Interviews und Statements

    Jens Johannes Kramer

    Jens Johannes Kramer

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Maurice Kohl Jens J. Kramer

    Grenzenlose Freiheit, Graswurzel-Demokratie, Bildung für Alle – die digitale Revolution ist mit einem gigantischen Heilsversprechen über uns eingebrochen. Don’t be evil hatten sich ein paar idealistische Jungs aus dem Silicon Valley auf die Internet-Fahne geschrieben und massenweise intellektuelle Energie in ihren Konzern gesaugt. Mittlerweile haben die saturierten Jungs von damals ihr Gründungsmotto verschämt abgeräumt. Es war nur noch blanker Hohn.

    Jaron Lanier, einst Prophet der digitalen Religion wurde vom Paulus zum Saulus und ist deswegen, wie bei Glaubensabtrünnigen üblich, mit blankem Hass verfolgt worden. Doch andere Insider taten es ihm nach, als Letztes schwor Tim Berners-Lee den himmlischen Hoffnungen auf das digitale Paradies ab. Diese Entwicklung ist nach Snowden, Cambridge Analytica, den Steuerskandalen, Hasstiraden, Wahlbeeinflussungen und Schmähkampagnen gegen Kritiker auch wahrlich nicht erstaunlich. Erstaunlich ist vielmehr, dass es immer noch naive Gläubige gibt, die unverwandt an das liebliche Reich von Google (Pardon: Alpha!), Facebook und Co. glauben und mit leuchtenden Augen die wirtschaftlichen Interessen einiger Multimilliardäre verteidigen. Und das oft mit dem gleichen Eifer wie die Zeugen Jehovas vom Jüngsten Tag schwärmen.

    Natürlich bleibt die digitale Welt ein wichtiger Teil unseres Lebens. Aber wie bei allen anderen Bereichen ist es nun mal nötig, diesen Ideen- und Wirtschaftsraum durch demokratische Institutionen regulieren zu lassen. Das wiederum gefällt den großen Akteuren natürlich nicht. Was ich verstehen kann. Die Geschäfte laufen ja auch wirklich gut. Perfiderweise begeben sie sich nicht selbst in einen offenen Diskurs, sondern verbreiten einfach ein paar Lügen oder Halbwahrheiten, die das gewaltige Heer ihrer Jünger entsetzt aufschreien lassen. Diejenigen, die sich um demokratische Abläufe bemühen, werden hysterisch niedergeschrien und als Ewiggestrige, als Unterdrücker gebrandmarkt. Der Streit um die Regulierung des Internets mutiert zu einem Glaubenskrieg.

    Dass einmal diejenigen, die den entfesselten Kapitalismus der digitalen Welt in demokratische Bahnen lenken wollen, nun als Reaktionäre verschrien werden, ist eine der absurdesten Erfahrungen unserer an Absurditäten nicht gerade armen Gegenwart.

     

    Jens J. Kramer ist Schriftsteller und Journalist. Er steht dem Das Syndikat e.V. – Verein deutschsprachiger Kriminalschriftstellerinnen und -schriftsteller, als 1. Vorsitzender vor.


    Veranstaltungshinweis

    Während des VS-Kongress moderiert Kramer die Samstag-Abendlesung am 16. Februar 2019 mit Nike Leonhard und Monika Pfundmeier ab 19:00 und ab 20:30 Uhr in der Stadtbibliothek [Details]