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    LUFT & LIEBE

    LUFT & LIEBE

    Diskussionsbeitrag zur Frage, warum Autorinnen und Autoren
    so gestellt sind, wie sie gestellt sind – von Michael Wildenhain

    1) Ausgangslage

    Für die meisten professionellen Autoren in Deutschland ist es unmöglich, vom Verkauf ihrer Bücher auskömmlich zu leben[1], während die Festangestellten in Branche und Betrieb durchaus ein entsprechendes Einkommen erzielen. Dieser Zustand ist unhaltbar, denn ohne die Werke der Primärproduzenten wären weder Branche noch Betrieb existent. Der Grund für die Situation sind die unzureichenden Tantiemen, die den Autoren gezahlt werden, ein Umstand, der dem Machtgefälle im Hinblick auf die anderen Akteure geschuldet ist.
    [1] Ein recht gut verkaufter literarischer Roman (kein Spitzentitel) kommt bei einem größeren Publikumsverlag im deutschsprachigen Raum auf ca. 5.000 Exemplare. Ein solches Buch kostet ungefähr 20 Euro. Davon verbleiben beim Autor etwa 2 Euro. Ein solcher Verkauf zeitigt gewöhnlich keine Lizenzen/Nebenrechte. Insofern liegt der Erlös des Autors – und damit, gemäß Urheberrecht, des Urhebers – bei 10.000 Euro. Wenn der Autor, einschließlich aller Arbeiten (wie: Akquise, Verhandlung, Recherche etc.), zweieinhalb Jahre an dem Roman arbeitet, verdient er pro Monat 333,33 Euro - gemäß Urheberrecht und den aktuell geltenden Bedingungen in der Branche.

    Stattdessen werden regelmäßig in größeren Publikationsverlagen publizierende Autoren auf Lesungen und Stipendien (letztlich Subventionen) und Dozenturen sowie Werkstätten verwiesen, also in Hybridexistenzen gezwungen.

    2) Mindestgarantiehonorar und Autorenanteil

    Um der unzureichenden Honorierung abzuhelfen[2], muss der Autorenanteil (im Verlagsvertrag) signifikant erhöht werden. Zudem muss, als sogenannter Vorschuss, ein Mindestgarantiehonorar gezahlt werden, dass die gewöhnliche aufzuwendende Arbeitszeit auch dann auskömmlich honoriert, wenn das Buch vom Verlag oder andren Verwertern nicht im gewünschten Maß verkauft/verwertet werden kann. Das heißt, die finanzielle Verantwortung für den Misserfolg hat nicht zu Lasten des Primärproduzenten, sondern zu Lasten des Verlags/Verwerters zu gehen.
    [2] Gemäß den Zahlen der Finanzämter (2019) – Auskunft: Nina George (EWC-Präsidentin) – gibt es ca. 30.000 hauptberufliche Autoren. Die Einkommen haben die Form einer Pyramide, die im oberen Bereich spitz, im unteren sehr breit ist. Ungefähr zwei Drittel der Autoren haben ein Brutto-Einkommen von weniger als 18.000 Euro im Jahr.

    3) Publikationsfonds – das Buch als Kulturgut

    Da die in 2) geforderten, für die Autoren unabdingbar notwendigen Maßnahmen auf absehbare Zeit nicht vollumfänglich realisiert werden können, muss ein Publikationsfonds eingerichtet werden.

    Autoren, die regelmäßig in größeren/großen Publikumsverlagen veröffentlichen, akquirieren automatisch ein Anrecht auf eine für einen gewissen Zeitraum aus dem Fonds zu zahlende, monatliche Gratifikation (z.B. durch ein Punktesystem, das die Größe/Relevanz/Qualität der Verlage berücksichtigen kann) sowie auf eine Rentenzuzahlung. Letztere muss so ausgelegt sein, dass die Altersarmut der fraglichen Autoren bei genügender Publikationsdauer ausgeschlossen wird. Der Fonds wird von allen Akteuren[3] aus Branche und Betrieb anteilig finanziert, weil sie nicht nur von Bestsellern, sondern von der Menge der publizierten Titel leben bzw. ihre Aktivitäten bestreiten.
    [3] Verlage, Literaturhäuser (u.ä.), Bibliotheken usw. usw.

    4) temporäre Festanstellung – Wertschätzung

    Flankierend muss mittel- und langfristig eine Struktur etabliert werden, die den Autoren temporäre Festanstellungen mit adäquatem Gehalt vorhalten. Geeignet sind Universitäten, aber auch Schulen; Literaturhäuser, aber auch Bibliotheken; Archive, aber auch Stellen in der Administration.

    Eine solche Struktur würde, ausreichend ausgestattet, einen paradigmatischen Wechsel darstellen: Weg vom Autor als bloßer Verfügungsmasse von Branche und Betrieb, der genötigt ist, Subventionen und literaturnahen Jobs nachzujagen, hin zum Autor, der ob seiner vielfach gepriesenen Kreativität als primärer Träger der »Buchkultur« wertgeschätzt wird.

    5) Zusammengefasst

    Wie den Zahlen der Finanzämter und den Zahlenbeispielen zu entnehmen ist, leben die meisten Autoren unter prekären Bedingungen.

    Wenn die vorgeschlagenen oder ähnlich wirkmächtige Maßnahmen nicht zügig umgesetzt werden, wird sich die Tendenz zum »Autor als prekäre Existenz« peu à peu verstärken[4].
    [4] Den Autor als bloßen Solo-Selbstständigen zu begreifen, ist nicht zielführend. Ein Frisör oder ein Taxifahrer bietet seine Dienstleistung auf dem Markt an. Ein Autor schreibt zunächst für einen Verlag (oder einen anderen Verwerter), der die Bedingungen, zu denen das Produkt auf dem Markt präsentiert wird, weitgehend diktiert. Deshalb ist der Verlag (bzw. Verwerter) in der Verantwortung für den (Miss-)Erfolg des Produkts.

