Interviews und Statements

    Im Gespräch: Peter Kraus vom Cleff

    Im Gespräch: Peter Kraus vom Cleff

    Kaufmännischer Geschäftsführer Rowohlt Verlage,
    Vizepräsident des europäischen Dachverbandes der Verlage FEP.

    Die Fragen stellte Nina George, Projektleitung »Literatur unter Strom: Die Debatte«


    Herr Kraus vom Cleff, Sie sind kaufmännischer Geschäftsführer des Rowohlt Verlages.
    Welches sind die Chancen, welches die Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung für die Buchbranche?

    Die Digitalisierung führt zu einem signifikant verändertem Mediennutzungsverhalten, einer teilweisen Kannibalisierung der Bücher durch andere Angebote, wie etwa Streamingserien, Hörbücher und Casual Games. Unsere Konkurrenz sind nicht mehr allein Titel anderer Häuser – sondern Netflix und Facebook. Mithin konkurrieren so einfach mehr Angebotsformen um das knappste Gut der Menschen: Zeit. Auch Instagram, Twitter und Co. beanspruchen extrem viel Zeit und Aufmerksamkeit, und tragen gewiss auch zum individuellen Stresslevel der Menschen bei. 

    Hier bietet das Buch wiederum die Chance, sich dem Stress zu entziehen – Literatur wird quasi immer nötiger, um in einer beschleunigten Zeit wieder auf zu atmen.

    Auf der anderen Seite ermöglicht uns die Digitalisierung, näher an Leserinnen und Leser heran zu kommen, passgenauer mit diesen zu kommunizieren und auch schneller in der Produktion zu werden. Dazu finden wir über digitale Wege faszinierende neue Themen, Stoffe und Autorinnen sowie Autoren.  


    Wozu brauchen wir in der Ära der Digitalisierung noch Verlage?

    Ich möchte nicht wieder die Platte »Was Verlage leisten!« spielen, bin aber weiterhin überzeugt, dass Verlage durch ihre Entdeckerlust, durch ihr Kuratieren und das Vermarkten weiterhin die besten Hebel haben, die attraktiv für Autorinnen und Autoren sind. Institutionökonomisch sorgt ein Verlag als Organisation mit seinen Fähigkeiten und Mitteln schlichtweg für die Reduktion von Transaktionskosten. Außerdem gibt es aus einer romantischen Warte noch immer so etwas wie „Mythos und Marke“.


    Sind Autorinnen und Autoren eines Tages durch künstliche Intelligenz,
    die perfekte Bücher schreibt, zu ersetzen?

    Werden Androiden von elektronischen Schafen träumen? 


    … kommt darauf an, wer sie wie programmiert, schätze ich. Würden Sie je einem algorithmischen Bestseller-Indikator wie QualiFiction vertrauen, um Stoffe zu aquirieren?

    Komplett vertrauen sicher nicht, aber als Seismographen additiv nutzen: Warum nicht? 

    Peter Kraus vom Cleff

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: Jens Koch, Hildesheim

    Der studierte Wirtschaftswissenschaftler Peter Kraus vom Cleff kam über führende Positionen in verschiedenen Verlagen, wie den Publikumsverlagen Deutschland, dem Kindler Verlag und der Hanseatischen Gesellschaft für Verlagsservice, 2008 als Geschäftsführer zum Rowohlt Verlag, dem er inzwischen als kaufmännischer Leiter vorsteht, sowie als Chief Operating Officer der Holtzbrinck Buchverlage GmbH, Hamburg.

    Kraus vom Cleff ist darüber hinaus ehrenamtlich als Vorstandsmitglied im Verleger-Ausschuss des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels tätig, Vizepräsident der Federation of European Publishers, Brüssel, und gehört dem Prüfungsausschuss der Medienkaufleute der IHK Hamburg sowie dem Kuratorium Buhck-Stiftung an.

    Veranstaltungshinweis

    LITERATUR UNTER STROM:
    Chancen und Risiken der Digitalisierung

    Vortrag und Debatte mit Rüdiger Wischenbart, Karla Paul, Patricia Klobusiczky, Peter Kraus vom Cleff, Nike Leonhard, Dr. Robert Staats

    Freitag, 15. Februar 2019, 14:00 Uhr
    Martinushaus
    63739 Aschaffenburg, Treibgasse 26

    https://vs.verdi.de/50jahrevs/literatur-unter-strom