Nachrichten

    Erinnerung an Jost Hermand

    Erinnerung an Jost Hermand

    von Heinrich Bleicher

    Uns erreichte die traurige Nachricht, dass der Kulturwissenschaftler
    und Schriftsteller Jost Hermand am 9. Oktober unerwartet 91-jährig verstorben ist.

    Mit seinem umfassenden Wissen und den eigenen persönlichen Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts war Jost Hermand ein Germanist und in vielen wissenschaftlichen Diskussionen ein »Partisanenprofessor«, der die gesellschaftliche Bedeutung seiner Profession in herausragender Weise vertreten hat. So waren seine Beiträge immer einer der Höhepunkte der politisch-literarischen Tagungen, die über mehr als 15 Jahre vom Schriftstellerverband VS in der ver.di-Bildungsstätte am Berliner Wannsee durchgeführt wurden.

    Als einer der führenden Experten über Heinrich Heine sprach er 2006 über die Freundschaft zwischen Heine und Marx.[1] Es folgten Vorträge u.a. über Friedrich Wolfs »Professor Mamlock«, Hans Fallada, sowie um Thema Krieg und Frieden über »Imperialistische Stimmungsmache vor 1914« und über die »Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss[2]. Wie breit und auch historisch tief im Detail Josts Wissen angelegt ist, zeigte sich bei einer Tagung, auf der Professor Grażyna Barbara Szewczyk aus Katowice über Arnold Zweig referierte. Selbst dezidierte biografische Kenntnisse aus Zweigs früher Jugend waren ihm im Detail gegenwärtig.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di HBN Jost Hermand

    Jost hat an allen Tagungen bis auf eine teilgenommen. Das war, als seine geliebte Frau schwer erkrankte und er nicht bei uns sein konnte. Trotzdem hatte er natürlich seinen Tagungsbeitrag fertig gestellt und uns übermittelt. Seine schriftstellerische Arbeit und die weiten Reisen hat er nie gescheut. Im Jahr 2010 konnten wir ihm als ehrende Anerkennung für seine unermüdliche aufklärende Tätigkeit die »Leonhard Mahlein Medaille« überreichen. Dies hat ihn als gesellschaftspolitisch denkenden und wirkenden Wissenschaftler der im Stil einer materialistisch denkenden Geistesgeschichte schrieb außerordentlich erfreut.

    In der Laudatio konnten wir hervorheben, wie »bewundernswert immer wieder, Jost in seinen Büchern und Vorträgen diese so schwierige Aufgabe nachvollziehbar und verständlich für Leser und Zuhörer löst. Mit seinem enzyklopädischen Wissen, analytischer Schärfe und brillanter Formulierung verschafft er immer wieder neue und spannende Zugänge zu Literatur, bildender Kunst und Musik denn, um mit seinen Worten zu schließen: 'Genau genommen, sind auch die größten Kunstwerke nur kleine Pflastersteine auf den rätselhaften Wegen der Humanität, deren Verlauf oft so windungsreich ist, daß man fast an ihnen verzweifeln könnte. Es würde sich daher empfehlen, sie als Fragmente einer unvollendeten Entelechie zu bezeichnen, deren nobelste Aufgabe darin besteht, uns einen gewissen ‚Vorschein’ auf menschenwürdigere Verhältnisse zu geben und uns damit in der Hoffnung auf eine allmählich ansteigende Entwicklung zu bestärken.'«[3]

    Während andere sich nach ihrer Emeritierung zur Ruhe setzen, war Josts Schaffenskraft ungebrochen. Mit seinen jährlich erscheinenden Publikationen bewies er immer wieder, dass er auf der wissenschaftlichen Höhe der Zeit und der gesellschaftlichen relevanten Diskussionen war. Die Beispiele sind zahlreich und lassen sich aus seiner mehr als 44 Seiten zählenden Publikationsliste belegen.

    Zuletzt erschien von ihm 2020: »Völker hört die Signale!«. Zum Bekennermut deutsch-jüdischer Sozialisten und Sozialistinnen vor 1933. Dieses Buch ist Walter Grab, Hans Mayer und George L. Mosse gewidmet. Danach 2021: Oasen der Utopie. Schriften deutscher Vordenker und Vordenkerinnen. Zu nennen sind dabei u.a. Karl Marx, Moses Hess, Elfriede Friedländer, Bertolt Brecht, Heiner Müller, Petra Kelly und Robert Jungk. Das Manuskript seines letzten Buches ist gerade bei Böhlau, seinem »Hausverlag«, in Druck gegangen.


    [1]  Jost Hermand, Unter Genossen. Zur Freundschaft zwischen Heine und Marx, in: Heidi Beutin u.a. »Wenn wir es dahin bringen, daß die große Menge die Gegenwart versteht…«, Frankfurt am Main 2007, S.45-61.
    [2]  Zu den Publikationen siehe hier.
    [3]  Siehe die Laudatio in: Beutin / Bleicher / Schmidt / Wörmann-Adam (Hg.), Der Sturz in die Barbarei, Mössingen-Talheim 2011

    Ein Nachruf auch hier:

    Fachbereich Medien, Kunst und Industrie der ver.di
    © k+k