Interviews und Statements

    Im Gespräch: Patricia Klobusiczky

    Im Gespräch: Patricia Klobusiczky

    Übersetzerin
    1. Vorsitzende des Verbands deutscher Übersetzerinnen und Übersetzer, Bundessparte des VS

    Die Fragen stellte Nina George, Projektleitung »Literatur unter Strom: Die Debatte«

    Hilft oder stört die digitale Welt eine Übersetzerin bei ihrer Arbeit?

    Sowohl als auch ... Als ich 1996 den ersten Übersetzungsauftrag bekam, habe ich noch einen Monat in der Bibliothek verbracht und die Autorin in Paris besucht und zu Recherchezwecken auch noch einen Rabbiner aufgesucht. An sich war das alles sehr schön und eine ideelle Bereicherung, aber das musste ich damals mit einem Nebenjob finanzieren.

    Dank Internet ist die Recherche deutlich weniger zusatzkostenintensiv, auch wenn sie nach wie vor Zeit verlangt (die zusätzlich vergütet gehört).

    Aber natürlich muss ich mich gegen alle Verlockungen wappnen, die das Internet bereithält (in einem Übersetzungsprojekt wurde Fellini zitiert – wie gern hätte ich mir da gleich ganze Filme von ihm wieder angesehen).

    Was halten Sie von automatischen Übersetzern wie jenen, den Amazon einsetzt, um Klassiker zu übersetzen, oder die Entwicklung von KI (Künstliche Intelligenz), um Literatur künftig elektronisch zu übersetzen?

    Letztes Jahr habe ich noch verächtlich gelacht, als ein kluger junger Übersetzer meinte, unser Verband müsse sich auch dieser Frage stellen. Inzwischen habe ich mir einen ganzen Tag Zeit genommen, um DeepL zu testen (mit Originaltexten von Henry James und Samuel Beckett, von Marcel Proust und Marc Lévy, also komplexe und reduzierte Syntax und Lexik aus dem Englischen und Französischen), weil in letzter Zeit so viel über dieses vermeintliche elektronische Übersetzungswunder berichtet wurde. Was soll ich sagen: Ja, deutlich besser als Google Translate, aber immer noch nicht überzeugend – man sollte nicht auf die sehr gut gemachte PR der Softwareentwickler hereinfallen, die sich doch sehr stark in der Berichterstattung spiegelt (oft eher Marketingsprachrohr als kritischer Journalismus), sondern einen Selbstversuch starten.

    Das Problem: Auch wenn DeepL tatsächlich über einen üppigen Wortschatz verfügt und mit Hypotaxen besser zurechtkommt als andere Programme, geht die Software dennoch rein mathematisch an das Übersetzen von Literatur heran. Ihr fehlt, was »Humantranslatorinnen/-translators« in reichem Maß besitzen: Lebenserfahrung, Körpererfahrung, Sinneserfahrung, Erinnerungs- und Assoziationsvermögen, all das, was Literatur ausmacht.

    Die KI kann keine Haltung zum jeweiligen Text entwickeln, und auch keinen Ton, den sie – je nach Anforderung des Originals – von Anfang bis Ende durchhält, sie kann keine bewussten Brüche setzen. Das fällt noch viel schwerer ins Gewicht als Probleme der Mehrdeutigkeit, des Sprachspiels etc.

    Was ich aber nicht ausschließen würde: Dass Originaltexte, die mit Hilfe einer bestimmten Software entstanden sind (soll es ja geben), sich leichter softwaregestützt übersetzen lassen als andere. Selbst dann wird eine Menschliche Intelligenz (MI ...) nachhelfen müssen. Beim ersten Buch, das angeblich komplett durch KI übersetzt wurde, musste ein Team von acht Leuten nacharbeiten (es war ein Sachbuch, kein literarisches Werk) – ob da eine einzige kompetente Übersetzerin nicht effektiver wäre? Und kostengünstiger?

    Wozu braucht die Welt übersetzte Literatur?

