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    Ein Jahr der Krise – THE WINTER OF OUR DISCONTENT

    Ein Jahr der Krise – THE WINTER OF OUR DISCONTENT

    Das European Writers' Council veröffentlicht seine Folgestudie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Krise auf Schriftstellerinnen/Schriftsteller und Übersetzerinnen/Übersetzer in der europäischen Buchbranche 2020-2022

    Bereits 2020 hat die Studie The Economic Impact of Covid-19 on Writers and Translators in the European Book Sector (Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Covid-19 auf Schriftsteller und Übersetzer im europäischen Buchsektor) 33 Berufsverbände aus 27 Ländern für einen umfassenden Bericht über die Situation von Buchautorinnen und -autoren im Rahmen der Covid-19-Krise befragt.
    Mit der Veröffentlichung von A Year of Crisis – The Winter of our Discontent stellen wir die Folgestudie vor, die den Status quo in Bezug auf die Einkommensverluste in den Jahren 2020 und 2021, die rechtlichen Lücken und die Probleme im Bereich der sozialen Sicherheit skizziert und die Auswirkungen für die Jahre 2022-2025 aufzeigt. Das Vorwort wurde vom dem Europa-Abgeordneten und Gründer der parteiübergreifenden Cultural and Creators Friendship Group Niklas Nienaß (GRÜNE) verfasst. Das Papier schließt mit zehn Empfehlungen ab, die die 37 Empfehlungen der ersten Studie ergänzen, und wird von einem Positionspapier begleitet.

    Zusammenfassung

    Auf der Grundlage der Daten für das Jahr 2020 haben wir die tiefe Ruptur vorhergesehen, die die Buchlandschaft der Nachkrisenjahre durchziehen wird – und die Prognosen haben sich bestätigt, einschließlich des Rückgangs der Neuerscheinungen in Europa um fast ein Drittel (minus 150.000 Titel) und damit einer noch nie dagewesenen Reduzierung der literarischen Vielfalt.
    Erschwerend für Autorinnen und Autoren sowie Übersetzerinnen und Übersetzer kommen die Einkommensverluste durch die Absage von Live-Veranstaltungen in den Jahren 2020 und 2021 hinzu – von Lesungen über Vorträge und Workshops bis hin zu Aufenthaltsstipendien –, sowie verzögerte oder ersatzlos gestrichene Tantiemen und Vorschüsse auch aufgrund verschobener oder gänzlich abgesagter Titel.

    Besonders besorgniserregend ist die mangelnde Unterstützung für selbständige Autorinnen und Autoren: Nur jedes zweite der 20 Länder war in der Lage, die unfreiwilligen Einkommensverluste von 30 bis 60 Prozent der selbständigen Vollzeitautoren auszugleichen.
    Auch die digitale Welt war kein Ausweg: Die wachsende Nachfrage nach E-Books und Hörbüchern konnte den Rückgang der Printverkäufe nicht ausgleichen, für Lesungen oder Online-Auftritte wurde nur selten bezahlt. In der digitalen Welt gibt es bisher kein Konzept, das das Publikum ermutigt, auch für »virtuelle Auftritte« Eintritt zu zahlen.

    Insgesamt hat die Krise offenbart, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie Übersetzerinnen und Übersetzer aufgrund der für sie oft nachteiligen Vertragsbedingungen und der Wertschöpfungslücke bei der Nutzung ihrer Werke online, aber auch in Bildungseinrichtungen und digitalen Bibliotheken kaum Rücklagen bilden konnten. Noch demoralisierender ist, dass sich die Umsetzung der so wichtigen Richtlinie zum Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt in den meisten EU-Ländern verzögert hat, oder unterhalb ihrer Möglichkeiten wenig autorenzugewandt implementiert wurde. Dementsprechend schätzt die Hälfte aller Befragten die Situation als sehr ernst bis ernst ein.

    Schul- und Unterrichtsmaterialien für den digitalen Fernunterricht waren sehr gefragt. Dies führte dazu, dass Verlage und Verwertungsgesellschaften Lizenzen erweiterten und oft kostenlos zur Verfügung stellten – ein Verlust, den die Bildungsautorinnen und -autoren zu tragen hatten. Im Zusammenhang mit den Forderungen nach mehr Ausnahmen und Urheberrechtsschranken scheint uns dies ein besonders brisantes Thema für die Zukunft zu sein: Bildung braucht Budgets und den rechtlichen Schutz, nicht die Schwächung jener, die die Quellen des Wissens und der Literatur sind.
    Positiv vermerkt wurde aber auch eine neue Demokratisierung der Literatur: Autorinnen und Autoren, die bisher davon abhängig waren, ob und wo sie eingeladen wurden, ihre Bücher vorzustellen, nutzten die Online-Möglichkeit, um initiativ Leserinnen oder Leser über alle Grenzen hinweg zu erreichen oder neue Formate von Gesprächen, Workshops und literarisch-politischen Konferenzen zu entwickeln.
    Außerdem hat die Krise einige Verlage dazu ermutigt, sich bei der Veröffentlichung von E-Books deutlich breiter aufzustellen – und die Buchhändler dazu, mit Unternehmen vor Ort zusammenzuarbeiten, um Bücher an Menschen im lockdown zu liefern.

    Die wichtigsten Ergebnisse der 38-seitigen Studie »One Year of Crisis«

    • 77 Prozent aller Autoren litten unter abgesagten Live-Veranstaltungen; in 90 Prozent der Fälle wurden kein Ausfallhonorar gezahlt.
    • 15 bis 25 Prozent durchschnittlicher Einkommensverlust für nebenberufliche Autorinnen oder Autoren, 30 bis 40 Prozent für hauptberufliche Autorinnen und Autoren.
    • 52 Prozent der Befragten schätzen die Auswirkungen insgesamt als schwer bis sehr schwer ein.
    • Nur die Hälfte aller 20 beobachteten Länder bot staatliche Entschädigung an.
    • Verlage verschoben Titel um 8 bis 18 Monate. Die Honorarvorschüsse gingen zurück, nahezu alle Verlage reduzierten deutlich ihre Programme.
    • Die Nutzung von Lehrbüchern und Textmaterial für Schulen, Universitäten usw. für das Fernstudium hat zugenommen, allerdings mit Lizenzverlängerungen oder Gebührenerleichterungen.
      70 Prozent aller Verwertungsgesellschaften (Wort, Bild) erwarten langfristig negative Auswirkungen auf die Einnahmen aus der kollektiven Lizenzvergabe für Urheberinnen und Urheber.
    • In einigen Ländern hat sich die Piraterie von E-Books verdreifacht.
    • Eine positive Botschaft: Online-Lesungen, Buchvorstellungen, digitale Workshops sowie virtuelle Konferenzen wurden als positive Ergebnisse genannt, ebenso wie ein Anstieg des Interesses in Hörbücher und E-Books.

    Eine Auswahl der Empfehlungen des EWC

    • Konsequente Umsetzung der EU-Richtlinie zum Urheberrecht.
    • Schutz der Geräteabgaben, Aufstockung des Haushalts für Bildung und Kultur, deutlich höhere Budgets für analoge und digitale Leihe bei Beibehaltung freiwilliger Lizenzen im digitalen Umfeld.
    • Schaffung eines schützenden Rechtsrahmens für die Online- und Offline-Tätigkeit von Urheberinnen und Urhebern.
    • EU-weite Harmonisierung der Arbeitsbedingungen und der sozialen Sicherheit der Autorinnen und Autoren.
    • Faire Wettbewerbsbedingungen auf den digitalen Vertriebsmärkten.


    Der EWC, der 160.000 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus 46 Organisationen und 31 Ländern vertritt, fordert die Mitglieder des Europäischen Parlaments, die EU-Mitgliedstaaten und die Regierungen der Nicht-EU- und der EAA-Länder auf, sich zügig und entschieden für die die Quellen der Wertschöpfungsketten Buch, Literatur und Wissen einzusetzen. Dies auch im Hinblick auf Herausforderungen, wie Text- und Data-Mining und KI im Buchsektor, und der Verwertung von Werken in Bibliotheken oder Bildungseinrichtungen.

    Wir brauchen einen starken Konsens, um Autorinnen und Autoren und ihre moralischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte entschieden zu stärken und nicht weiter zu schwächen. Das Studienpapier finden Sie unter untenstehendem Link. Auf der Internetseite finden Sie auch einige Grafiken zum Herunterladen sowie das Positionspapier des EWC.

    Im Namen des Vorstands:

    gez. Nina George             gez. Miguel Ángel Serrano         gez. Myriam Diocaretz
    Präsident                          Vizepräsident                             Generalsekretär

    UMFRAGE 2021: https://bit.ly/3GCTb0N 
    POSITIONSPAPIER: https://bit.ly/3ECHJAK 
    UMFRAGE 2020: https://bit.ly/2ZD0lRC 
    PRESSRELASE: https://bit.ly/3nFMBxO