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    Zum Tode von Jürgen Krätzer

    Zum Tode von Jürgen Krätzer

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Gaby Waldek Dr. Jürgen Krätzer


    Während wir, seine Freundinnen und Freunde, auf der Buchmesse auch den Stand der Horen besuchten, lag Jürgen Krätzer, schon vom Tod gezeichnet, in seiner Matratzengruft. Am Messesamstag verstarb er. Was er uns hinterlässt muss uns Verpflichtung sein. Denn sein Vermächtnis ist in einer ganz besonderen Weise der Literatur verbunden. Nicht nur hat er zur Literatur beigetragen, nein er hat sie in spürbarer, dauerhafter Weise befördert.

    Jürgen Krätzer, Jahrgang 1959, geboren in Leipzig, hat Germanistik studiert, promovierte über Fühmanns Poetik, lehrte dann bis 2012 als Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut. Man berief ihn in den Vorstand des Leipziger Literaturhauses, verließ sich auch dort auf sein Gespür für die Literatur und ihre Notwendigkeiten. Und er war Herausgeber der HOREN, dieser, ursprünglich von Friedrich Schiller gegründeten, großen, ja herausragenden Literaturzeitschrift.

    Jürgen Krätzer folgte in der Herausgeberschaft Johann P. Tammen nach, nachdem die Zeitschrift unter die Flügel des Wallsteinverlages gekrochen war. Und Krätzer führte nicht nur die Arbeit von Tammen fort, er gab ihr seine Färbung, seinen Anstrich. Bände von hoher Qualität in den Beiträgen entstanden unter seiner Ägide. Der Band 262 zum Beispiel: Der Wundbrand der Wachheit, Peter Weiss lesen. Oder, da lag er schon krank danieder, Die Nachreife der festgelegten Wörter, der sich um die Kunst des Übersetzens drehte und an dem viele bekannte Übersetzer mitschrieben.

    Diese Zeitschrift, die mehr ist als nur ein periodisch erscheinendes Druckwerk, sondern Literatur über Literatur, hat er mit gutem Blick auf das gerade Notwendige, auf die dazu geeigneten Autorinnen und Autoren weitergeführt und (auch so muss man das in diesem Falle schreiben) weitergeführt. Diese Konservierung des Eigentlichen, das Übergeben des Feuers – das ist sein Erbe. Und dieses Erbe gilt weit über die Horen hinaus. Das Festhalten an den Werten der Aufklärung, des Humanismus, sollte, nein: muss, uns, den Literaten dieses Landes Verpflichtung bleiben. Nein, das ist nicht trivial. Denn den Weg in einer sich so schnell, so nachhaltig, so den einzelnen Menschen betreffend, verändernden Welt zu finden, nicht den Pfad ebendieser Aufklärung und ebendieses Humanismus zu verlassen, – das ist eine schwere Aufgabe. In den Horen und damit im Werk von Jürgen Krätzer finden wir einen Kompass.

    Der Bundesvorstand des VS spricht den Angehörigen sein Mitgefühl in ihrer Trauer aus.

    Leander Sukov
    für den Bundesvorstand
    des Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller