des VS am 23. April 2019 in der Stadtbibliothek Magdeburg

    Fast alle Plätze im Saal der Bibliothek waren besetzt. Der Kulturbeigeordnete der Stadt Magdeburg, die Gleichstellungsbeauftragte, Kolleginnen und Kollegen und über 50 literaturinteressierte Besucher waren gekommen.

    In ihrer Ansprache gab die Vorsitzende, Renate Sattler, einen Einblick in die Geschichte des heutigen Verbandes. Sie ging auf den ersten und einzigen gemeinsamen Schriftstellerkongress von Ost und West, der 1947 in Berlin stattfand, ebenso ein wie auf die parallele Existenz der Schriftstellerverbände in Ost- und Westdeutschland bis 1990. In ihrer Ansprache heißt es: »Wir wollen die Gründung des VS zum Anlass nehmen, an die Autoren zu erinnern, die in unserer Region zwischen Magdeburg und Salzwedel, zwischen Wernigerode und Burg gewirkt haben, die Vorsitzende des Schriftstellerverbandes waren oder bereits in den Kriegsjahren umgekommen sind. Wir erinnern an Autoren, deren Bücher 1933 verbrannt wurden und an Autoren, die ins Exil gingen. Wir nehmen den Staffelstab von Kollegen auf, die wir persönlich kannten und die uns Lehrer waren, Kollegen, die während der Zeit der DDR trotz der Zensur Seismographen der Gesellschaft waren, vielen Menschen aus den Herzen sprachen und ihre Stimme wurden. Es ist in dieser Veranstaltung unmöglich, alle Autoren selbst zu Wort kommen zu lassen oder auch nur gebührend zu erwähnen.«

    Siegfried Maaß stellte die Anthologie »Saat in die Zukunft« aus dem Jahr 1947 vor und las einen Auszug aus der Erzählung »Lamyz« von Heinz Kruschel, in der der Erzähler die Zeit kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges schildert.
    Dorothea Iser erzählte von Brigitte Reimann, die zu ihrer Zeit so gar nicht in das kleinstädtische Milieu ihrer Geburtsstadt Burg passen wollte und deren Urne erst vor kurzem aus dem Familiengrab in Oranienbaum nach Burg zurückgekehrt ist. Iser las einen Ausschnitt aus »Franziska Linkerhand«.
    Simone Voss hatte Erich-Günther Sasse gewählt, dem sie durch seine Schreibwerkstatt im Literaturhaus Magdeburg viel verdankt.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Sachsen-Anhalt Heinz Müller Am Fenster

    Der Lyriker Torsten Olle stellte Gedichte von Heinz Müller vor, dessen Band „Pfennige tropften in meinen Hut“ von Reiner Bonack postum herausgegeben worden waren. Olle baute eine Brücke zu dem Kollegen, den er aus dem »Zirkel schreibender Arbeiter« von Walter Basan kannte.
    Birgit Herkula verwies auf die vom VS erarbeitete Broschüre »Verboten, verschwiegen, vergessen« und schilderte das Schicksal des deutsch-jüdischen Autors Heinz Abosch, der Deutschland noch rechtzeitig verlassen konnte. Angesichts der am Ostersonnenabend versuchten Geburtstagsfeier für Hitler durch einige junge Neonazis am Osterfeuer im Magdeburger Stadtteil Sudenburg, schlug sie den Bogen von 1933 in die Gegenwart.
    Zum Abschluss las Renate Sattler Passagen aus dem von 1972 in die Zukunft blickenden utopischen Abenteuerroman »Die Straße durch den Urwald« von Wolf D. Brennecke, der die Abholzung des Regenwaldes in Brasilien und die bedingungslose Fortschrittsgläubigkeit bereits damals infrage stellte.

    Mit der Erinnerung an Autoren, die den Zweiten Weltkrieg erleben mussten und zu Kriegs- und Faschismusgegnern wurden, war es gleichzeitig eine Veranstaltung gegen Rechts, wie sie eindringlicher nicht hätte sein können.

    Renate Sattler

    Eine Veranstaltung des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller Sachsen-Anhalt
    in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus und der Stadtbibliothek.

    Das Plakat ...

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Sachsen-Anhalt
    Foto/Grafik: Stadtbibliothek

    ... zur Veranstaltung des VS Sachsen-Anhalt kann als pdf-Datei hier geladen werden: