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    Ende der Privatheit.

    15.12.2017, 19:0050667 Köln, Cäcilienstraße 29-33, FORUM

    Ende der Privatheit.

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    Heinrich Böll und die Kraft der Worte

    Verblasst das Bild von Heinrich Böll? Am 21. Dezember dieses Jahres wäre er 100 Jahre alt geworden. Das ist ein Anlass, an die Kraft seiner Worte zu erinnern und darauf zurückzugreifen. Im nun endenden Jahr des Reformations-jubiläums werfen Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Frage auf: Droht das Ende der Privatheit?

    Mit der Digitalisierung erleben wir eine Medienrevolution, die vergleichbar ist mit der revolutionären Entwicklung des Buchdrucks zu Luthers Zeiten. Sie ist Auslöser und Motor grundlegender Umwälzungen in Kultur und Gesellschaft, in Sprache und Bildern, in der Wahrnehmung unserer Welt. Autoren erleben heute nicht nur eine Umwälzung der Bedingungen des Schreibens und Wahrnehmens. Sie müssen sich damit wichtigen Fragen stellen, zu neuen Bewertungen kommen.

    Es diskutieren

    • Prof. Werner Jung
      Universität Duisburg/Essen
    • Prof. Johanna Haberer
      Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
    • Nika Bertram
      Schriftstellerin, Köln

    Moderation

    • Michael Langer
      Sendung »Zwischentöne«, Deutschlandfunk

    Wann | Wo

         15. Dezember 2017, 19:00 Uhr
         FORUM Volkshochschule im Museum am Neumarkt
         50667 Köln, Cäcilienstraße 29-33

     

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di HBN Eva Leipprand  – Die Vorsitzende des Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di (VS) eröffnet die Veranstaltung in Köln.


    Die Disputanten

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di HBN Die Disputanten

    Johanna Haberer
    Geboren 1956 in München. Sie ist eine evangelische Theologin, Journalistin und Professorin für Christliche Publizistik am Fachbereich Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie verantwortet die Masterstudiengänge Medien - Ethik - Religion (MER) seit 2008 und Christliche Medienkommunikation (CMK) ab 2015. Sie ist Autorin vielfältiger Beiträge, Vorträge und Rundfunkpredigten bei verschiedenen öffentlich-rechtlichen Sendern.

    Nika Bertram
    Geboren 1970 in Aachen. Freie Autorin, Hörfunk- und TV-Journalistin. Studium Anglistik und Informationswissenschaften, M. Sc. in Informatik (2017). Seit 1991 veröffentlicht sie Prosa, Digitale Literatur, Hörspiele und journalistische Beiträge (u.a. für WDR, ZDF, Deutschlandfunk und Kölner Stadtanzeiger. Für ihren ersten Roman („Der Kahuna Modus“, Eichborn 2001, inkl. Website, MUD und Fiction Game), wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln (2000) und einem Stipendium der Arno-Schmidt-Stiftung (2002). Weitere Auszeichnungen: Arbeitsstipendien des Landes NRW (2008, 2012), Hörspiel-Stipendien der Filmstiftung NRW (2008, 2012). Shortlist Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus 2017. Aktuelle Veröffentlichungen: „Ich sage blau“ (Edition 12 Farben, 2012, Hg. rhein wörtlich), „Radio Wauland“ (Hörspiel, WDR3/1LIVE, 2011), „Turing Bytes“ (Hörspiel, WDR3/1LIVE, 2014). www.nikabertram.com

    Erasmus Schöfer
    Geboren 1931 in Altlandsberg. Er ist ein deutscher Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Sprachwissenschaft und Philosophie und promovierte 1960 zum Doktor der Philosophie. 1969 war er Mitbegründer des »Werkkreises Literatur der Arbeitswelt«. Erasmus Schöfer ist seit 1970 Mitglied desVS und seit 1980 des PEN-Zentrums Deutschland. Im Mai 2009 gründete er die »Aktion unabhängiger Rhein-Ruhr-AutorInnen« (AURA 09 e. V.) unter Vorsitz von Eva Weissweiler. Er erhielt 1964 den Kurt-Magnus-Preis der ARD, 1974, 1977 und 2001 ein Arbeitsstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen sowie 1981 und 1992 ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds. 2008 wurde ihm der Gustav-Regler-Preis der Stadt Merzig und des Saarländischen Rundfunks verliehen.

     

    • Michael Langner: »Die Kraft der Worte«

      VS Fachgruppe Literatur der ver.di HBN Michael Langner

      Einführung in die Diskussion

      Sehr geehrte Damen und Herren,

      ich begrüße Sie im Namen des VS, des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Vielen Dank an Sie Frau Leipprand für die Begrüßung als VS-Vorsitzende. Mein Name ist Michael Langer. Ich habe das Vergnügen, durch den Abend zu führen. Wir bilden gewissermaßen den Schlusspunkt einer spannenden Veranstaltungsreihe des VS; auch wir werden den Bogen schlagen von den revolutionären Umwälzungen des 16. Jahrhunderts aus der Zeit Luthers wo mediale Umwälzungen eine große Rolle spielten die bis in die Gegenwart hinein wirken, die ja wie Ihnen bekannt ist von der Digitalisierung geprägt ist, und die auch mit großen Veränderungen einhergeht.

