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    Die Vielfalt der Europäischen Literatur ist bedroht

    Die Vielfalt der Europäischen Literatur ist bedroht

    SCHRIFTSTELLERINNEN UND SCHRIFTSTELLER, ÜBERSETZERINNEN UND ÜBERSETZER
    FORDERN EIN RESSORTÜBERGREIFEDNES POLITISCHES ENGAGEMENT FÜR AUTORINNEN/AUTOREN
    UND DIE KULTUR

    Brüssel, 2. Juni 2020

    Schriftstellerinnen/Schriftsteller und Übersetzerinnen/Übersetzer Europas rufen die Entscheidungsträgerinnen/-träger auf, sich umfassend, nachhaltig und ressortübergreifend für Autoren, Autorinnen und die Kultur zu einzusetzen. Der EWC entwickelte 37 Maßnahmen zur Unterstützung der Schriftsteller und Übersetzerinnen, zum Schutz der Vielfalt der Literatur und der Erhaltung der Wertschöpfungskette im Buchmarkt während und nach der Covid-19-Krise.

    Ausgehend von der Umfrage des European Writers' Council »The Economic Impact of Covid-19 on Writers and Translators in the European Book Sector«, die in 24 Ländern erhoben wurde und online verfügbar ist, sind die Folgen für die Autoren und Autorinnen existenzbedrohend, sollten nicht umgehend kurz- und langfristige Maßnahmen eingeleitet werden. Die Vielfalt der europäischen Literatur und die Wirtschaftskraft des gesamten Buchmarktes stehen auf dem Spiel.

    Die wichtigsten Ergebnisse der 30-seitigen EWC-Umfrage:

    • Autoren und Übersetzerinnen haben nicht nur einen erheblichen Verlust aufgrund von Veranstaltungen, die bis Ende des Jahres abgesagt werden – sie haben oft auch keinen Anspruch auf Unterstützung in vielen nationalen Hilfsprogrammen.
    • Es wird erwartet, dass nationale und transnationale Organisatoren von Literaturveranstaltungen auch im restlichen Jahr 2020 Veranstaltungen absagen werden, um Kosten und Risiken zu vermeiden. Das öffentliche literarische Leben wird nahezu vollständig zum Erliegen gebracht, für viele Autorinnen bedeuten dies einhundert Prozent Einkommensverlust.
    • Die Online-Aktivitäten und der digitale Vertrieb brauchen Unterstützung durch Finanzierung und eine wesentlich autorenfreundlichere Gesetzgebung sowie klarer Vergütungssysteme.
    • Wenn alle oben genannten Konsequenzen zusätzlich auf eine Situation treffen, in der das Urhebervertragsrecht oder ein Rahmen für transparente Vereinbarungen und Vergütungsregeln mit Vertragspartnern noch nicht umgesetzt ist, ist die Schlüsselrolle der Autoren und Autorinnen als primäre Quelle der Buchwelt stark gefährdet.
    • Die Verkleinerung der Verlags-Programme wird zu schätzungsweise 150.000 weniger neuen Titeln jährlich in ganz Europa führen, zu geringeren Vorschüssen und Lizenzgebühren, zu verspäteten Zahlungen, und zu einem erschwerten Marktzugang für neue Autoren und Autorinnen, Nischenthemen, und Übersetzungen aus weniger geschriebenen und gesprochenen Sprachen.

    In jeder Krise gibt es eine Chance – wenn wir sie nutzen. Die Krise hat die Sollbruchstellen der Buchwelt aufgezeigt: zu niedrige Vergütung, die Rücklagen kaum möglich machen, die fortgesetzt schwache Verhandlungsposition der Autoren und Autorinnen, und die seit Jahren sinkende Vergütung aus digitaler Verwertung. Die Krise zeigt ebenso die hilflos geduldeten Abhängigkeiten von Vertriebsmonopolen, und die Lücken von Rechts-, Kultur- und Marktpolitik.

