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    Kulturpolitikerin, Autorin, Literaturvermittlerin

    Kulturpolitikerin, Autorin, Literaturvermittlerin

    Regine Möbius über eine beeindruckende Stadt Leipzig,
    ihre Schreibwerkstatt und die Freude am Fasching

    von Traudel Thalheim

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Sachsen T. Thalheim Regine Möbius  – Die Leipzigerin erhielt für ihr gesellschaftliches Wirken das Bundesverdienstkreuz am Bande

    Als Journalistin trifft man viele Leute: Man befragt sie, man interviewt sie, man diskutiert mit ihnen. Manche dieser Begegnungen hat man bald wieder vergessen. Manche prägen sich ein. Einige sind so prägend, dass sie einen Platz im eigenen Leben bekommen. Es war Spätherbst 2006, genauer: Es war der 80. Geburtstag Werner Heiduczeks. Regine Möbius sprach als Vizepräsidentin des Verbandes Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein Grußwort.

    Einige Sätze sind mir in Erinnerung geblieben, die bezeugten, wie genau sie den Schriftsteller kannte. »Ich glaube, in seinem Werk eine intensive Zuneigung zu Leipzig gefunden zu haben, dieser Stadt, die ihre außerordentliche Buch- und Literaturtradition hinter die der Musik stellen will. In diese beeindruckende Stadt, in unser Sachsen, die auch mir so nah ist, hat sich Werner Heiduczek auch immer wieder vertieft als Zeitzeuge, Erzähler, Essayist, in Hörbildern, in Gesprächen und Diskussionen.«

    Wenige Tage später führte ich ein erstes Interview mit ihr. Viele Gespräche folgten. 2018 feierte die Kulturpolitikerin, Autorin, Literaturvermittlerin ihren 75. Geburtstag. Es war ein Abend mit vielen Freunden und Familie, eine literarisch-musikalische Reise, an die ich mich ebenso gern erinnere.
    Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des deutschen Kulturrates, war aus Berlin gekommen, um Regine für ihre unermüdliche Arbeit als Vizepräsidentin zu danken. Er betonte, dass er ihre Klugheit und Offenheit sehr schätze, erzählte, wie sie beide, er als »Wessi« und sie als »Ossi«, zueinander fanden, voneinander lernten und wie wichtig Regines Stimme im Kulturrat sei.
    Auch die Augsburgerin Eva Leipprand, Vorsitzende des Verbandes Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, hatte für ihre Stellvertreterin, deren großes Engagement, viele liebe Worte.
    Steffen Birnbaum vom Sächsischen Landesverband – er hatte mit Regine zig Jahre den literarischen Herbst geleitet – erinnerte auch an die abwechslungsreiche Vorspeise der Leipziger Buchmesse, an das literarisch-lukullische Lesevergnügen »Buchmesse schmeckt«. Gemeinsam mit Lutz Hesse von Leipzigs Studentenkeller, der Moritzbastei, erweckte sie 2005 dieses Schmeckerchen zum Leben – eine Gemeinschaftsveranstaltung des Schriftstellerverbandes, der Leipziger Buchmesse und der Moritzbastei. Bekannte Leipziger lassen sich dabei in ihr Lieblingsbuch gucken, lesen aus ihm und löffeln nachdem gemeinsam mit dem Publikum eine schmackhafte Suppe. 2021 fiel dieses spezielle Lesevergnügen wegen Corona aus. Dass es diesmal vor der Buchmesse im März stattfinden kann, hatte nicht nur Regine Möbius gehofft. Bedauerlicherweise gab es erneut eine Absage.

