Nachrichten

    Solidarität in Zeiten von COVID-19

    Solidarität in Zeiten von COVID-19

    Handreichung für die Unterstützung selbständiger und freier Kulturschaffender

    Unter den Maßnahmen gegen die Verbreitung des Covid-19 leiden nicht nur Künstlerinnen und Künstler. Veranstaltungsabsagen treffen diese Gruppe der Solo-Selbständigen und Freelancer im Kultur- und Kreativbereich besonders hart, weil sie meist prekär leben.

    Jetzt sind Kunstschaffende selbst, aber auch ihre Interessensvertretungen, die öffentliche Hand, Gesellschaft, Medien und Institutionen gefragt, sich für den Erhalt der lebendigen, freien und vielfältigen Kultur einzusetzen.

    Denn Kultur ist mit ca. 1,7 Millionen Kernbeschäftigten insgesamt (und davon ca. 500.000 Soloselbständigen) nicht nur drittstärkster Wirtschaftsfaktor (in Deutschland), sondern auch Grundnahrungsmittel einer freien und demokratischen Gesellschaft – und wird, gerade jetzt, wenn Sozialkontakte vermieden werden sollen und die häusliche Freizeit gefüllt werden will, mehr denn je genutzt werden. Gleichzeitig werden Autorinnen/Autoren und Künstlerinnen/Künstler dabei hohe Verluste durch ausfallende Engagements erleiden. Diesen Widerspruch gilt es aufzulösen – denn wer die Kultur für morgen erhalten will, sollte sich heute für sie einsetzen.

    Der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in ver.di) empfiehlt folgende Maßnahmen zur Unterstützung von Kulturschaffenden durch öffentliche Hand, Verwerter, Verwertungsgesellschaften, aber auch durch die Medien und Bürgerinnen/Bürger:

    Ausfalldokumentierung

    • Künstlerinnen und Künstler sind angehalten, abgesagte und ausgefallene Lesungen und Auftritte mit Datum, Zeit- und Gehaltsangaben sowie Veranstalter (privatwirtschaftlich oder teilweise/komplett öffentliche Hand) zu dokumentieren;
    • Eigene Schätzung der Verluste auf den Monat / das Jahr: xx ausgefallene Lesungen / Auftritte entsprechen xx Prozent Ausfall des Gesamtumsatzes;
    • Selbstdokumentation von abgesagten oder ausgefallenen Workshops mit Datum, Zeit und Gehaltsangaben, ob privatwirtschaftlicher Veranstalter oder Veranstalterin mit öffentlichen Mitteln, und gegebenenfalls bereits geleisteter Zahlungen (Raummiete, nicht erstattungsfähige Reisekosten);
    • Dokumentation von ausgefallenen Residenzstipendien, mit Angabe von Dauer, Monatsprämie, gegebenenfalls bereits investierten Kosten;
    • Dokumentation von ausgefallenen weiteren honorierten öffentlichen Auftritten: Vorträge, Keynotes, Panel-Teilnahme. Datum, Zeit, Ort, gegebenenfalls nicht erstattungsfähige, bereits geleistete Reisekosten;
    • Dokumentationen sammeln und im Fall von Notfallförderung einreichen.

    Beispiel-Vorlage

    • Autorin/Autor | Künstlerin/Künstler:
    • Sektor und Genre:
    • Ort, Datum und Veranstalterin/Veranstalter:
    • Art der Veranstaltung / des Projekts:
    • Öffentlicher oder privatwirtschaftlicher Veranstalter:
    • Vereinbartes Honorar:
    • Ausfallhonorar:
    • Auf eigene Veranlassung abgesagt:
    • Wegen Reisebeschränkungen:
    • Veranstalterin/Veranstalter hat abgesagt | wie kurzfristig | wann:
    • Bereits getätigte Ausgaben, die nicht rückvergütet wurden/werden – welche:
    • Höhe:
    • Verlorener Honorar-Anteil am Gesamtumsatz in %:
    • Wird der Termin wiederholt?

     

    Alternativen prüfen

    • Angebot des Verlegens von Lesungen etc. auf digitale Medien. Hierbei Vergütungssysteme bzw. mangelnde Vergütung dokumentieren;
    • Monetarisierungen durch eigene, individuelle YouTube-Kanäle (Lesungen etc.) aufzubauen dauern in der Regel zu lang, um eine kurzfristige Ausfallhilfe darzustellen. Hier können Kanäle von Verlagen oder Labels eine Ausweichmöglichkeit sein.
      Hier Informationenzum YouTube-Partnerprogramm;
    • Crowdfunding per Kickstarter, Gofundme, Indiegogo:
    • Statt Präsenzworkshop: Webinar, gegebenenfalls vom Veranstalter mitzuorganisieren.

    Notfallmaßnahmen

    Notfallmaßnahmen, die von Autorinnen-/Autoren-Organisationen und anderen Organisationen Kulturschaffender überprüft werden sollen und gegebenenfalls mittels Resolutionen und Anfragen an die Institutionen gestellt werden.

    Verwertungsgesellschaften

    • (In Deutschland haben wir 13): Errichtung oder Sonderausstattung eines Notfallfonds nach Vorbild der VG Wort.
      Der VG Wort-Sozialfonds ist für Wahrnehmungsberechtigte der VG Wort offen, die sich einer Bedürftigkeitsprüfung unterziehen. Ein Beirat entscheidet über die Zahlungen. Bei Härtefällen kann auch zwischen den regelmäßig stattfindenden Sitzungen des Beirats entschieden werden, siehe auch hier;
    • Alternative/Kurzfristige Vergütungsmechanismen für digital stattfindende Auftritte, Lesungen usw., etwa: Einrichtung eines Sondertopfes METIS bei der VG Wort.

