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    Nichts als Hochdruck

    Nichts als Hochdruck

    Das siebente Treffen von Mitgliedern des VS Brandenburg
    im Frühjahr 2022 in Blossin – ganz im Zeichen von Ilse Aichinger

    von Thomas Bruhn

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Brandenburg pa Ilse Aichinger  – 1951

    Eigentlich schrieb sie mehrere Geschichten, die zusammengehören und ein mosaikartiges Gesamtbild ausmachen. Die poetischen Bilder, die sie benutzt sind von solcher Kraft, dass sie sich im Leser festschreiben. Manche Szenen lassen einem den Atem stocken. Aichinger bricht, wenn die Situation hoffnungslos wird, in Traumvisionen auf. Manchmal ist nicht zu leicht zu entscheiden, wo die Protagonistin Ellen sich gerade befindet.

    Aber der Reihe nach: Blossin 2022 war das verflixte siebte Mal. Die Organisation entwickelte sich zu einem Puzzle ohnegleichen. Mit den Regeln ging es rin in die Kartoffeln und raus aus die Kartoffeln und an manchem Tag sah es so aus, als müsse das Treffen in den Wolziger See fallen. Zum guten Schluss jedoch, konnten um die zwanzig Kolleginnen und Kollegen anreisen.

    Wie immer gab es am Freitag eine Schreibwerkstatt und am Abend eine Lesung. Der Sonnabend begann mit Yoga, speziell für Werktätige, die viel am Schreibtisch sitzen; es gab Körperstimmtraining und Sprecherziehung. Nach dem Mittagessen, bei Sonnenschein und kühlen Temperaturen – Hochdruck eben –, übten wir uns im Bogenschießen. Bogenschießen und Schreiben sind verwandt: Mit dem Pfeil trifft man ins Weiße, mit dem Wort ins Schwarze. Aber beide Male trifft man, in die Mitte. Zu beidem braucht es Handwerk, Ruhe und Konzentration.

    Im Jahr 2021 veröffentlichte der S. Fischer Verlag, anlässlich des hundertsten Geburtstags Ilse Aichingers den Band »Aufruf zum Mißtrauen. Verstreute Publikationen 1946 -2005.« In dem Band findet sich der Text »Aufruf zum Mißtrauen« von 1946. Dieser Text war der Auslöser, uns mit dem Werk Aichingers näher zu befassen. Ein Jahr nach Kriegsende schrieb sie: »Trauen wir dem Gott in allen, die uns begegnen, und mißtrauen wir der Schlange in unserem Herzen! Werden wir mißtrauisch gegen uns selbst, um vertrauenswürdiger zu sein!« Wie prophetisch, wie wahr gerade in dieser Zeit, wie gültig an jedem Tag, der uns zugedacht ist.

    Aichinger gehört wie viele Autorinnen und Autoren leider zu den Überlesenen, zu den zu Unrecht Vergessenen. Nur gelegentlich werden sie, zu besonderen Anlässen, wie zum Beispiel runden Geburtstagen, aus den Regalen genommen und abgestaubt. Liegt auf vielen Büchern Staub aus Oberflächlichkeit, so findet man in denen der Aichinger Sternenstaub.

    Prof. Dr. Roland Berbig, schon einige Male Gast in Blossin, gab am Sonnabendnachmittag eine fulminante Einführung ins Werk Aichingers. Eine der Grundierungen des Werkes bildet das Quartett aus vier Frauen: Der Großmutter, die von den Nazis deportiert und ermordet wurde; der Mutter, Jüdin, die an der Seite ihrer Tochter, in Wien die Besatzung überlebte; und der Zwillingsschwester, die mit einem der letzten Kindertransporte Österreich in Richtung England verließ.

    »Die größere Hoffnung, der einzige Roman, den Aichinger schrieb, machte sie über Nacht berühmt. Hans Werner Richter lud sie zu Tagungen der Gruppe 47 ein. Dort bekam sie 1952 den Preis der Gruppe für die „Spiegelgeschichte“, lernte Günter Eich kennen.« Sie heirateten ein Jahr später.

    Um einen Einstieg in das Werk Aichingers zu bekommen, eignet sich der Band »Aufruf zum Mißtrauen« bestens. Er vereinigt Publikationen aus den Jahren 1946 – 2005. In den ersten Jahren nach dem Krieg arbeitete sie vormittags im Kaffeehaus, bis die Kinos öffneten. Dann fuhr sie mit dem Taxi von einem zum nächsten, und sah an manchen Tagen drei, vier Filme. So findet sich viel Feuilletonistisches und kurze Betrachtungen in dem Band. Man hat den Eindruck, dass mit fortschreitendem Abstand zum Krieg, das Lächeln und ein Portion Humor in die Texte einziehen, ohne das Vergangene zu vergessen.

    Was Aichinger so besonders macht? Die starken und oft überraschenden Bilder, die sie erfindet; das konsequente, ja manchmal radikale, immer aber unabhängige Denken. Sie veröffentlichte lange Zeit nichts, und später manchmal nur einen Text im Jahr und hebt sich so wohltuend von Vielschreibern ab. Sie konnte sich solch unabhängiges Arbeiten leisten. Ob sie Jean Paul gelesen hat, ist nicht zu sagen, aber sein Diktum »Formulierungsenge gibt Gedankenweite«, scheint als Arbeitsprinzip über ihren Texten zu stehen. Ein Fazit? – Lesen! Es gilt eine Dichterin zu entdecken.

    Die Vorbereitungen zum achten Treffen haben mit Hochdruck begonnen. Eine Woche vor der Leipziger Buchmesse 2023 werden wir uns in Blossin nach dem jetzigen Stand hauptsächlich mit den Dingen des Lebens beiderseits der Oder beschäftigen.

    Ein Beitrag aus:

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    © ver.di

    Franziska Kleinert las

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Brandenburg
    © M. Wiens

    Der Beifall war verklungen, aber niemand erhob sich, keiner wollte den Abend beenden. Zu stark der Eindruck, den wir empfangen hatten: Franziska Kleinert las aus Ilse Aichingers Roman »Die größere Hoffnung«. Dieser Roman, 1948 erschienen, ist – auch heute noch – berührende Lektüre mit moderner Anmutung. Aichinger verzichtete auf viele Elemente, die scheinbar einen Roman ausmachen.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Brandenburg
    © S. Fischer-Verlag