    Wie sie mir erzählte, habe sie von den ermutigenden Gesprächen mit den Bundespräsidenten Johannes Rau und Frank-Walter Steinmeier, mit dem Literaturnobelpreisträger Günter Grass, von der Begegnung mit Kanzlerin Angela Merkel persönlich profitiert. »Solch eine kluge, sehr aufmerksame, interessierte, freundliche, natürliche Politikerin kennenzulernen, das war für mich ein nachhaltiges Erlebnis«, betont sie.
    Auch auf Schriftsteller Erich Loest kommt die Rede, den kritischen Zeitzeugen und Ehrenbürger von Leipzig. Von Freundschaft ist da die Rede, von der klugen Beharrlichkeit, die sie an ihm schätzte, und schließlich von dem Denkmal zwischen zwei Buchdeckeln, das sie als Autorin mit den Titeln »Wortmacht und Machtwort – der politische Loest« und »Schneisen der Zeitgeschichte – Erich Loest als politischer Mensch« setzte. Auch mit weiteren Texten wie »Das halbvolle Glas«.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Sachsen T. Thalheim Regine Möbius

    Vor zwei Jahren gab Regine ihre Ämter im Kulturrat und im Schriftstellerverband ab, was nicht bedeutete, dass sie sich zur Ruhe setzt. Sie ist weiterhin die Vorsitzende des Arbeitskreises Gesellschaftlicher Gruppen im Haus der Geschichte in Bonn, hat weiter engen Kontakt zu Olaf Zimmermann, dem Chef des Deutschen Kulturrates, und sie leitet weiter ihre Schreibwerkstatt. Ein Gremium Schreibfreudiger. Sie besprechen ihre Texte, diskutieren über Ausdrucksformen, Stilelemente, feilen an Sätzen, nehmen dabei kein Blatt vor den Mund, machen sich mit neuer Literatur vertraut, stellen sich in öffentlichen Lesungen vor.

    So Krankenschwester Dorothea Frey, die das Gestalten von Texten liebt, Angestellter Michael Graul, der seinen Gedanken in einem Wartezimmer freien Lauf lässt, Diplomingenieur Eberhard Ziehm, der die Werkstatt sehr spannend findet, Physikerin Dr. Eva Lübbe, die sich mit Lyrik beschäftigt, Malermeister Markus König, der sich als Liedermacher einen Namen machte, in Bands spielte, während einer bösen Erkrankung seine literarische Ader entdeckte. »Durch die Pandemie trafen wir uns ab und an per Bildschirm, telefonierten und hoffen nun, dass wir uns bald wiedersehen, um unsere Kreativität zu pflegen. Ich bin wahnsinnig gespannt darauf«, so die Chefin der Schreibwerkstatt, die als Vorbild gesehen wird, vor allem deshalb, wie souverän sie ihr umfangreiches gesellschaftliches Wirken meistert, ohne dabei die Familie außer Acht zu lassen.

    Mit ihrem Günter, dem promovierten Chemiker, 1959 in der Schweiz Weltmeister im Kanuslalom, den sie als Chemielaborantin in der Akademie der Wissenschaften einst kennenlernte, hat sie schon die »Goldene« gefeiert, wurden sie durch Pfarrer Roland Pappe in der Laurentiuskirche erneut eingesegnet. Beide sind stolz auf ihre zwei Töchter – Sybille ist Schuldirektorin, Julia Geschäftsführerin – auf die drei Enkel, darauf, dass Warmherzigkeit zu den Familientrümpfen gehört. Ebenso wie der Wohnwagen, später das Wohnmobil, mit dem die Familie im Urlaub an den Balaton fuhr, später an den Gardasee und bis Portugal.

    Dass Regine Möbius eine Frohnatur ist, das weiß ich. Dass sie auf Fasching steht, das erfuhr ich erst jetzt. Sie erzählte darüber in ihrer kürzlich erschienen LVZ-Kolumne »Weiberfastnacht, wie sie singt und lacht«. Darin verriet sie, dass es beim Weiberfasching auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung an den Kragen ging. Bei »Buchmesse schmeckt«. Er war ein packender Vorleser, schreibt sie, und es war Weiberfastnacht, in der den Männern die Krawatte gestutzt wird. »,Bitte nicht!’, drang die Jungsche Stimme an mein Ohr. ,Sie ist ein Geschenk, außerdem habe ich dann Ratssitzung.’ Ich zögerte einen Moment. Dann kam meine Schere zum Einsatz ...«, stand da geschrieben. Eine lesenswerte Kolumne. Schön, dass Regine Möbius zum achtköpfigen LVZ-Kolumnisten-Team gehört.

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    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Sachsen
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