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    Erasmus Schöfer, der Chronist des Widerstands

    Erasmus Schöfer, der Chronist des Widerstands

    03.06.2021
    VS Fachgruppe Literatur der ver.di HpSchaefer | Wikimedia Erasmus Schöfer

    Erasmus Schöfer wurde am 4. Juni 1931 in Altlandsberg geboren, machte sein Abitur in Berlin und studierte an den Universitäten in West-Berlin, Köln, Bonn und Freiburg im Breisgau. Für drei Jahre unterbrach er sein Studium, um in Produktionsbetrieben zu arbeiten (Osram, Schwank). Dann nahm er 1955 in Köln sein Studium wieder auf und wurde 1962 in Bonn mit seiner Arbeit Die Sprache Heideggers promoviert.

    Danach arbeitete er erst in Freiburg, dann in München freiberuflich als Kulturkorrespondent für ein Dutzend deutscher Zeitungen. Er schrieb Hörspiele für verschiedene Sender in der BRD und der DDR, außerdem Funk-Essays und Features. 1967 bis 1969 schrieb er Texte für den Ostermarsch. Drei seiner Theaterstücke wurden in Freiburg, Dortmund und Bruchsal uraufgeführt. Bundesweit bekannt wurde er 1970 bis 1973 als Mitgründer und Sprecher des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt.

    Er veröffentlichte u.a.: die Novelle Der Sturm, Köln 1981. Sein erster Roman, Tod in Athen, Dortmund 1986, erschien nach einem einjährigen Aufenthalt in Griechenland, und die Erzählungen: Flieg Vogel stirb, Köln 1987, die Betrachtung Der gläserne Dichter, Berlin 2010 und Diesseits von Gut und Böse, Essen 2011 und eine Auswahl seiner Hörspiele in Na hörn Sie mal!, Essen 2012.

    Zwischen 2001 und 2009 erschien sein Hauptwerk, die Tetralogie Die Kinder des Sisyfos, in vier Bänden: Ein Frühling irrer Hoffnung (2001), Zwielicht (2004), Sonnenflucht (2005) und Winterdämmerung (2008), die an Vorbilder wie Uwe Johnson und Peter Weiss Die Ästhetik des Widerstands erinnern. Dafür erhielt er 2008 den Gustav-Regler-Preis der Stadt Merzig und des Saarländischen Rundfunks. Schöfer entwirft ein facettenreiches Bild der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung Westdeutschlands zwischen 1968 und 1989. Im Vordergrund stehen die eng verwobenen Lebensgeschichten eines verhinderten Geschichtslehrers und seiner Frau, eines engagierten Arbeiters und eines Journalisten.

    Für Erasmus Schöfer war der Vietnamkrieg das auslösende Moment für sein politisches Engagement. Der Schriftsteller war von da an bei allen großen Protestbewegungen dabei und wurde deren Chronist. Seit 2019 gibt es einen Begleitband für die Nachgeborenen mit einem Sach- und Personenregister, mit vielen Erklärungen zu den historischen und politischen Hintergründen der vier Romane.

    In dem Interview in Büchermarkt, Deutschlandfunk 2019, sagte Erasmus Schöfer, dieses ergänzende Nachschlagewerk wende sich an die jüngere Generation, auch an die ehemaligen Bürger der DDR, »damit sie wissen, was sich hier damals abgespielt hat.«

    Der Titel Die Kinder des Sisyfos, signalisiert auf den ersten Blick Vergeblichkeit. Doch Schöfer will dem griechischen Mythos eine neue Wendung geben: »Mir ging es darum, dass die Menschen nicht aufhören, sich für die Verbesserung der Lebensumstände einzusetzen. Also, für die Dauer der Anstrengung, die Unermüdlichkeit, die den Sisyfos prägt, der nicht aufgibt, ein Ziel zu erreichen. Dieses Ziel ist, dass der Stein mal oben bleibt oder – wie ich mal in einem Gedicht geschrieben habe – schließlich sich so abgenutzt hat, dass der als Sandkorn davonfliegt und damit auch Veränderung erreicht.«

    Erasmus Schöfers Beziehung zum VS ist sehr stark und permanent, seit 1970 ist er bei uns, überall aktiv, in NRW und Köln, zeitweise als Mitglied des Bundesvorstands. Seit 1980 ist er auch Mitglied im PEN.

    Das VS-Bundesvorstandsmitglied Pilar Baumeister schätzt sich glücklich, ihn persönlich zu kennen und schreibt: Wir begegnen uns sehr oft auf den Versammlungen des Kölner VS, wobei seine kritische Meinung gegen Ungerechtigkeiten aller Art großes Gewicht hat. Wir hatten viele Lesungen zusammen seit meinem Eintritt 1993. Die bisher letzte war 2019 im Café Inside, einem barrierefreien Café, dessen Leitung sich für die Belange von Behinderten einsetzt. Ich führte in sein Werk ein und er las aus Winterdämmerung mit einer Stimme, die beim Lesen und beim Diskutieren immer stärker, energischer und lebendiger wurde. Es war wunderbar zu beobachten, wie dieser Mensch durch intellektuelle Arbeit und den gesellschaftlichen Austausch alle Krankheiten und Schwierigkeiten des Alltags überwinden kann. Oft bleibt es eine Tatsache, dass wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller Einzelgänger sind, aber mit ihm kann man sich richtig anfreunden. Er ist dreimal bei mir gewesen und besucht all meine Lesungen, wenn seine Gesundheit es ihm erlaubt.
    An zwei Sachen erinnere ich mich besonders: Immer nach den Versammlungen steht er vor mir und fragt: »Wie kommst Du jetzt nach Hause?« Meistens war ich ohne Begleitung und musste ein Taxi bestellen. Er war mit seinem Fahrrad da und konnte mich nicht begleiten, aber er machte sich viele Sorgen um meinen Weg nach Hause, viel mehr als andere Kolleginnen oder Kollegen. Er machte sich Gedanken um meine Probleme und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Einmal bat ich ihn, ob er mich zu einer Demonstration gegen den Irak-Krieg (2003) mitnehmen könnte. Ich hatte es noch nicht erlebt, als blinde Person an einer Demo teilzunehmen, und ich hatte das Bedürfnis kennenzulernen, wie es ist, mit meiner Gruppe zusammen zu marschieren und ein Plakat zu halten. Er verstand meinen Wunsch, er, der so oft im Leben protestiert hat. Er führte mich durch die Menge mit unseren Plakaten in den Händen, und ich war glücklich, auch dazu zu gehören.

    Im Namen von uns allen im Bundesvorstand des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller gratuliere ich ihm zu seinem 90. Geburtstag. Wir wünschen Dir, lieber Erasmus, gute Besserung und erneute Energie zum Schreiben, und wir, die Kölner, die mehr in deiner Nähe sind, sagen ein Alaaf, hoch lebe Erasmus.

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    Valentin Döring • +49.30.6956-2327 • info@schriftstellerverband.org

    Die VS-Pressemeldung ...

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di NRW
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    ... vom 3. Juni 2021
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