      Wir gedachten das Ganze in dem Sinne zu erweitern, indem wir einen großen Sohn der Stadt Köln mit ins Spiel bringen Sie wissen, es ist Heinrich Böll der in der kommenden Woche am 21. Dezember 2017 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte und dem in der nächsten Woche noch ausführlich gedacht werden wird.

      Heinrich Böll und die »Kraft der Worte«, die hat er ja nun eingesetzt wie kaum ein zweiter bei großen wichtigen gesellschaftlichen und gesellschafts-politischen Debatten wie dies heute bei der Digitalisierung ist. Sein Schaffen und Wirken hat mehr mit diesem Oberthema zu tun, als man auf den ersten Blick vielleicht gedacht hätte.

      Leider hat Doktor Werner Jung von der Universität Duisburg/Essen, der als Böll-Experte an dieser Debatte teilnehmen sollte, uns heute krankheitsbedingt abgesagt. Wir werden mit den Diskutantinnen und dem Publikum hier versuchen, trotz allem das Beste daraus zu machen; das Thema vertiefen und hoffentlich zu ihrem Vergnügen und zu ihrem geistigen Gewinn.

      Das machen wir gemeinsam im Gespräch und mit zwei kleinen Vorträgen, zum einen von Frau Professor Johanna Haberer, sie ist Theologin und Publizistin und nicht zuletzt Professorin an der Friedrich Alexander Universität in Erlangen-Nürnberg.

      Und außerdem zu Gast heute auf dem Podium ist die Schriftstellerin Nika Bertram. Sie macht neben Hörfunkbeiträgen auch digitale Literatur und ist für ihren ersten Roman »Der Kahuna Modus« mehrfach ausgezeichnet worden u.a. mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln und einem Stipendium der Arno-Schmidt-Stiftung.

      VS Fachgruppe Literatur der ver.di HBN Köln, 15. Dezember 2017  – Michael Langner und Erasmus Schöfer


      Und außerdem darüber freue ich mich besonders, dass sich Erasmus Schöfer heute bereit erklärt hat, im Lauf der Veranstaltung noch zu uns zu stoßen und uns aus seiner Begegnung mit Heinrich Böll im Zusammenhang mit einem Romanmanuskript zu erzählen.

      Und jetzt freue ich mich, dass Johanna Haber beginnen wird mit einem Vortrag um das Fundament zu legen für unsere weiteren Diskussionen am heutigen Abend.

    • Johanna Haberer: Aufgeklärter Umgang mit neuen Kommunikationsmitteln

      VS Fachgruppe Literatur der ver.di HBN Johanna Haberer

      Der Facebook Mitbegründer Sean Parker sagte Ende des Jahres 2017auf einer Veranstaltung der Webseite Axios über sein ehemaliges Unternehmen: Er könne die Social-Media-Nutzung mittlerweile nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Bei Facebook sei die Überlegung immer gewesen, wie es die Menschen dazu bringen könne, der Seite möglichst viel ihrer Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen:

      "Das heißt, wir müssen den Menschen ab und zu einen kleinen Dopaminschub geben, das passiert, wenn jemand Sachen von dir liked oder ein Foto kommentiert. Es ist ein Feedback Loop, der auf dem Drang der Menschen nach sozialer Bestätigung basiert. (...) Wir haben eine Schwachstelle in der Psychologie der Menschen ausgenutzt. Die Erfinder, also ich und Mark (Zuckerberg) und Kevin Systrom (Instagram) wussten das. Und wir haben es trotzdem gemacht." [Muth, Max (2017): Mitbegründer Sean Parker schießt gegen Facebook. https://www.br.de/nachrichten/facebook-gruender-schiesst-gegen-facebook-100.html (letzter Zugriff: 08.01.2018]

      Damals – so sagt er weiter – sei allerdings noch nicht absehbar gewesen, wie groß der Einfluss eines Netzwerks von zwei Milliarden Menschen auf die Gesellschaft sein würde. Parker geht davon aus, dass Facebook inzwischen die Beziehungen zwischen Gesellschaft und den Menschen und den Menschen untereinander beeinflusst. Und zwar zum Negativen.

      Digitale Medien oder besser Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) verbinden Menschen zwischen allen Kontinenten, schrumpfen die Zwischenräume – global und personal. Sie verändern unseren Alltag allmählich, durchdringen unser Alltagsleben unser gesamtes Informations- und Kommunikationsverhalten. Sie sind unwiderstehlich, weil sie unglaublich wirkmächtig sind in ihrer Anwendung. Sie machen abhängig durch diese unabweisbare Geschwindigkeit und Effektivität. Es gelingt uns durch sie blitzschnell an Informationen zu kommen, für die wir früher Tage, Wochen und Monate brauchten. Unser Informations- und Wissensmanagement hat sich total verändert: das Denken, das vormals in die Tiefe ging, bleibt an der Oberfläche und geht sozusagen in die Breite.

      Die neuen Technologien haben auch neue Machtzentren hervorgebracht, die nicht nur unsere Daten sammeln und uns bestimmten Konsumententypen zuordnen, sondern die inzwischen auch in der Lage sind, uns zu manipulieren, unsere politischen Systeme zu unterwandern und maßgeblich die Meinungsbildungsprozesse zu beeinflussen. Die neuen Technologie entgrenzen unsere menschliche Existenz.

