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    Literaturfrühling in der MedienGalerie

    Literaturfrühling in der MedienGalerie

    Der Mai stand in diesem Jahr in der Berliner ver.di-MedienGalerie im Zeichen der Literatur. Der 19. Jahrgang des Lesemarathons lud zu drei Abenden mit Autorinnen und Autoren des VS ein. Alternierend dazu fanden ebenfalls an drei Abenden weitere Buchpräsentationen, Lesungen und Gespräche statt. So gab es am
    16. Mai 2019 die Buchvorstellung »Die Meuterei auf der Deutschland 1918/19« mit dem Autor Klaus Dallmer.

    Sprachrohr sammelte Eindrücke von der Lesung aus dem neu herausgegebenen Buch »Barrikaden am Wedding. Der Roman einer Straße aus dem Berliner Maitagen 1929«, von der Veranstaltung zum 50. Todesjahr von B. Traven und natürlich vom traditionellen Lesemarathon des VS.

    Barrikaden am Wedding

    Zum 90. Jahrestag der Niederschlagung der Demonstrationen zum 1. Mai 1929 – in die Geschichte eingegangen als Blutmai – legte der vor drei Jahren gegründete Manifest Verlag das Buch »Barrikaden am Wedding. Der Roman einer Straße aus dem Berliner Maitagen 1929« wieder auf und stieß auf reges Interesse. Am 6. Mai waren Alexandra Arnsburg und Martin Schneider vom Verlag in der MedienGalerie zu Gast.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Berlin Ch.v.Polentz | transitfoto.de Viel zu lesen  – Bildtafeln zur Novemberrevolution in der aktuellen Ausstellung der MedienGalerie

    Das 1931 erschienene Buch von Klaus Neukrantz orientiert sich an den tatsächlichen Ereignissen. Polizeipräsident Zörgiebel von der SPD hatte alle Demonstrationen am 1. Mai 1929 verboten. Nicht nur KPD-Mitglieder weigerten sich, dem Folge zu leisten. Auch sozialdemokratische, parteilose und gewerkschaftlich organisierte Arbeiter wollten sich das Recht nicht nehmen lassen, mit ihren Forderungen auf die Straße zu gehen. Die Bilanz: 33 Tote. Der Roman schildert die Maitage aus Sicht beteiligter Arbeiterinnen und Arbeiter.

    Autor Klaus Neukrantz kam aus einer bürgerlichen Familie, arbeitete im Kreuzberger Bürgeramt, wurde dort in den Betriebsrat gewählt, schrieb für kommunistische Zeitungen, arbeitete mit dem neuen Medium Rundfunk und wurde 1928 Mitglied im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Das Buch wurde gleich nach seinem Erscheinen verboten.
    Abschnitte daraus las Martin Schneider packend vor. Es entspann sich ein Gespräch über die damals sich zuspitzenden Gegensätze zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitern und ihren Organisationen. Gemeinsam stellten die Anwesenden fest, dass auch heute bei politischen Konflikten oft links und revolutionär Gesinnte für staatliche Gewaltausübung verantwortlich erklärt werden. Das Buch kann nicht nur ver.di-Kolleginnen und Kollegen zur Lektüre empfohlen werden.

    Ein Geheimnisvoller ist wiederzuentdecken

    Er war erfolgreich wie geheimnisumwittert, der Autor B. Traven. Mit fünfzig Veranstaltungen in seinem 50. Todesjahr will die Internationale B. Traven Gesellschaft die Erinnerung an den Schriftsteller mit den vielen Pseudonymen wecken. Zu einer Soiree mit letzten noch lebenden Zeitzeugen hatte die MedienGalerie am 17. Mai 2019 geladen.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Berlin Ch.v.Polentz | transitfoto.de »Traven ist neu zu entdecken«  – Malù Heymann, Stieftochter B. Travens, mit Ehemann Timothy Heymann (rechts) und Ralf G. Landmesser von der Internationalen B.-Traven-Gesellschaft auf Deutschlandtour

    Hier war der Abend mit Travens Stieftochter Malú Montes de Oca Luján de Heymann und ihrem Ehemann Timothy Heymann am richtigen Ort. Genau aus diesen Räumen startete die Büchergilde, die in diesem Jahr ihr 95. Jubiläum feiert und bis 1933 die größte Buchgemeinschaft der Weimarer Republik war, ihre avantgardistische Buchproduktion. Guten literarischen Inhalt günstig an Arbeiter zu bringen, sei kühn gewesen, konnte sich doch kaum ein Arbeiterhaushalt Bücher leisten, so die Berliner Büchergilde-Buchhändlerin Johanna Singer.