    Es ist an der Zeit, sich zu einem System-Update zu verpflichten, um diese Mängel zu beheben, die heute die Existenz von Schriftstellerinnen/Schriftstellern und Übersetzerinnen/Übersetzern bedrohen, und damit das Rückgrat der am meisten geschätzten europäischen Ideale: Vielfalt und Meinungsfreiheit, faktenbasiertes Wissen und Pluralismus, emotionale, intellektuelle und kulturelle Identifikation, Innovation im Denken und die geistige Schaffung neuer – und manchmal besserer – Welten.

    Diese Ideale und die Unterstützung von Schriftstellerinnen und Übersetzern sind kein Luxus. Ein zukunftsfähiges Europa muss in seinem Eintreten gegen Fake-News und extreme Tendenzen, und in seiner Hoffnung auf Zusammengehörigkeit und Kultur-Austausch dafür sorgen, dass die intellektuellen Quellen des Wissens und der menschlichen Bildung nicht versiegen - denn jede Innovation, jede Entwicklung, jeder Wiederaufbau nach einer Krise beginnt mit einem Autor, einer Autorin.

    In diesem Sinne fordern die 41 Mitgliedsorganisationen des EWC die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger auf, rasch und entschlossen zugunsten der Schriftstellerinnen und Übersetzer zu handeln:

    EUROPA BRAUCHT DAS UMFASSENDE POLITISCHE ENGAGEMENT FÜR KULTUR

    Nur das Zusammenwirken von Urheberrechtspolitik, Kulturpolitik, Wirtschaftspolitik und Regionalentwicklung kann dazu beitragen, die gesamte europäische Kulturlandschaft während und nach der gegenwärtigen Krise substanziell zu schützen und innovativ zu gestalten.

    Um die Entscheidungsträger bei dieser Aufgabe zu unterstützen, hat der EWC in seiner Studie 37 Empfehlungen für kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen zur Unterstützung der Autoren, Autorinnen, Übersetzer und Übersetzerinnen zusammengestellt. Eine Auswahl:

    • Eine durchsetzungsfähige Umsetzung von Kapitel 3 der DSM-Richtlinie zum Urheberrecht,
    • Entschädigungsfonds für vergangene und zukünftige Verluste,
    • Vergütungssysteme für Online-Aktivitäten für Autoren und Autorinnen,
    • eine nationale Erhöhung der Budgets für Bildungsressourcen,
    • nachhaltige Aktionen gegen E-Book- und Hörbuch-Piraterie,
    • die Harmonisierung der Arbeitsbedingungen und sozialen Sicherheit,
    • Regionalentwicklung zur Erhaltung kultureller Stätten,
    • nachhaltige Finanzierung für den europäischen Literaturaustausch,
    • »ein Buch für jedes Kind« – zur Unterstützung der Leseförderung,
    • Die Ausweitung der Programme von Creative Europe auch im Hinblick auf Vielfalt, Inklusion und Gleichstellung.

    Das European Writers‘ Council, der 150.000 professionelle Schriftsteller und Übersetzer aus 41 Organisationen und 27 Ländern vertritt, fordert die Mitglieder des Europäischen Parlaments, die Entscheidungsträgerinnen/-träger der Europäischen Kommission, der EU-Mitgliedstaaten und die Regierungen der Nicht-EU- und der EAA-Länder auf, rasch und entschlossen ressortübergreifend zu handeln, um die europäische Vielfalt der Literatur und Kultur während und nach der Covid-19-Krise zu erhalten und wieder aufzubauen.

    Die Folgen der Krise müssen in einen fairen und nachhaltigen Neuanfang umgewandelt werden.

    gez. Nina George
    Präsidentin

    gez. Myriam Diocaretz
    Generalsekretärin

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di | EWC EWC EWC-Umfrage  – Teaserbild


    Das Statement des EWC
    vom 2. Juni 2020 kann in Deutsch und Englisch
    als pdf-Datei hier geladen werden.
    Hier auch zum Statement (Englisch)

      

    Alle Ergebnisse der Umfrage ...

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di | EWC
    © EWC

    ... können als pdf-Datei hier geladen werden
    Hier auch zur Zusammenfassung der Studie (Englisch)