      Entgrenzung und Selbstoptimierung

      Mit dieser Technologie können Menschen ihr „Ich“ bis ins Unendliche erweitern oder dehnen, mit der Folge, dass ihre Begrenzungen so auch ihre unterschiedlichen Rollen in der Welt zusammenfließen. In der digitalen Welt ist es schwer dienstlich und privat, Arbeit und Familie zu trennen. Grenzen, die die Leibhaftigkeit vorgab, der Arbeitsplatz bzw. der Spielplatz spielen nun keine Rolle mehr. Wir sind für alle immer und in jeder Situation erreichbar, ortbar, ansprechbar.

      Wird uns diese Technologie zu einer Entwertung des Körpers führen oder im Gegenteil, wird sie uns zu einer Bewegung der körperlichen und mentalen Selbstoptimierung führen? Immer neue digitale Selbstüberwachungsmöglichkeiten können Schlafphasen und Kalorien, Schritte und Arbeitszeiten dokumentieren und dem Einzelnen so Ziele zur Selbstoptimierung anbieten. Im Augenblick beginnen auch schon die ersten Kunden einer Versicherung ihre Fitnessdaten - gegen einen kleinen Rabatt auf die Versicherungsprämie – anzubieten. Die Selbstoptimierung, die unter der persönlichen Navigation stand, mündet dann in einen Selbstoptimierungszwang durch interessierte Unternehmen, die sich perspektivisch umgekehrt dann vorbehalten im Krankheitsfalle Zahlungen zu abzulehnen, wenn die entsprechenden Daten nicht vorliegen.

      Unser Umgang mit dieser neuen Technologie vollzieht sich also in einer Dialektik der Entgrenzung einerseits und der zunehmenden Kontrolle und Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten andererseits.

      Beschleunigung

      Wie der Soziologe Hartmut Rosa festgestellt hat [Rosa, Hartmut (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main] unterliegt unser Leben derzeit einer rasanten Beschleunigung. Arbeitsvorgänge, Kommunikationsakte, gegenseitige Information: alles vollzieht sich in einer Geschwindigkeit, für die wir noch keine Einübung haben und die unsere alte Kommunikationswelt völlig auf den Kopf stellt. Die Folge ist, dass unser Kommunikationsverhalten reflexhaft wird: E-Mails oder SMS oder Whats-App-Nachrichten werden in Sekundenschnelle beantwortet. Der Akt des Nachdenkens oder Nachfragens, der in der zwischenmenschlichen Kommunikation oft zu Klärungen beiträgt, fällt in vielen Fällen weg.

      Reflex statt Reflexion. Die Aktion tritt an die Stelle des Überlegens.

      Eine solche unmittelbare Sofortkommunikation könnte erklären, warum es in den Netzwerken immer wieder zu Empörungswellen kommt, die zugleich dann Debatten vereinfachen und polarisieren und Menschen und Menschengruppen gegeneinander in Stellung bringen. [vgl. Pörksen 2009]

      Diese Schnell- und Kurzkommunikation verändert die Sprache, verhindert Nachdenklichkeiten, Differenzierungen, komplexe Einordnungen und treibt uns in eine Kommunikationswelt der Simplifizierung, der einfachen Nachrichten, kurzfristigen Erklärungen und vorschnellen Deutungen.

      Anonymität

      Diese überwältigende Präsenz und Allgegenwart wird ergänzt durch die Möglichkeit, anonym präsent zu sein. Da gibt es Personen oder Institutionen, die unter falschem Namen posten, kommentieren, teilen und die versuchen, ohne Gesicht zu zeigen, Andersdenkende in eine Minderheitenposition zu treiben, zu diffamieren, zu verführen oder ins Abseits zu drängen.

      Es gibt auch die andere Seite natürlich, wie immer: Es kann auch Spaß machen sich in unterschiedliche Figuren zu begeben und als diese zu kommunizieren, eine Art virtuelles Verkleidungsspiel, Rollenspiele, um sich zu erproben und festgelegten, bisweilen festgezurrten Identitäten zu entkommen.

      Menschliche Kommunikation basiert auf millionenfach variierten Zeichen und Signalen. In der virtuellen Welt sind diese vereinfacht und kategorisiert – durch Emojis, die die Gesten und Gesichtszüge repräsentieren, die Freude, die Verachtung, die Wut die Angst oder die Begeisterung. Dennoch birgt die analoge und personale, die körperliche und räumliche Kommunikation andere Resonanzen, die verpflichtender und verbindlicher sind als die, mit denen man sich in der virtuellen Kommunikation ausdrückt oder in Szene setzt.

      Den anderen Menschen erkennen und ihn achten und lieben, ihn „riechen können“ und spüren gibt unserer Kommunikation eine andere Tiefe und Nachhaltigkeit, ist immer noch, aber wohl weniger anfällig für Projektionen und Täuschungen im persönlichen Miteinander.

      Und im politischen Diskurs einer Demokratie sind Klarnamen m.E. unverzichtbar, denn der Beitrag des Einzelnen zum Gespräch der Gesellschaft muss rückverfolgbar sein auf dessen Rolle in der Gesellschaft und dessen analoges Wirken.

      Übergriffigkeit

      Die virtuelle Welt gibt auch Raum für das völlige Vermischen von Privatem und Öffentlichem. Es ist eine Errungenschaft der aufgeklärten Neuzeit, dass Menschen ihre persönlichen und intimen Sphären trennen können von den halbprivaten, dienstlichen oder ganz öffentlichen. Nach neuzeitlicher Erkenntnis bedarf es dieser privaten Schutzräume als Orte des Aushandelns und der Meinungsbildung, bevor sich einer oder eine öffentlich am Gespräch beteiligt. Ein informiertes öffentliches Gespräch [vgl. Habermas 1990] bedarf also der privaten Räume als Voraussetzung für demokratische Prozesse.

      Das bedarf im virtuellen Raum einer nachhaltigen Einübung. Wer ist „Freund“? Wer gehört in die Kategorie „Bekannter“ und wer könnte welches Interessen haben, die Räume zu durchbrechen. Wenn beispielsweise intime Fotos durch einen Tastenklick einer großen Öffentlichkeit bekannt gemacht werden können, gefährdet das eine wirklich vertrauensvolle intime Kommunikation im Netz. Die missbräuchliche Verwendung von Bildern oder vertraulichen Informationen, die von abgelegten Liebhabern oder ehemals vertrauten Freunden öffentlich gemacht werden können, hat schon Biographien nachhaltig beschädigt oder gar zerstört.

      Es bedarf einer neuen wohlbedachten Kultur der Intimität und Privatheit im Netz, die beschützt einerseits und Übergriffe nachhaltig bestraft.

      Und es bedarf einer neuen politischen Kultur des demokratischen Diskurses im Netz, der die Beteiligten in ein informiertes, sachliches und argumentatives Gespräch führt.

      Destruktion und Destabilisierung durch Desinformation

      In den vergangenen Jahren ist – besonders im politischen Feld – auch die Möglichkeit zur strategischen Destruktion ins Bewusstsein der öffentlichen Debatte getreten. Social Bots, als Meinungsverstärker, aus dem Kontext gerissene Zitate oder aus unterschiedlichen Kontexten komponierte Fotos können Sachverhalte verzerren und interessierten Gruppen oder Parteien die Demontage Andersdenkender leichtmachen. Die sozialen Netzwerke dulden unter dem scheinliberalen Argument der „Meinungsfreiheit“ das Aufkommen destruktiver Kräfte, denen an einer Destruktion der gesellschaftlichen Verhältnisse gelegen ist und die mit strategisch geplanten Lügen die demokratische Informationskultur zerstören wollen. Dem kann nur durch das stärken glaubwürdiger Informationsquellen und professioneller journalistischer Arbeit widerstanden werden. Wie mit Gerüchten und falschen Anschuldigungen im persönlichen Bereich der virtuellen Kommunikation umzugehen ist, dafür bedarf es – neben eine gesetzlichen Neujustierung – der Erziehung zum kompetenten Umgang mit diesen neuen Kommunikationsmöglichkeiten einerseits und einer Erziehung zum kritischen und selbstkritischen Umgang andererseits.

      Mobilisierung

      Eine Reihe von Beispielen in den letzten Jahren zeigen, dass die digitale Technologie zur Destabilisierung von Gesellschaften gebraucht werden kann.

      Die Beispiele der Mobilisierung der türkischen Communitiy gegen deutsche Politiker, Werte und Interessen im Vorfeld der türkischen Präsidenten- sowie der deutschen Bundestagswahlen, die daraus resultierenden Verwerfungen, Polarisierungen und Anfeindungen weisen auf die manipulativen Möglichkeiten dieser Technologie hin.

      Neben den konstruktiven Mobilisierungen z.B. gegen die Belästigung von beruflich abhängigen Frauen (Hashtag metoo) oder für Nachbarschaftshilfe oder den Schutz von Bienen, birgt diese Technologie, die Identifikationsprozesse anzutriggern vermag, eine ganz einfache Möglichkeit pseudopatriotische Zwistigkeiten in die Welt zu setzen. Die Erkenntnisse der EU über die strategischen Möglichkeiten des Netzes die innere Erosion der demokratischen Gesellschaften in Gang zu setzen, sprechen hier eine beredte Sprache. [(Zeit Online (23.11.2016): EU-Parlament warnt vor russischer Propaganda. http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-11/europaeische-union-anti-eu-propaganda-russland-europaparl... (letzter Zugriff: 08.01.2018)]

      Überwachung

      Seit den Enthüllungen Edward Snowdens ist es kein Geheimnis mehr, wie die Daten deutscher und europäischer Unternehmen, Politiker und Bürger von amerikanischen Geheimdiensten abgefangen und abgehört werden. Bis heute gibt es keine politisch befriedigende Antwort auf die Übergriffe amerikanischer Geheimdienste gegenüber politischen Funktionsträgern in Deutschland. Nun könnte es sein, dass der Oberste Gerichtshof in den USA den Rechtsstreit zwischen Microsoft und Irland abschließend beurteilt, in dem Irland gegenüber Microsoft auf seiner nationalen Souveränität und der Geltung irischen Rechts in Bezug auf die Daten beharrte.

      Es könnte sein, dass in den USA entschieden wird, dass alle von amerikanischen Internetfirmen gesammelten Daten im Hoheitsbereich und nach dem Recht der US-Rechtsprechung behandelt werden.

      Das bedeutet das Ende der Möglichkeit, den Internetkonzernen auf nationaler oder europäischer Ebene die Grenzen aus der Perspektive des Datenschutzes zu zeigen. Und da könnte zugleich das Ende des weltweiten und freien Netzes bedeuten. [Becker, Markus (03.01.2018): US-Gericht entscheidet über unsere Privatsphäre. Spiegel Online: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/supreme-court-entscheidet-ueber-zukunft-unserer-privatsph... (letzter Zugriff: 08.01.2018)]

      Heilsversprechen oder Verschwörungstheorien

      Wenn Eric Schmidt, der ehemalige CEO von Google, noch vor einigen Jahren formulieren konnte, dass die digitale Technologie - in der Lage sein werde, alle Probleme der Welt zu lösen, vorausgesetzt der Nutzer würde auf seine Privatsphäre verzichten, wird nun – besonders in den vergangenen drei Jahren – klar, dass das Netz mit seiner digitalen Kommunikation das friedliche Zusammenleben in demokratischen Strukturen mit seine regelhaften partizipativen Modellen und Prozessen empfindlich stören könnte bzw. an dessen Destabilisierung maßgeblich beteiligt sein könnte. Wie oben geschildert bedauern einige Gründer und Erfinder von sozialen Netzwerken bereits mit ihrer Erfindung an der Verschlechterung des kommunikativen Weltklimas beteiligt zu sein.

      So sind die Heilsversprechen der Netzunternehmen mit ihren weltweiten Einflüssen eher Dystopien gewichen, die von Datenkraken und Sirenenservern [Larnier, Jaron (2014): Wem gehört die Zukunft?: „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.“ Hamburg] sprechen und die nicht ohne Grund warnen, dass diese kommunikativen Netzwerke in der Hand von global agierenden Unternehmen, die nationale Souveränität der Staaten negieren, demokratische Regeln ignorieren, staatliche Aufsicht im Sinne einer Medienaufsicht ablehnen und sich im schlimmsten Fall zu einer Art Datenweltherrschaft bzw. einer Datendiktatur weiterentwickelt werden können.

      Das Leben des Einzelnen mit all seine persönlichen Spuren und Kontakten im Netz könnte politisch missbraucht werden und ein Gegenstand von Manipulation und/oder Erpressung. Das Zusammenleben in den demokratischen Gesellschaften, deren Grundlage die Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit von Informationen darstellt, könnte ins Wanken geraten und rechtspopulistische und separatistische Tendenzen meinungsbeherrschend werden lassen.

      Zwischen den Heilsversprechen und den Dystopien lässt sich vielleicht ein Weg finden, wie diese digitalen Netzwerke, die solch ungeahnte und wundervolle Möglichkeiten bieten, sich an die demokratischen Regeln und Strukturen anpassen und sich den Rechtsnormen der unterschiedlichen Gesellschaften zu beugen lernen.

      In jedem Fall gilt es für den Einzelnen einen aufgeklärten Umgang mit diesen komplexen Kommunikationsmöglichkeiten zu bekommen. Der aufgeklärte Umgang fordert eine Umstellung des Einzelnen in seinem Kommunikationsverhalten. Garantiert bisher der Rechtsstaat - grundgesetzlich gesichert - die kommunikative Privat- und Intimsphäre (siehe Grundgesetz Briefgeheimnis/Telefonie etc.), kann ein nationales Gesetz dieses Versprechen auf Datenschutz nicht mehr gewährleisten. Also muss der Einzelne eine neue Form von Aufmerksamkeit aufbringen und eine andere Form der Kommunikationskompetenz erwerben.

      Dazu dient beispielsweise eine konsequente Selbstbeobachtung beim Kommunikationsverhalten, also der Versuch einen reflexiven und reflektieren Umgang mit den IKT zu gewinnen. Zum Beispiel indem ich frage: Wo liegen meine Daten? Wer hat meine Passwörter, wer hat im Falle meines Todes Zugang zu meinen Daten?

      Es gilt auch einen spirituellen und reflexiven Umgang mit der Zeit in den neuen Kommunikationsräumen zu gewinnen: Bin ich ständig online, habe ich Ruhe Zeiten, Zeiten der Nichterreichbarkeit?

      Wie gestalte ich angesichts des Totalanspruchs dieser Technologie auf meinen Tagesablauf und meine Orientierung in Zeit und Raum die Kunst der Selbstbeschränkung?

      Gibt es Ruhezeiten oder offline-Zeiten? Gibt es einen regelhaften und reflektieren Umgang, der auch an die anderen Mitglieder des Haushalts kommuniziert werden kann. Wie regeln die Jugendlichen und die Kinder ihren Umgang, wie kann sie vor der Totalvereinnahmung schützen?