    Künstlersozialkasse

    • Wer sein Einkommen aufgrund von Einbrüchen durch Absagen o.ä. nach unten korrigieren muss, sollte dies unbedingt auch der Künstlersozialkasse melden.
      Damit sinken auch die monatlichen Beitragszahlungen. Hier das Formular [pdf-Datei, 272 KB];
    • Die KSK sollte für 2020 den Mindestgewinn aussetzen/herabsetzen, der zur Berechnung der Mitgliedschaft in der KSK dient, damit Künstlerinnen oder Künstler nicht ihre geförderte Sozialversicherung verlieren.

    Die öffentliche Hand

    • Bildung einer Notfallkasse für existentiell bedrohte Kulturschaffende und -Betriebe;
    • Kurzfristige und bezüglich Beitragszahlungen prozentual an das Einkommen geknüpfte Arbeitslosenversicherung für selbständige Künstlerinnen und Künstler;
    • Komplette oder Teilauszahlung von z.B. Residenz-Stipendiengeldern;
    • Veranstalter, die durch die öffentliche Hand gefördert werden, sollten nicht zu einer Rückzahlung gezwungen sein. Diese würden den aufgewendeten Gesamt-Etat eines Veranstalters reduzieren. Dementsprechend würde eine Mittel-Beantragung im darauffolgenden Jahr geringer ausfallen, denn oft berechnen Mittelgeber die Auszahlung am vorherigen Jahresetat;
    • Gleichzeitig soll das Budget, wenn es nicht an die Autorinnen/Autoren ausgezahlt wird, bei ausgefallenden Projekten oder Veranstaltungen bei den geförderten Veranstaltern verbleiben, ohne dass es ihnen zum Nachteil ausgelegt wird. Öffentliche Kulturbudgets müssen vollumfänglich erhalten und nicht reduziert werden, ganz gleich ob Veranstaltungen stattfinden oder nicht;
    • Überbrückungsförderung für Repräsentanzorganisationen der Kulturschaffenden für deren Beratungs- und Kulturarbeit;
    • Bund und Länder: das Bundesministerium der Finanzen sollte die Einkommenssteuervorauszahlungen von Künstlerinnen und Künstlern aussetzen oder verringern sowie Stundungen ermöglichen;
    • Direkter Einbezug der Organisationen von Kulturschaffenden und Veranstalterinnen/Veranstaltern bei Ausgestaltung und Umsetzung der konkreten Maßnahmen.

    Organisationen der Kulturschaffenden

    • Überprüfung der Statuten, in wie weit Versammlungen digital erfolgen können;
    • Evaluation der Einkommenssituation und Arbeitsbedingungen der Mitglieder (nicht nur unter Krisen-Aspekten);
    • Aufruf zur Datenerhebung der Honorarausfälle unter Mitgliedern, anonymisiert, um entsprechende Hochrechnungen und Forderungen darstellbar zu machen;
    • Aussetzen oder Reduktion der Mitgliedsbeiträge diskutieren;
    • Bisher nicht-organisierte Kulturschaffende, die noch keinem Verein oder keiner Gewerkschaft angehören, unterstützen und ein mögliches Aussetzen oder Reduzieren von Mitgliedsbeiträgen im Jahr 2020 für Neuaufnahmen diskutieren;
    • Verteilung von Geldern aus den angekündigten Notfallfonds (siehe auch hier) über legitimierte Interessensvertretungen (Verbände/Vereine) an Mitglieder ermöglichen.

    Verlage/Verwerter

    • Ausschüttungen aus elektronischer Rechteverwertung verdoppeln oder am Nettopreis statt Erlös orientieren;
    • Tantiemen nicht einmalig nach Stichtag 31.12. auszuschütten, sondern bereits jetzt kurzfristig Abschlagszahlungen leisten;
    • Solidarität mit Autorinnen und Autoren: Verlage stimmen 2020 zur 100%-igen Autorinnen-/Autorenbeteiligung zu (mit gesetzlicher Gewähr dieses Sonderfalls);
    • Autorinnen/Autoren und Künstlerinnen/Künstler des Hauses verstärkt auf allen sozialen Medien vorstellen und weitere Sichtbarkeitsinstrumente entwickeln (Verlagspodcasts).

    Öffentlichkeit

    • Bestellungen weiterhin im (lokalen) Buchhandel tätigen;
    • Vorzugsweise eBooks und andere digitalisierte Werke kaufen, anstatt über Abo- oder Flatrate-Modellen zu beziehen. Für Autorinnen/Autoren bedeutet ein Kauf statt Leihe oder Flatrate oft die Vervierfachung der Honorartantiemen;
    • Bereits bezahlte Tickets ausgefallener oder verschobener Veranstaltungen gegebenenfalls aus Solidarität mit der Veranstaltungsleitung oder den Künstlerinnen/Künstlern nicht zurückfordern;
    • Über die Lieblingsautorinnen/-autoren reden, bloggen, twittern.

    Medien und Presse

    • Weiterhin über Kulturschaffende berichten, auch wenn diese nicht auftreten;
    • Online-Medien: können digitale Plattformen bereitstellen für Übertragungen von Studio-Lesungen, Auftritten, Musik etc.;
    • Studiogäste aus dem Kulturbereich für ihren Einsatz bei längeren Gesprächen, auch Interviews, vergüten.

    Die Handreichung des VS ...

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    © VS

    ... kann als pdf-Datei hier geladen werden: