Nachrichten

    Nachruf für Birgit Herkula

    Nachruf für Birgit Herkula

    Nach einem Jahr tapferen Kampfes gegen den Hirntumor erlag die Magdeburger Schriftstellerin Birgit Herkula am 7. Februar 2020 dieser schweren Krankheit, wenige Tage vor ihrem 60. Geburtstag.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Sachsen-Anhalt Förderverein Birgit Herkula

    Mir wird ihr freundliches »Guten Morgen« fehlen. Immer wenn ich sie anrief, begrüßte sie mich mit guter Laune. Bis fast zum Schluss bewahrte sie sich den trockenen Humor. Zum ersten Mal begegnete ich ihr 1979, als sie zu uns in den »Zirkel Schreibender Studenten« kam, den Wolf D. Brennecke an der Technischen Hochschule Magdeburg leitete. Direkt von der Erdgastrasse in Perwomaiskij traf sie 1980 beim Zentralen Poetenseminar in Schwerin ein und brachte Geschichten aus einer anderen Welt in unsere.

    Mit ihr verlieren wir eine Lyrikerin, Erzählerin und Kinderbuchautorin. Mit ihr verlieren wir vor allem eine Autorin, die sich einmischte und ihren Beruf als Einmischung in die Gesellschaft verstand. Als im Jahr 2006 Neonazis in Pretzien das Tagebuch der Anne Frank verbrannten, fuhr sie dorthin und arbeitete mit Jugendlichen gegen das Vergessen. Gemeinsam mit Schülern aus Schönebeck entstand 2007 das Buch »Auf den Spuren der Bücherverbrennung«.

    Wenn es darum ging, in der Öffentlichkeit die Stimme gegen Rechts zu erheben, war sie dabei mit aufrüttelnden Texten wie dem Gedicht »Brot«, das sie unter dem Eindruck des Besuchs in Theresienstadt schrieb. Sie sagte, für »Brot« habe sie einen Tag gehungert, um den Hunger der Gefangenen nachempfinden zu können.

    Für die aus Magdeburg nach Theresienstadt deportierten jüdischen Mitbürger war sie Mitinitiatorin der Gedenktafel, die seit 2013 dort im Columbarium erinnert.

    Von der Südtiroler Gemeinde Olang erhielt sie ein Aufenthaltsstipendium als Dorfschreiberin. Mit dem literarischen Tagebuch »Lang, oh lang, mein Olang«, das 2014 erschien, wurde sie zur kulturellen Botschafterin Sachsen-Anhalts und pflegte den Kontakt nach Olang bis zuletzt.

    Für Kinder schrieb sie gern und gab in vielen Schreibwerkstätten des Friedrich-Bödecker-Kreis Sachsen-Anhalt e. V das Handwerk des Schreibens weiter. Fünf Jahre lang engagierte sie sich im Vorstand des Schriftstellerverbands, einige Jahre auch im Vorstand des Fördervereins der Schriftsteller. Wir verlieren mit ihr eine wichtige Stimme.

    Renate Sattler
    Vorsitzende des VS Sachsen-Anhalt

    Brot

    Die Häuser sonnen sich im späten Licht des Abends.
    Der Bazar schließt, die Bäckerei braucht niemanden
         mehr,
    der für die grauen Ghetto-Kronen ein letztes Brot
         kaufen will,
    die Krumen vom Boden klaubt,
    an den Klangschatten der Kinder vorbei huscht.
    Sie lachen gegen das Schwarz der Waffen,
    der Uniformen, der Stiefel, des Hungers, der Angst.

    Ich breche das Brot und denke nicht an das
         Sattwerden,
    an die Leere am Morgen eines jedweden Tages ...