      Es gilt also zwischen der Dystopie und den Untergangszenarien beziehungsweise der Welterlösungsformel noch den Weg, einen kühlen, informierten, rationalen, reflexiven und beherrschten Umgang mit den neuen Kommunikationsmitteln zu finden.

    • Nika Bertram: Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung

      VS Fachgruppe Literatur der ver.di privat Nike Bertram

      Erinnert sich noch jemand an diese flachen, in den Wänden versteckten Teleschirme aus George Orwells dystopischem Roman „1984“ [George Orwell: Nineteen Eighty-Four, London 2008], mit denen der „Große Bruder“ die breite Masse auch Zuhause überwachen konnte? Heute hängen solche Flatscreen-Fernseher in fast jedem Wohnzimmer, und, rein technisch wären sie als Überwachungsgeräte voll einsetzbar. Wir umgeben uns mit Smartphones, Smart Homes, Smart TVs und Kühlschränken und anderen schlauen Dingen aus dem „Internet of Things“ (IoT), und diese Dinge kontrollieren uns sogar noch raffinierter, noch unsichtbarer und subtiler: indem sie uns dazu bringen, uns selbst zu kontrollieren. Sie versprechen Techniken und Systeme, die unser Leben erleichtern und auf uns aufpassen sollen. Dafür füttern wir sie mit unseren Daten, Adressen, Konten-, Bewegungs- oder Körperprofilen, mit riesigen Datenmengen, die heute mit algorithmischen Verknüpfungen zu so präzisen Profilen und Voraussagen verknüpft werden können, dass ein Großer Bruder neidisch wäre.

      Allerdings, zahlen wir für diesen digitalen Komfort einen hohen Preis. Die zunehmende Aushöhlung individueller Freiheit, Autonomie und Privatsphäre durch Überwachung führt zu einem gesteigerten Konformitätsdruck und Verhaltensänderungen in einer nur noch auf Effizienz getrimmten Gesellschaft. Um diesen Prozess zu verdeutlichen, verwendete Michel Foucault [Michel Foucault: Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/M. 1992, S. 260] das von Jeremy Bentham entwickelte Prinzip eines Panoptikums, als Sinnbild für ein Staatsmodell, das auf zentralisierter Überwachung basiert. Dieses Panoptikum ist im Prinzip eine Gefängnisarchitektur. Der Überwacher sitzt im Zentrum, und alle Zellen liegen ringförmig um ihn herum, so dass er seine Aufmerksamkeit jederzeit auf eine andere Zelle richten kann. Die Insassen wissen deshalb nie, wann sie wirklich überwacht werden. Um nie negativ aufzufallen oder sanktioniert zu werden, passen sie sich diesem System an und verinnerlichen das Gefühl permanenter Kontrolle, und das verändert ihre Persönlichkeit. In totalitären Systemen finden diese Kontrollen offen statt. In einer Überwachungs-Gesellschaft aber baut sich dieser verinnerlichte Druck schleichend auf – wie bei einem Frosch im langsam heißer werdenden Wasser – bis es zu spät ist.

      Eine Gesellschaft, die ihre Bürger mit Überwachung und Angst unter Kontrolle halten will, bedeutet deshalb ein Risiko für das Engagement und den Mut und die Vielfalt, Empathie und Solidarität der Menschen. Im Leben wie in der Kunst brauchen wir Emotionen, Geheimnisse, Heldentaten, Liebe, Hass, Nähe, Vertrauen, aber auch Lücken, „Leaks“, Vertrauensbrüche und Fehler, und die Freiheit dazu. Darin liegt der besondere Wert der Privatsphäre, und es ist wichtig, diese Autonomie und individuellen Schutzräume zu gewährleisten. Als Grundlage für Kreativität, Individualität, Solidarität – und Demokratie.

      Wer sind aber nun diejenigen, die ein Interesse an der Gefährdung der Privatsphäre haben könnten, an der Reduzierung von so wunderbar unberechenbaren Menschenwesen in maschinenlesbare Datenmengen? Sind das wirklich nur effizienz- und datenhungrige Firmen, Konzerne oder staatliche Institutionen? Oder, tragen wir nicht auch selbst Verantwortung, indem wir alles möglichst „bequem“ haben wollen und sollten auch unseren eigenen Umgang mit persönlichen Daten hinterfragen? Konzerne wie Facebook oder Amazon verführen uns geschickt dazu, ihnen freiwillig unsere Daten zu geben. „Nudging“ [Richard Thaler, Cass Sunstein: Improving decisions about health, wealth and happiness. London 2008] nennt man in der Verhaltensökonomie diese Beeinflussung in Richtung eines gewünschten Verhaltens. Hinter all dem steckt eine unbewusste, subtile Manipulation, oder auch (um einen Titel Heinrich Bölls zu zitieren), eine „Fürsorgliche Belagerung“ [Heinrich Böll: Fürsorgliche Belagerung. Köln 1979]. Natürlich wird uns auch etwas versprochen dafür, wenn wir unsere Privatsphäre aufgeben: mehr Sicherheit oder Schutz, etwa, vor Terroristen, oder, mehr Aufmerksamkeit, Publicity oder Bequemlichkeit, mehr Freunde oder auch nur ein billiges Feuerzeug.

      Die Frage nach dem richtigen Umgang und der Verantwortung mit den eigenen persönlichen Daten, aber auch mit den Daten anderer, sollte sich jeder stellen, auch Schriftsteller oder andere Publizisten. Zum Einen allgemein, z.B. bei der Frage, ob sie selbst wollen, dass ihr Werk auf einer Plattform veröffentlicht wird, die jede Einzelnutzung speichern und überwachen kann. Spannend bleibt aber auch das Thema der Verletzung der Privatsphäre als Motiv. Ein Beispiel dafür wäre Bölls Roman „Die Verlorene Ehre der Katharina Blum“ [Heinrich Böll: Die Verlorene Ehre der Katharina Blum. Köln 1974]. Doch auch die Informatiker oder Produzenten dieser neuen Systeme sollten ihre Verantwortung sehen und übernehmen. Indem sie z.B. darauf achten, dass ihre Systeme keine Sicherheitslücken enthalten oder möglichst transparent und mit quelloffener Software geschrieben sind. Oder, indem sie, bei ethisch fragwürdigen Projekten, auch ihre eigene Beteiligung hinterfragen. Was das Gefährdungspotential der neuen Technologien betrifft, so ist unsere Situation heute durchaus vergleichbar mit der Zeit der Erfindung der Atombombe.

      Der technische Fortschritt, gerade im Bereich des Deep Learning von Algorithmen und KI-Systemen, lässt sich nicht mehr aufhalten – und, das muss prinzipiell noch kein Grund zur Panik sein. Zu resignieren, zur „Maschinenstürmerei“ oder zu einem Boykott von Social Media aufzurufen wird jedenfalls nicht helfen. Keine der bisher bekannten Alternativen zu Facebook & Co. wie Friendica [https://friendi.ca]  oder DuckDuckGo [https://duckduckgo.com/] (quasi, die „Reformation“) hat sich bisher durchsetzen können, wegen der fehlenden kritischen Masse an Benutzern. Es lohnt sich dennoch und umso mehr, sich weiter für eine größere Vielfalt der Systeme und Anbieter einzusetzen. Es ist wie bei dem Engagement für mehr Umweltschutz, gegen Atomkraft oder für fair gehandelte Produkte: es ist wichtig, aufmerksam und wachsam zu bleiben, sich politisch zu engagieren und dort Einfluss zu nehmen, wo es nötig ist, aber auch, sein eigenes Verhalten zu ändern. Der Erhalt der Freiheit – und Demokratie – ist niemals „bequem“.

      Die Frage, ob wir eine neue Reformation brauchen, lässt sich also nicht eindeutig beantworten. Wir müssen nach Alternativen suchen, und dabei vor allem eine neue Ethik entwickeln, für die Folgen der neuen Technologien.

      Mit solchen Themen beschäftigen sich z.B. Portale wie netzpolitik.org [https://netzpolitik.org/] oder der Chaos Computer Club [https://www.ccc.de/], seit seiner Gründung anlässlich des Tuwat-Kongresses 1984 am Redaktionstisch der taz. Vor allem der CCC-Mitbegründer Wau Holland hatte damals die ethisch-humanistisch-politischen Grundsätze des Clubs geprägt, die bis heute in dessen Aktionen und Strukturen verankert sind. So formulierte der Club in der deutschen Hacker-Ethik Leitsätze wie z.B.: „Private Daten schützen, öffentliche Daten nützen“ [https://www.ccc.de/hackerethic] als Forderung nach Transparenz, Teilhabe und Datenschutz. Holland verstand früh, dass die Technologien selbst neutral sind und erst der Mensch ihre Ziele bestimmt – und auch, dass sich z.B. soziale Probleme nie alleine technisch lösen lassen. Um ein System zu verändern - ob eine Gesellschaft oder ein technisches System – sollte man es zuerst erforschen und verstehen. Für Holland war der „Komputer“ deshalb in erster Linie ein basisdemokratisches Werkzeug, das mehr gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen könn(t)e: mit einem freieren Zugang zum Weltwissen, größerer Medienvielfalt, Sharing Culture, flachen Hierarchien oder Netzwerk-Strukturen. Auf diese Parallelen wies Holland selbst gerne hin mit der schelmischen Frage: „Was ist das schon einen Rechner aufzumachen, dagegen, die Gesellschaft aufzumachen?“ [zitiert in: Nika Bertram: Radio Wauland (Hörspiel). WDR 2011] Leider ist mir nicht bekannt, ob sich Wau Holland und Heinrich Böll je getroffen oder was sie voneinander gedacht haben, aber, ich nehme an, heute wäre Böll ein Unterstützer einer Plattform wie netzpolitik.org.

      Was bedeutet die Digitalisierung nun für mich? Als Schriftstellerin sehe ich diese digitalen Technologien zwar auch als Werkzeug, als Recherche- und Schreib-Tools, aber auch als eigenständige Motiv-Welt, nicht nur für Science Fiction. Ich fühle mich zuhause in der Welt der Hacker-Kultur, da sie meine Faszination für diese neue Welt teilen. Im CCC habe ich diese faszinierende historische Entwicklung in den Neunzigern selbst miterleben dürfen: wie diese „Reformation“ geschah, dieser mediale Quantensprung. Wie sie zu einer Explosion und Individualisierung der Kommunikation führte und plötzlich Zugang zu vielfältigen Kommunikationsstrukturen bot und Autoritäten zu entzaubern schien. Aber, das Netz bot natürlich nicht nur eine Utopie, es zeigte auch schon damals seine dunklen Seiten, lange vor dem Darknet. Hacker hatten immer schon ein Interesse an Verschwörungstheorien und Geschichten und Mythen vom Überwachungswahn von FBI, BND und BKA. Daraus waren viele gern gepflegte Mythen, Begriffe, „Meme“, „Narrative“ oder Urban Legends entstanden – bis, im Juni 2013, Edward Snowden mit seinen Enthüllungen über den Überwachungsapparat der NSA diesen Mythen ihre Unschuld nahm [Siehe dazu, u.a.: Glenn Greenwald: Die globale Überwachung – der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen, München 2014] und der Welt zeigte: das alles war nicht nur wahr, sondern noch viel schlimmer.

      Unsere Daten seien so wertvoll wie Öl - das wird oft gesagt. Diese Daten sind jedoch nur reine Informationen, wertvoll werden sie erst durch Zuordnung. Erst durch das Clustering und die Analyse zusammenhängender Informationen entsteht Wissen, und dieses Wissen ist Macht. Es ist auch eine Macht, die wir als Konsumenten und Produzenten haben, und das sollte uns bewusst sein, wenn wir uns für unser Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung und den Schutz der Privatsphäre einsetzen.

      1) Auf abstrakter, philosophischer, gesellschaftlicher Ebene:
      Wir brauchen neue ethische Prinzipien, Diskussionen und Eigenverantwortung. Die Technik selbst ist neutral, aber, wer entscheidet, was mit den Daten geschieht? Wer programmiert was und für wen und mit welchem Ziel? Wir brauchen eine neue Informatik-Ethik.

      2) Auf politischer Ebene:
      Wir brauchen mehr Schutz, mehr Regulation, mehr Stärkung der Bürgerrechte im Digitalen. Am besten auf EU-Ebene, mit einem stärkeren Schwerpunkt auf Usability und Verbraucherschutz. Wir sollten uns für sichere Software-Systeme einsetzen, ohne Sicherheitslücken, „Hintertüren“ oder Datensammelwut. Plädieren sollten wir auch für mehr Mitwirkung und Aufklärung bei medienpolitischen Entscheidern und Gremien, die fachspezifische Kompetenz und Qualifikationen zeigen sollten.

      3) Im Bildungsbereich:
      Mehr Digitale Kompetenz, „Privacy Literacy“, Aufklärung und Schulung „echter Medienkompetenz“. Mehr schulische Angebote zur Förderung von Informatik oder Programmier-Kenntnissen. Mehr Förderung von offenen, niedrigschwellig zugänglichen Projekten.

      4) Als Bürger und Schriftsteller: 
      Mehr Eigenverantwortung, Hinterfragen des eigenen Umgangs mit Fragen der Privatsphäre und Digitalisierung, auch bezogen auf die eigene Position als „symbolverarbeitende“ Publizisten, Blogger oder Nutzer etc.

      Das Internet und die Computertechnologien sind mächtige Herrschafts- und Kommunikationsinstrumente – wie die Sprache. Und, ebenso wie die Sprache, sollte auch diese Technik und der Zugang zu ihr frei sein von der Herrschaft der Ökonomie und durch Kunst und Bildung Teilhabe ermöglicht werden. Nur, wenn wir selbst verstehen, wie wertvoll unsere persönlichen Daten sind, und wie diese Algorithmen, Netzwerke und Systeme genau funktionieren und sich beeinflussen lassen, und wenn wir für deren Gefährdungen wachsam bleiben, dann werden wir unsere Privatsphäre und Grundrechte schützen und uns für deren Einhaltung engagieren können.

      Die Wirtschaftswunder- und Kindergartenjahre im Netz sind vorbei. Es steht viel auf dem Spiel. Überall werden Unmengen von Daten gesammelt, auf Vorrat. Viele wissen selbst noch nicht, wie und warum sie diese Big Data-Mengen verarbeiten sollten. Das ist die gute Nachricht. Noch. Aber kein Trost. Bald werden noch leistungsfähigere Maschinen noch mehr Daten verarbeiten könnten und uns durch algorithmische Auswertungen und Analysen scannen und ein- und aussortieren nach Nützlichkeit, Krankheiten oder Kreditwürdigkeit. Und, dagegen wird Orwells Dystopie harmlos erscheinen.

      Oder, wie Thomas Pynchon 1984 in seinem wegweisenden Aufsatz „Is It Ok To Be A Luddite?“ [http://www.nytimes.com/books/97/05/18/reviews/pynchon-luddite.html] schrieb: „Falls unsere Welt noch existieren sollte, dann wird die größte Herausforderung für uns kommen (…), wenn sich die Lernkurven der Forschung und Entwicklung in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Molekularbiologie und Robotik alle vereint haben und zusammenlaufen werden – O-Boy!“

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    Einladung

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: LMM

    Eine Veranstaltung des VS

    Die Einladungskarte
    und eine Pressemeldung des VS NRW können als pdf-Dateien hier geladen werden.