    Der vom damaligen Cheflektor entdeckte Schriftsteller B. Traven mit der literarischen Mischung aus »exotischem Ambiente und proletarischem Alltag« erwies sich für die gewerkschaftsnahe Büchergilde Gutenberg als Glücksgriff. Allein sein Roman »Das Totenschiff« verkaufte sich bis1936 eine halbe Million Mal. Traven schrieb insgesamt 12 Romane, zahlreiche Kurzgeschichten und wurde in 24 Sprachen übersetzt.

    »Ich möchte, dass die Jugend Traven neu entdeckt und ihn liest. Das ist für mich Motivation, immer wieder von Mexiko nach Deutschland zu kommen und über ihn zu sprechen«, sagt Malú Heymann, die das Erbe ihres Stiefvaters verwaltet.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Berlin Ch.v.Polentz | transitfoto.de Wer war B. Traven?  – Soiree im 50. Todesjahr des geheimnisvollen Schriftstellers

    Die Soiree in der MedienGalerie war abschließende Station einer Deutschland-Tour, bei der »wir diesmal 2.500 km gereist sind«, wie Begleiter und Organisator Ralf G. Landmesser von der Internationalen B. Traven-Gesellschaft erklärte. Sie führte die Heymanns u. a. in die B. Traven-Gesamtschule nach Berlin-Spandau und nach München, wo eine Gedenktafel am Wohnhaus von Theaterschauspieler und Revolutionär Ret Marut – eine der Identitäten Travens – enthüllt wurde. Weitere Besuche an Lebensstationen des Geheimnisumwitterten, auch in europäischen Nachbarländern, sind geplant.

    Malú Heymann lernte ihren Stiefvater als kleines Mädchen kennen, ihre Mutter heiratete Traven 1957. Da lebte er bereits seit 33 Jahren in Mexiko. Mrs. Heymann las aus Briefen an sie mit fantasievollen Schilderungen von Tigern und ihren Babys. Diese Briefe zeugten von der Liebe Travens zu seinen (Stief)Töchtern, erklärte Ralf G. Landmesser.

    Sein ganzes Leben lang hielt Traven an seiner Camouflage fest. In Deutschland war er Ret Marut, in Mexiko B. Traven, auch als Traven Torsvan und Hal Croves firmierte er. Über seine wahre Identität ist viel spekuliert und geforscht worden. Bei Wikipedia gilt als nahezu sicher, dass er 1882 in Schwiebus als Otto Feige geboren wurde.

    Timothy Heymann präsentierte eine mögliche andere Herkunft B. Travens, die bislang, so Landmesser, »als Marginalie behandelt wurde, an die aber die Familie fest glaubt«. Sie stamme aus einer »Offenbarung« Travens gegenüber seiner Übersetzerin, Agentin und Geliebten Esperanza López Mateos. Danach sei er als Moritz Rathenau ein illegitimer Abkömmling von Emil Rathenau gewesen, also ein Halbbruder von Walther Rathenau. Der fiel 1922 als Außenminister der Weimarer Republik einem rechtsterroristischen Attentat zum Opfer.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Berlin Ch.v.Polentz | transitfoto.de Bis heute unbedingt lesenswert  – Travens Bücher und Geschichten

    Es gäbe heute Kontakte zur Familie Rathenau. Mehrfach, sagte Heymann, hätten er und seine Frau versucht, mit Nachkommen ins Gespräch zu kommen und sie gebeten, zur Klärung der wahren Identität Travens beizutragen. Doch Familie Rathenau, so Landmesser, »will damit wohl nichts zu tun haben«. Womöglich solle nicht publik werden, »dass Emil Rathenau Liebschaften hatte«.

    B. Traven, so ein Fazit der Soiree in der MedienGalerie, bleibt was er war und ist: geheimnisvoll. Und unbedingt lesenswert.

