Nachrichten

    Frieden anzetteln

    Frieden anzetteln

    Erhard Scherner zum 90. Geburtstag

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Henry-Martin Klemt Erhard Scherner

    Als wir uns neulich trafen, war er ein wenig erschöpft. Er war aufgestanden zu einer Demonstration, hatte sich auf den Weg gemacht mit anderen zusammen, aber dann stürmten diese siebzigjährigen Heißsporne voran, ohne sich umzusehen, und es kam ihn eine Schwäche an, dass er innehalten musste. Ein Streifenwagen brachte ihn nach Hause.

    Das erzählte Erhard Scherner am Abend, und mir schien, da war das listige Funkeln eines Schelms in seinen Augen. Wir sprachen über den Dichter KuBa, der die Odyssee des Dichters Louis Fürnberg halbwegs glücklich zu beenden wusste, und dann ließ Erhard mich den Backenzahn eines Mammuts bestaunen, der dem Zahn der Zeit nicht unähnlich schien.

    Mehr als 40 Jahre kennen wir uns. Damals kümmerte Scherner sich wie andere seiner Kollegen um junge Poeten, deren einer ich war. Er war nicht laut, er hat einen Widerwillen gegen alles Obszöne – in der Literatur wie in der Politik – und er gestaltete seine Seminare so, dass sich am Ende jeder, wirklich jeder, ernst genommen fühlte und ein bisschen reicher. Schreiben ist Anstrengung genug, da soll es auch eine Lust sein.

    Schon in den Fünfzigerjahren hatte es den promovierten Germanisten nach China verschlagen. Das passt zu ihm, dachte ich mir. Wie er auch dort den Spuren der Dichtung folgte, zurück bis zu Du Fu und anderen, damit sie uns noch etwas sagen können.

    In Scherners »Geschichten vom LaoWai« steht, was ihm noch widerfuhr. In seinem Band »Mein liebstes Stück Garten« hat er märkische Geschichten ausgebreitet. Was dazwischen war, als Mitarbeiter von Alfred Kurella und später Hüter von dessen Archiv, steht in »Der chinesische Papagei«.

    Gedichte, Nachdichtungen schrieb er immer. Vermutlich hat er sie selbst nicht gezählt, obwohl er uns lehrte, wenigstens etwas Eigenes stets »zufällig« bei uns zu haben. Es könnte ja eine Demonstration geben oder ein schönes Funzellicht in einem Café.

    Was kann der Dichter? Frieden anzetteln, schreibt Scherner im »Entwurf eines Spiegelbilds«. Zwischen Völkern. Zwischen Mann und Frau.

    Herzlichen Glückwunsch,
    lieber Erhard, zu Deinem 90. Geburtstag.

    Henry-Martin Klemt

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di ver.di SPRACHROHR


    aus: SPRACHROHR 1/2019 [pdf-Datei, 3 MB]

    DU FU SPRICHT

    Es ist nicht wichtig, wann und wo wir waren,
    wenn Poesie der Zeit die Runzeln strafft.
    Ich hab´s in tausend und dreihundert Jahren
    vom fernen China bis zu Euch geschafft.

    Um Trost zu spenden, muss der Vers bewahren
    das Schwesterpärchen: Schönheit und Vernunft.
    ´s ging ihnen schlecht, wie heut, in jenen Jahren.
    Ich nährte sie, gab ihnen Unterkunft.

    Weil ich nicht reich war, sind sie arm geblieben.
    Zum Herrschen fehlte ihnen das Talent.
    Die meisten Wege gingen sie getrennt.

    Es ist, als wär es gestern erst gewesen.
    Nun könnt Ihr es in Eurer Sprache lesen,
    so wie es Erhard Scherner aufgeschrieben.

    Henry-Martin Klemt
    Juni 2016



    Maja Wiens

    veröffentlichte ebenfalls
    eine Laudatio auf Erhard Scherner: