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    Ein schreibender Seemann

    Ein schreibender Seemann

    Walter Kaufmann half immer entschlossene Unerschrockenheit

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Berlin Ch.v.Polentz | transitfoto.de Walter Kaufmann

    Der jüdische Autor Walter Kaufmann (eigentlich Jitzchak Schmeidler), 94, hat gerade sein neues Buch »Die meine Wege kreuzten« im verlag für berlin-brandenburg veröffentlicht. Er ist Verfasser von Romanen, Erzählungen und Reportagen. Für die Stoffe greift er auf Erlebnisse aus seinem bewegten Leben in Europa und Übersee zurück. Eine Facette bilden autobiografische Bücher über sein Schicksal als jüdischer Emigrant. Seine literarischen Anfänge in Australien waren eng mit der dortigen Gewerkschaftskultur verbunden.

    Sydney 1953. Der neunzehnjährige Walter Kaufmann, der eben seinen Erstlingsroman Voices in the Storm bei der gewerkschaftsnahen Australian Book Society veröffentlicht hatte, war gebeten worden, bei einer großen antifaschistischen Veranstaltung in der Town Hall zu sprechen, die von linken Gewerkschaften, Seeleuten, Hafenarbeitern, Bergmännern, Eisenbahnern und der KP unterstützt wurde. »Im Saal herrschte Spannung, die Stimmung war erwartungsvoll, und irgendwann war mir, als würde ich auf dem Weg zum Podium auf Händen getragen.« Vor dem Mikrofon versagte ihm zunächst die Stimme, bis er plötzlich doch »Begebenheiten aus dem Deutschland der Nazis bildhaft zu schildern vermochte«. Und als er »warnend von Gewehr, Peitsche und Galgen sprach, brach tosender Applaus los«.

    Intensiv Leben, intensiv beobachten

    Nicht für jeden aus Deutschland geflohenen Juden hat das Exil solche Anerkennung gebracht wie für Kaufmann, der von sich sagt, dass das Leben es besonders gut mit ihm gemeint hätte. Sicher war immer wieder Glück dabei im Spiele. Geholfen hat ihm aber auch die entschlossene Unerschrockenheit, mit der er den schwierigsten Herausforderungen begegnete.

    Aber etwas hat er sich nicht verzeihen können. Als ihn seine Mutter, im Januar 1939, an seinem 15. Geburtstag, im Duisburger Bahnhof in einen Zug setzte, der ihn ins Exil bringen sollte, versuchte er, sie mit der von einer Hausangestellten aufgeschnappten Behauptung zu tröste:n er sei doch gar nicht ihr richtiges Kind. Damit habe er ihr wohl »den Schmerz ihres Lebens« zugefügt, das wie auch das Leben des Vaters, in Theresienstadt endete.

    Da der wohlhabende Onkel, der ihn in London in Empfang nehmen sollte, nicht zur Stelle war, landete Walter in der Bahnhofsmission. Der Onkel holte ihn einen Tag später ab, brachte ihn sofort in ein Internat, das er bezahlte, ohne sich je wieder um ihn zu kümmern. Als Sechzehnjähriger wurde der Junge aus dem Internat herausgerissen, als »feindlicher Ausländer« interniert und nach Australien deportiert. Dort meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und arbeitete später als Obstpflücker, Straßenfotograf und Seemann in der Handelsmarine. Hier schloss er sich dem links engagierten Milieu an, handelte sich aber schwere Prügel ein, als ein Kollege in seiner Gesäßtasche eine Broschüre mit dem Titel A workingman`s Lenin erblickte. »Nice work«, schrie der Mann, »another fucking Red on the waterfront«.

    Kaufmann ist ein intensiv lebender und zugleich intensiv beobachtender und reflektierender Mensch, der schon früh darauf aus war, seine Erfahrungen schlüssig zu Papier zu bringen und daher Mitglied der Melbourne Realist Writers Group wurde Als Delegierter der Australian Seemans Union besuchte er 1956 die Weltjugendfestspiele in Warschau und anschließend Deutschland. Da er in Duisburg nicht freundlich behandelt wurde und nicht einmal einen Fuß in sein Elternhaus setzen konnte, entschloss er sich 1957, in die DDR überzusiedeln, ohne jemals seinen australischen Pass aufzugeben. Damals erst fand er die Bestätigung, dass er tatsächlich ein Adoptivkind und als Sohn einer jüdischen Verkäuferin im Scheunenviertel unter dem Namen Jitzchak Schmeidler geboren worden war.

    Autobiografisches »im Fluss der Zeit«

    In der DDR konnte sich Walter Kaufmann als freischaffender Autor niederlassen. Die ersten vier Bücher mussten noch aus dem Englischen übersetzt werden. Dann hatte er sich auch in seiner Muttersprache wieder freigeschwommen. Er publizierte spannungsgeladene Romane und Short Storys, trat auch mal als Filmdarsteller auf. Wichtig war seine Reportagetätigkeit im Ausland, die er zum Teil wieder als Seemann der Handelsmarine der DDR unternahm.

    In den USA wohnte er dem Prozess von Angela Davis bei und unternahm auch Reportagereisen nach Israel. Von 1985 bis 1993 war er Generalsekretär des PEN-Zentrums der DDR.

    Nach der Wende hatte auch Kaufmann seine Verlage verloren, gehörte aber zu den wenigen Autoren der verschwundenen DDR, die weiter publizieren konnten. Mehr und mehr wandte er sich autobiographischen Themen zu, die er stets mit einer aktuellen Perspektive zu verbinden verstand. Verblüffend sind die freimütigen Rekapitulationen seiner zahlreichen Liebesabenteuer, in denen er keineswegs als klassischer Verführer à la Don Juan erscheint, sondern vielmehr bals ein Mann, der die Bekanntschaft sehr selbstständiger und sexuell emanzipierter Frauen sucht. Deshalb kam es auch bei Überschneidungen von Partnerschaften zu keinen klassischen Tragödien.

    Kein Wunder, dass Geheimdienste das auszunutzen suchten. Es war kein Zufall, dass er während einer Mission für das Olympische Komitee der DDR in Brüssel von einer attraktiven Amerikanerin nach dem Weg zur sowjetischen Botschaft gefragt wurde. Daraus entwickelte sich eine Liebesgeschichte, in deren Verlauf sogar Kaufmanns Ehe mit seiner australischen Frau in die Brüche ging. In den Stasiberichten stand etwas von gemeinsamen Reisen nach Moskau, die nie stattgefunden hatten. Nachdem man sich eine Weile aus den Augen verloren hatte, hörte Kaufmann zufällig ihre Stimme als englische Sprecherin von Radio Belgrad. Er rief sie an und bekam das Geständnis aufgetischt, dass sie eine Agentin des State Department gewesen sei und die Seiten gewechselt habe. Die längste Zeit war Kaufmann mit der Schauspielerin Angela Brunner verheiratet, mit der er auch zwei Kinder hat.

    Es war eine Ausnahme, dass das deutsche PEN-Zentrum auf seiner diesjährigen Jahrestagung den mittlerweile Vierundneunzigjährigen gebeten hat, aus seinem jüngsten Buch »Die meine Wege kreuzten« zu lesen, das seine ebenfalls sehr empfehlenswerte Autobiographie »Im Fluss der Zeit« ergänzt. Auch jetzt herrschte erwartungsvolle Spannung. Zwar musste er sich etwas helfen lassen, um auf das Podium zu steigen. Aber die Stimme versagte ihm nicht wie damals in Sydney. Vielmehr trug er drei nach dem Zufallsprinzip ausgewählte und allesamt perfekt pointierte Porträts vor.

    SABINE KEBIR