Interviews und Statements

    Caritas Führer

    Caritas Führer

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di privat Caritas Führer


    Wie durch die Digitalisierung
    mein Leben und Arbeiten
    als Autorin/Leserin Veränderung erfuhr

    Ich begann zu schreiben in einem Land, in dem es nahezu keine Möglichkeiten der privaten Vervielfältigung gab. »Ormig«-Vervielfältigungen und Wachsmatritzen unterlagen staatlicher Kontrolle. Man schrieb noch vieles aufwändig mit der Hand (Blaupapier/Durchschläge) oder mit der (elektrischen) Schreibmaschine.

    Der Erwerb einer Reiseschreibmaschine aus dem Nachlass eines Schriftstellers war in den 70er Jahren ein großer Glücksfall für mich. In den frühen 80er Jahren wartete man in Leipzig etwa zwei Jahre, bis die bestellte kleine Schreibmaschine lieferbar war. Für Korrekturen verwendete man
    Tipp-Ex.

    Der Einzug von Computern, Kopierern und später Laptops – nach der Wiedervereinigung 1990 –  bedeutete für den Osten Deutschlands eine rasante, atemberaubende Veränderung, die vor allem für meine Generation eine starke Herausforderung bedeutete.

    Hatte mein Mann seine Dissertation 1988 noch mühsam auf der Schreibmaschine geschrieben (mit fünf Durchschlägen für »Pflichtexemplare«), erledigte unser ältester Sohn wenige Jahre später seine Hausaufgaben bereits an Vaters PC.

    Anfangs wehrte ich mich gegen den Einzug dieser Technik in mein Arbeitszimmer. Aber als ich mit Unterstützung meines Mannes begann, meine Texte am Laptop zu schreiben und so mühelos korrigieren zu können, gewann mein Arbeiten in technischer Hinsicht eine neue Qualität. Eine weitere Hürde war für mich, das Internet z. B. für Recherchen nutzen zu lernen. Inzwischen ist die elektronische Übermittlung von literarischen Texten und sonstigen Dateien alternativlos.

    Dennoch: Wie einfach war es früher, die Manuskripte in einen Umschlag zu stecken und zur Post zu tragen. Das Gefühl, ein Werk auf den Weg gebracht zu haben, stellte sich bei mir unmittelbarer ein.

    Das Schreiben von e-Mails erleichtert z. B. die Organisation von Veranstaltungen immens. Auch die elektronischen Möglichkeiten für gezielte Werbung habe ich schätzen gelernt.

    Nach wie vor vermeide ich es, persönliche Briefwechsel auf elektronischem Weg zu bestreiten. Ich bin eine begeisterte Verfechterin handschriftlicher Briefe, und die Poststelle in meiner Nähe ist mein tägliches Ziel, das ich in der Mittagszeit mit dem Fahrrad ansteuere. – Heimat ist für mich, wo die Postfrau mich kennt.

    Anders als viele Zeitgenossen kann ich mich nicht mit dem Lesen von E-Books anfreunden. Ein Papierbuch aus dem Regal zu ziehen und in der Hand zu halten, darin zu blättern, den Duft der Seiten zu atmen – das gehört für mich zu sinnlichen Erfahrungen, die ich nicht missen möchte.

    Mein schlichtes Handy begleitet mich auf Reisen und ist dabei oft hilfreich.

    Ein Smartphone brauche ich derzeit nicht. Die Sorge, unterwegs etwas zu verpassen, habe ich nicht. Ich liebe das Unmittelbare, lebe gern jetzt und hier. Auch bin ich bestrebt, mich zu sammeln und ganz bei mir zu sein.

    Mein Arbeitstag beginnt aus der Stille heraus. Erst dann nehme ich Nachrichten auf, die mir helfen, den Puls der Zeit zu spüren. – Ich bleibe dabei zu entscheiden, welche Technik mir dienen darf.

     

     

      

    Veranstaltungshinweis

    LESUNG

    Sonnabend, 16. Februar 2019
    19:00 Uhr und 20:30 Uhr
    Hofbibliothek
    63739 Aschaffenburg, Schlossplatz 4

    https://vs.verdi.de/50jahrevs/kongress/lesungen