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    Sein gesamtes Werk hat Substanz.

    Sein gesamtes Werk hat Substanz.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Sachsen Gaby Waldek Werner Heiduczek

    Zum Tod von Werner Heiduczek – ein Nachruf des VS Sachsen

    »Alles ästhetische Bemühen ist für den Wind, wo die Substanz fehlt. Denn wo nichts gesagt wird, fehlt letztendlich auch die Sprache.« Diese Aussage von Werner Heiduczek prägte sein ganzes Schaffen. Sein gesamtes Werk hat Substanz. Er schrieb Literatur, die bleiben, die man in 80 oder 150 Jahren noch lesen wird. Der Verleger Michael Faber sagte im Interview im Deutschlandfunk: »Ich glaube, dass er sich sehr zeitig von einer literarischen Form distanzieren wollte, einer Selbstverliebtheit in formale, ästhetische Spiele, und dass ihn, den ja auch das Leben sehr gebeutelt hatte, nach der existenziellen Frage des Menschen, nach dem, was uns auszeichnet und was uns aber auch an Hässlichkeiten im Leben widerfährt, dass er sich darin spiegeln wollte und dass sein ganzes literarisches Schaffen auch unentwegt eine Retrospektive, Verinnerlichung unserer Sünden und Verfehlungen war.« 

    Mit seinem ersten Roman »Abschied von den Engeln«, 1968, fand er eine große Leserschaft. Im Kurzroman »Mark Aurel oder ein Semester Zärtlichkeit«, 1971, charakterisiert er einen Studenten, der es wagt, ein bisschen weniger brav zu sein, der beginnt, gegen das bestehende System der DDR zu revoltieren. Zu seinem Märchen »Das verschenkte Weinen«, 1977, kann man am besten den Schriftsteller selbst zitieren: »Ich wünsche mir, dass die Menschen erkennen, dass das Weinen im Leben ebenso wichtig ist, wie das Lachen. Denn ohne Trauer erkennen wir nicht, was Glück bedeutet.« 

    Der große Durchbruch gelingt ihm mit dem Roman »Tod am Meer«, 1977. Obwohl nur eine 1. Auflage in der DDR erscheinen kann, kennt jeder diesen Roman. Das Buch muss von Hand zu Hand weitergereicht worden sein, denn es hatte wesentlich mehr Leser, als Exemplare gedruckt worden sind. Der Schriftsteller Clemens Meyer sagte über Werner Heiduczek: »Als Schriftsteller ist er mir schon als Kind begegnet, denn wir wuchsen auf mit den Kinderbüchern wie ‚Jana und der kleine Stern oder der Geschichte vom ‚verschenkten Weinen'. Später entdeckte ich dann den großartigen Roman ‚Tod am Meer' und von da an war mir klar: Hier haben wir einen ganz großen, relevanten Gegenwartsschriftsteller.« 

    2005 zieht Werner Heiduczek in seiner Autobiografie »Die Schatten meiner Toten« Bilanz: »Als die Weimarer Republik starb, war ich ein Kind. Als das Tausendjährige Reich zugrundeging, war ich ein Jüngling. Als der DDR-Sozialismus zusammenbrach, war ich ein Mann. Wenn das Gegenwärtige sterben wird, werde ich nicht mehr sein.«

    Regine Möbius, Beauftragte für Kunst und Kultur der ver.di und Wegbegleiterin des Schriftstellers sagt: »Werner Heiduczek war mir Freund und Kritiker, Ratgeber und Lehrer. Seine Sprachmächtigkeit, Phantasie und Lebenserfahrung schenkte uns allen ein Werk, das im deutschsprachigen Raum zu den außergewöhnlichen Leseerlebnissen gehört. Seine Romane, dramatischen Texte, Essays, Erzählungen und Kunstmärchen verweisen auf einen philosophischen Fabulierer, der für mich von beeindruckender Lebendigkeit bleiben wird, dessen Werk ich auch weiterhin mit Neugier und großer Leselust begegnen werde.« 

    Mit der Gründung des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in den neuen Bundesländern wurde Werner Heiduczek Mitglied des Verbandes. 1995 war er Gründungsmitglied des Kulturwerkes deutscher Schriftsteller in Sachsen e.V., der Verein, auf dessen Grundlage später u.a. 10 Jahre lang das Literaturfestival »Leipziger Literarischer Herbst« organisiert werden konnte.

    Wir verlieren mit Werner Heiduczek einen ganz großen deutschen Schriftsteller, ein überaus wichtiges Mitglied unseres Verbandes und einen guten Freund.

    Steffen Birnbaum