    Seit es Literatur gibt, steht sie im Austausch mit der Welt – die deutsche Sprache ist praktisch durch Übersetzung entstanden (Luthers immens schöpferische Bibelübertragung!), die französischen Sonette der Renaissance wären ohne Petrarca nicht denkbar, die Shakespeare-Übersetzungen der Romantik sind in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen, der russische Roman des 19. Jahrhunderts verdankt sich westlicher Inspiration und ist darüber hinausgewachsen, mit einer internationalen Wirkung, die bis heute unvermindert anhält. Übersetzungen von Literatur bringen uns also nicht nur fremde Welten nah, sie regen die literarische Produktion und Erneuerung im Zielland an – die dann wiederum in die Welt hinausstrahlt, sobald sie übersetzt wird. Manches wird im eigenen Land erst durch die Übersetzung in einem anderen Land wieder entdeckt (wie bei Hans Falladas großartigem Vermächtnis »Jeder stirbt für sich allein«, das gewissermaßen über die angelsächsische Welt nach Deutschland zurückgekehrt ist). Vermutlich einer der produktivsten Kreisläufe der Weltgeschichte ...

    Wenn Sie auf die Situation der Übersetzerinnen und Übersetzer schauen: welche dringendsten Wünsche oder Forderungen hätten Sie?

    Ich wünsche mir dringend, dass unser Status als Urheberinnen endlich flächendeckend anerkannt wird und sich alle Akteure in der Literaturbranche entsprechend verhalten, die Verlage also ausnahmslos ihren Pflichten zur Nennung ihrer Übersetzerinnen/Übersetzer nachkommen – immer dort, wo die/der Originalautorin/-autor genannt wird –, und das gilt auch für den Buchhandel, für literarische Institutionen, Veranstalter und für die Medien.

    Und da ist natürlich unsere Forderung nach angemessener Vergütung, die trotz Novellierung des Urheberrechts und trotz BGH-Rechtsprechung immer noch nicht erfüllt ist. Eine Handvoll Verlage hat mit uns Gemeinsame Vergütungsregeln vereinbart, Ergebnis eines vorbildlich fairen Kompromisses, aber einige der größten Auftraggeber unterlaufen immer noch systematisch die Beteiligungssätze, die der BGH uns zugesprochen hat.

    Diese Forderung hängt mit meinem dritten dringenden Wunsch zusammen: Dass wir etwas bewirken können gegen die besonders unter Kreativen grassierende Altersarmut.

    Patricia Klobusiczky

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di VdÜ
    Foto/Grafik: Ebba Drolshagen

    1968 in Berlin geboren, hat Patricia Klobusiczky in Düsseldorf Literarisches Übersetzen studiert und ist seit 25 Jahren in der Branche tätig. Sie übersetzt aus dem Englischen und Französischen, Autoren der klassischen Moderne wie Jean Prévost oder Henri-Pierre Roché und Zeitgenössisches: Werke von Marie Darrieussecq, William Boyd oder Petina Gappah, zuweilen auch Sachbücher.

    Seit März 2017 ist Patricia Klobusiczky die Bundesvorsitzende im Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke. Seit 2016 ist sie eine Mentorin für Literaturübersetzer und leitete 2018 das »Übersetzerseminar – Literarisches Colloquium Berlin«. Als Dozentin wirkt sie u. a. im Rahmen des Masterstudiengangs »Angewandte Literaturwissenschaft« an der FU Berlin, und an der Berliner »Akademie für Autoren«.

    Veranstaltungshinweis

    LITERATUR UNTER STROM:
    Chancen und Risiken der Digitalisierung

    Vortrag und Debatte mit Rüdiger Wischenbart, Karla Paul, Patricia Klobusiczky, Peter Kraus vom Cleff, Nike Leonhard, Dr. Robert Staats

    Freitag, 15. Februar 2019, 14:00 Uhr
    Martinushaus
    63739 Aschaffenburg, Treibgasse 26

    https://vs.verdi.de/50jahrevs/literatur-unter-strom