    Umbrüche aller Art beim 19. Lesemarathon

    Man muss kein Ass im Rechnen sein, um festzustellen, dass 2001 zum ersten

    VS-Lesemarathon eingeladen wurde. Daher kann von einer guten Ausgangsidee wie von einer Tradition gesprochen werden. Der Marathon hat im Laufe der Jahre Wandlungen erfahren – fand in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung in Moabit ebenso wie in einem historischen U-Bahnwagen im Bahnhof Alexanderplatz statt, im Brechtforum in der Chausseestraße und im vergangenen Jahr im Literaturhaus Berlin.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Berlin Ch.v.Polentz | transitfoto.de Umbrüche  – VS-Lesemarathon mit spannenden Geschichten von 21 Autorinnen und Autoren, darunter Gert-Peter Merk

    Wer Lust auf ein buntes Literaturangebot hat, kommt dabei in jedem Fall auf seine Kosten. Wie stets war ein Motto vorgegeben – laut Vorstandsmitglied Michael-André Werner »etwas Schönes, Offenes«. Der Vorstand entschied sich für UMBRÜCHE. Der Gedanke orientierte auf das 30. Jubiläum der Maueröffnung, ohne darauf eingeengt zu sein.

    In den Texten traf sich Zeitgeschichte mit Aktuellem.
    Monika Ehrhardt-Lakomy zitierte ihr Gedicht mit den Zeilen: »Ich bin wie ohne Haut / Wenn ich jetzt DEUTSCHLAND sage / Sehr fremd und sehr vertraut / Die ganze deutsche Frage.« Die Verse entstanden 1990.
    Dorle Gelbhaar las eine Kurzgeschichte, in der Begriffe wie Antisemitismus, Muslime und Kopftuch vorkommen. Sie erinnerte an den Satz des Soziologen Oskar Negt, dass Demokratie als einzige Staatsform erlernt werden müsse. Aber ihre fiktive Journalistin muss sich des unbegründeten Anwurfs der »Lügenpresse« erwehren. – Bemerkenswert, wie schnell sich die Zeiten geändert haben.

    Politische Texte gehörten allerdings zu den Ausnahmen. Viele hatten Umbrüche im privaten Bereich angesiedelt. Beschrieben, wie es ist, wenn die Ehefrau sich einer anderen Frau zuwendet (Gert-Peter Merk). Wenn der Ehemann gegangen ist und die Mutter mit den Kindern funktionieren muss – immer den Nagel auf den zu Kopf zu treffen, »der Nagel bin ich« (Katharina Körting). Seine Möbel waren noch da, er war weg (Doris Wirth).
    Ohne Zweifel sind solcherart schmerzliche Umbrüche literarischer Umsetzung wert. Doch kann, wie in manchem Text, die private Sphäre von den gesellschaftlichen Vorgängen völlig unberührt sein? Eine Frage, die anhand des Gelesenen der Diskussion wert erscheint.

    21 Schriftstellerinnen und Schriftsteller konnten ihre Arbeiten vorstellen. Der Abschluss fiel dem auf Lesebühnen trainierten Alfred Schwarzmüller zu. »Ein unbeschriebenes Blatt« ist ein Typ Verschwörungstheoretiker. Der sieht die Gefahr für die deutsche Kultur in den weiblichen Hormonen, den vielen Östrogenen im Trinkwasser. Es werde künftig nur noch Mädchen geben, die Frauen würden die Herrschaft übernehmen. Die Rettung: »Ich nehme Gegenhormone«.
    Mit dem amüsanten Blick auf jene Kategorie von Mitmenschen, die entsprechende Ansichten im Internet verbreiten, fand der Lesemarathon 2019 seinen heiteren Abschluss.

    TEXTE: BETTINA ERDMANN, ANNEMARIE GÖRNE, CONSTANZE LINDEMANN

    Beim Marathon lasen:

    • Esther Andradi
    • Cornelia Becker
    • Gerd Bedszent
    • Wiebke Eden
    • Monika Ehrhardt-Lakomy
    • Wolfgang Fehse
    • Ruth Fruchtmann
    • Dorle Gelbhaar
    • Johannes Groschupf
    • Heinrich von der Haar
    • Bernd Kebelmann
    • Katharina Körting
    • Gert-Peter Merk
    • Reinhild Paarmann
    • Sonia A. Petner
    • Ilke S.Prick
    • Jutta Rosenkranz
    • Alfred Schwarzmüller
    • Marin Turina
    • Maja Wiens
    • Doris Wirth