Interviews und Statements

    Nina George

    Nina George

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Helmut Henkensiefken | Nina George Nina George


    Wie hat die Digitalisierung
    mein persönliches Leben als Autorin, aber auch als Leserin verändert?

     

     


    Ich bin seit 1995 ununterbrochen online – und wurde 1999 das erste Mal im damals noch langsamen, aber stetig wachsendem Internet bereits bestohlen; ein eingescanntes Buch von mir machte in Pirateriekreisen seine Runden, ich konnte nichts dagegen tun.

    Deswegen sehe ich, als Autorin und Urheberrechtsbeauftragte des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die Digitalisierung mit einem neugierigem und optimistischen, sowie einem höchst kritischen Auge, das inzwischen zumeist überwiegt.

    Die Kommunikationsformen und Kontaktmöglichkeiten zwischen Autorin und Leserin haben sich vervielfältigt, und die reine Praxis des »rasch-mal-nachrecherchierens« ist auch für mich als Journalistin ein großer Luxus, den ich nicht mehr missen will. Wobei es immer wichtiger wird, Primärquellen zu lesen und sehr genau zu prüfen, da die Ära des post-faktischen von uns mehr und mehr verlangt, nicht allem gleich nachzuhecheln in Gutgläubigkeit, was als Zitat mit Bildchen daher kommt… die digitale Medienkompetenz ist den Fakenews und gefühlten Meinungen immer weniger gewachsen: Selbst kluge Menschen lassen sich von Kampagnen der Silicon Valley-Giganten und ihrer bereitwilligen Helferinnen aus der Piratenpartei an der Nase herum führen, wie man im Frühsommer 2018 bei der Debatte um die EU-Richtlinie zum Urheberrecht sah.

    Die Digitalisierung lässt für jene, die Kreativität und Leistung illegal distribuieren – von Piraterie bis zur halblegalen Nutzung von Werken auf Plattformen wie YouTube oder GoogleBooks – mehr Freiheit, als uns, den Autoren und Autorinnen, gut tut. Seit 1999 haben es Gesetzgeberinnen nicht geschafft, piratöse Portale und jene Plattformen, die Werke unerlaubt kostenfrei nutzen, in die Verantwortung zu nehmen oder uns Autoren und Autorinnen Instrumente zu geben, um unsere Rechte auch nur annähernd durchzusetzen – und derweil verdienen Plattformen Milliarden von Dollars mit Arbeit, in die sie nicht investiert haben.

    Seit 20 Jahren schauen wir mit zusammen gebissenen Zähnen zu, wie eBooks, Songs, Filme, Fotos unerlaubt und gratis genutzt werden. Das ist, mit Verlaub, ein Armutszeugnis des politischen Gestaltungswillens, wenn die Gesetze nicht dem aktuellen Internet angepasst werden, sondern immer noch so tun, als säßen wir mit fiependem Modems daheim und würden für den Download einer Datei 48 Stunden benötigen.

    Andererseits haben mit dem Aufkommen von leistungsstarken Mobiltelefonen und Tablets sowie dem »ePub«-Format für eBooks, seit 2008 die marktbeherrschenden Player zugenommen und den Markt nach ihren Wünschen geformt und bis auf weiteres jegliche faire Vergütungsmöglichkeit zerstört.

    Amazon diktiert im digitalen Vertrieb – eBooks oder Hörbücher als mpegs – die Dumpingpreise und erpresst Verlage zu immer höheren Preisnachlässen oder zur Teilnahme an Flatrates, die kaum mehr als Krumen bringen. GoogleBooks bezieht sich auf amerikanisches Recht (»Fair Use«), um unerlaubt Werke einzuscannen und online zu stellen – mit dem Ziel, die größte, aber dann kostenpflichtige (!) Bibliothek der digitalen Welt zu werden (Natürlich ohne Autorinnen zu beteiligen). Deutsche Bibliotheken verweigern Autorinnen, sie mit anständigen Lizenzeinkäufen für die Onleihe gerecht zu vergüten, und wollen stattdessen eine gesetzliche Schranke erzwingen, die für sie weit kostengünstiger ist – und für uns erneute Verluste bedeutet. Der Staat? Senkt die Kulturetats, auch für die Bibliotheken. Danke für Nichts.

    Kurz: die Leistungen der Schöpferinnen, ihr wirtschaftliches Risiko, das sie eingehen, ihre kulturelle, persönliche, handwerkliche Leistung, wird im Zuge der Digitalisierung verramscht und gering geschätzt, niemand will sie bezahlen, so, als ob das luftige Medium der schreiberischen und der verlegerischen Arbeit ihren Wert nimmt.
    Es braucht Rückgrat als Autorin, sich da immer und wieder zu widersetzen; ich erlaube z.B. weltweit keine Flatrates für meine Bücher – denn Literatur und ihre Produktionsarbeit ist kein all-you-can-read-Buffett. Wir werden nie für unsere Arbeit, sondern nur nach Nutzung (Kauf, Leihe) bezahlt, aber wenn diese Nutzungsgebühren immer weiter zu einstelligen Centbeträgen mutieren – wie soll freie Literatur dann weiterhin finanzierbar sein?
    Und wann nimmt das Kartellamt eigentlich mal seine Arbeit auf, um sich Amazons Erpressungen dank Marktmacht anzuschauen?

    Nein, das gefällt mir nicht, und so suche ich bewusst wieder und wieder die aufregenden und anregenden Seiten der Digitalisierung.

    Mir werden z.B. Bücher von verschiedensten Quellen vermittelt und Nahe gebracht – Bloggerinnen, online-affine Buchhändlerinnen, Foren, Lesezirkel, Facebookgespräche. So entdecke ich Bücher, und kaufe die analog im Laden. Oder die Nähe zu Leserinnen auf der ganzen Welt: Skype-Treffen mit einem Buchclub in Ohio? Kein Problem. Grußvideo an die Buchhändlerin in Athen? Mache ich sofort. Intensiver Austausch mit einem schlaflosen Leser auf der Isle of Skye? Solche Überbrückung räumlicher Distanzen sind nur Dank digitaler Technik möglich. Bin ich unterwegs, kaufe ich eBooks – auch wenn meine Augen das nicht sehr mögen und ich das Gelesene meist schneller vergesse. Deswegen kaufe ich mir von jedem eBook nochmal die gedruckte Ausgabe: Sie wirkt bei mir einfach intensiver. Und ich umgehe das Ausgespähtwerden: Amazon etwa sammelt ganz genau ein, wer was wie liest, und verkauft die Daten an Unternehmen, die diese Erkenntnisse wiederum an Autoren verkaufen, die das perfekte Marktgleitfähige Buch schreiben wollen – um es dann für 99 Cent anzubieten, von denen Amazon 70 Prozent des Erlöses – behält. Ja, behält – erst ab 2,99 drehen sich die Verhältnisse positiv für die Autoren um. Das aber nur nebenbei.

    Letztlich sind wir Menschen es, die das Internet steuern, ausfüllen, gestalten und seine Regeln festlegen.
    Die Digitalisierung offenbart sowohl die Gier als auch die Güte, die Gleichgültigkeit als auch die Größe der Menschlichkeit, es ist ein Spiegel unserer besten und unserer miesesten Eigenschaften. Aber es ist ein sozialer Raum, in dem es zurzeit jedoch vermehrt asozial und anti-sozial zugeht: Hetze, Hass, Piraterie, Desinformation, Fake-News, Datensammelwut, und in den Darknets Waffenhandel, Kinderpornografie, Rudelbildung rechtsextremer Strömungen.

    Ich hoffe, dass sich die Politik endlich gerade macht. Anstatt aus Angst vor Wahlverlust, unter dem Druck von gezielten Desinformationskampagnen oder Schmeicheleien der Big Player sich weiterhin weigert, diesen sozialen Raum anständig, gerecht und klar zu regeln.

     

     

     

     

       

    Veranstaltungshinweise


    LESUNG

    Sonnabend, 16. Februar 2019
    19:00 Uhr und 20:30 Uhr
    Altes Forstamt
    63739 Aschaffenburg, Webergasse 3

    https://vs.verdi.de/50jahrevs/kongress/lesungen

     

    Während des VS-Kongresses moderiert Nina George zusammen mit Lena Falkenhagen die Gesprächsrunde mit Bundesvorsitzenden des VS

    Freitag, 15. Februar 2019
    ab 17:00 Uhr
    Stadttheater
    63739 Aschaffenburg, Schlossgasse 8

    https://vs.verdi.de/50jahrevs/kongress/festakt