    6) ergänzende Anmerkungen

    Die Betrachtungen gelten nur für den literarischen Bereich im engeren Sinn. Sie gelten weder für die breit gefächerte Unterhaltungsliteratur noch für die vielfältigen Segmente der Spannungsliteratur und auch nicht für Sachbücher etc., alles Bereiche, in denen ich mich kaum auskenne. Ebenso wenig gelten sie für die Kinder- und Jugendliteratur, auf die ich abschließend eingehen möchte.

    In diesem Bereich sind die Vertragsbedingungen der Autoren gegenüber den Verlagen gewöhnlich noch um einiges schlechter. Zugleich verhält es sich vor allem in der Kinderliteratur so, dass Autoren meist nicht nur für einen Verlag arbeiten. Das stärkt ihre Position. Außerdem sind Kinderbuchautoren in aller Regel in der Lage, deutlich mehr Titel im Jahr zu produzieren als Autoren, deren Bücher umfangreicher sind. Trotzdem gibt es auch in der Kinder- und Jugendliteratur kaum Autoren, die als hauptberufliche Urheber zu bezeichnen wären.

    Tatsächlich leben insbesondere Kinderbuchautoren von Lesungen an Schulen oder in Kitas, einer Subventionsschiene, die, sieht man von den Beschränkungen durch Corona ab, nicht nur erstaunlich ausgebaut und stabil ist, sondern vielen Kolleginnen und Kollegen ein solides Einkommen beschert, das zudem Saison unabhängig gestaltet werden kann[5]. Obwohl die Veröffentlichung von Büchern die notwendige Bedingung dafür darstellt, sind diejenigen primär nicht mehr urhebende Autoren, sondern im Hauptberuf in der kulturellen Bildung oder als Unterhaltungskünstler tätig. Das ist weder ein Vorzug noch eine Schande. Es ist ein anderer Beruf, der meist aus Mitteln der öffentlichen Hand entgolten wird.
    [5] Ich weiß, wovon ich rede; ich habe deutlich mehr als tausend Schullesungen absolviert.

    Leider nehmen weder ver.di noch der VS die Differenzierung vor, die unabdingbar für eine erfolgreiche Gewerkschaftspolitik im Bereich Literatur ist[6].
    [6] ... und noch weitere Bereiche – bzgl. der Struktur der Einkünfte – genauer aufschlüsseln müsste.

    Wenn die Hauptstoßrichtung weiterhin darin besteht, das Urheberrecht in der bestehenden Form zu verteidigen, nützt das allein den Bestsellerautoren und den Verlagen. Der Großteil der Autoren bleibt außen vor.

    August 2021 / Januar/April 2022
    Michael Wildenhain
    Vorsitzender VS Berlin

    Michael Wildenhain

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Berlin
    © Marijan Murat

    Anmerkung

    Dieser Diskussionsbeitrag, der über mehrere Jahre entstanden ist, ist für mich eine Art Quintessenz der Antwort auf die Frage darstellt, warum Autorinnen und Autoren so gestellt sind, wie sie gestellt sind und weshalb Normvertrag und Urheberecht für die Mehrzahl von uns wenig bringen. Einige kennen diese Zusammenfassung schon – denn um eine solche handelt es sich –, aber ich wollte zum Ende der Wahlperiode noch einmal für eine etwas größere Verbreitung sorgen. Über einige Verteiler ist das Papier bereits gelaufen – mit nicht geringer Zustimmung als Reaktion.

    Der Diskussionsbeitrag ist das Produkt einer Zusammenarbeit. Mit beteiligt waren auch die Landesverbände Bayern und Niedersachsen. Vielen Dank noch mal an Achim, Arwed und Agnes. (Die Ergänzungen gehen allerdings auf mich.)

    Der Hintergrund bzw. die grundsätzliche Überlegung ist folgende: Der VS war einmal ein Verband, in dem sich auch ein erheblicher Teil der relevanten hauptberuflichen und renommierten Autoren versammelt hat. Dem ist schon lange nicht mehr so. Mittlerweile ist der VS extrem überaltert und organisiert kaum noch hauptberufliche Autoren (die es dennoch durchaus gibt).

    Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Strategie für eine Änderung dieses Zustandes – eine Maßnahme, die absolut notwendig ist – steht aus.

    Der Diskussionsbeitrag ist von der Überzeugung getragen, dass es als Grundlage für alles Weitere einer Forderung bedarf, hinter der sich professionelle Autoren erneut versammeln können. Darauf basierend kann dann eine Strategie zur Umsetzung entwickelt werden.

    Der Grundgedanke des Papiers besteht darin, die Rede vom »Buch als Kulturgut« ernst zu nehmen und materiell (im Sinne der Autoren) zu wenden. In gewisser Hinsicht entspricht das der Formulierung eines – neuen – Rechts (der primären Urheber), das sich unmittelbar aus der Publikation (des Buchs) ergibt: Die Verlage benötigen auch Bücher, die sich kaum verkaufen, um ein Programm zu gestalten; und die Veranstalter haben aufgrund der Menge der publizierten Bücher (die sich oft kaum verkaufen) die Möglichkeit, ebenfalls ihre Programme nach Gutdünken zu gestalten. usw.

    Das heißt: Allein durch die Publikation des Buchs profitieren die Verlage (auch ohne größere Umsätze) konkret und die Veranstalter potentiell. Beides muss gratifiziert werden.

    Michael Wildenhain
    Vorsitzender VS Berlin

    Die Diskussionsgrundlage
    kann als pdf-Datei hier geladen werden: