Interviews und Statements

    Im Gespräch: Rüdiger Wischenbart

    Im Gespräch: Rüdiger Wischenbart

    Journalist und Publizist | Gründer von »Content and Consulting« | Global E-Book-Report
    Die Fragen stellte Nina George, Projektleitung »Literatur unter Strom: Die Debatte«


    Evolution oder Revolution:
    Wie schnell, tiefgreifend oder disruptiv hat die Digitalisierung die Buchbranche verändert?

    Unvollendete Revolution. Denn über das Buch, das ich bei der kleinen und mir gut bekannten Buchhändlerin im benachbarten Stadtteil online kaufe, hatte ich erstmals aus einem Online Artikel erfahren, den eine Freundin über Social Media geteilt hat. Dieses Buch wurde vielleicht erstmal wiederum mit Bleistift in einer alten Kladde notiert.

    Und dann auch noch in Word abgetippt und an den Verlag geschickt, dessen Lektorat die Vorstellung von Autorinnen oder Autoren, die direkt in ein digitales System schreiben, (vielleicht) fürchterlich findet. So wie auch die Idee eines Autoren-Autorinnen-Portals bei wenigen Verlagen zum Service-Angebot für die UrheberInnnen gehört.

    Aber die Abrechnung der Rechte, die Planung von Werbung, Marketing und Vertrieb, und die daraus retour an die Autorin /den Autor (zeitnah?) geschickten Reportings sind ja hoffentlich in einem digitalen Workflow entstanden …

    Denn die mittlerweile immer zahlreicheren Formate und Ausgaben, von Gebunden und Taschenbuch über eBook und Hörbuch lassen sich anders als digital eigentlich nicht ordentlich koordinieren.

    Von den vielen weiteren Veränderungen, von Self-Publishing und Autorinnen-/Autorenplattformen, den Entscheidungen, bei Abo-Kanälen mitzumachen, selbst eine Autoren-Website zu betreiben – inklusive Social Community mit Direktanschluss an LeserInnen –, aber auch von der neuen Konkurrenz durch wiederum digitale TV-Streaming-Angebote habe ich noch gar nicht gesprochenen. 


    Welche (gerechtfertigten, ungerechtfertigten) Ängste trägt die Branche noch mit sich herum?

    Gerechtfertigt: Dass Lesen in massivem Ausmaß mit anderen Konkurrenzen zu kämpfen hat, und seine privilegierte Stellung eines gehegten Gartens weitgehend verloren. Dass damit auch einschlägige Privilegien, von der Buchpreisbindung bis zur besonderen medialen Aufmerksamkeit, erodieren.

    Ungerechtfertigt: Dass man für den »Wert« des »Buchs« »kämpfen« müsse.

    Stattdessen sei noch eine Angst erwähnt, welche die Branche leider nicht umtreibt: Dass der Mangel an gesellschaftlicher Diversität die schrumpfende Reichweite der Buchbranche noch verstärkt. Mangelnde Diversität nach innen, nach außen, im Personal, in den angebotenen Themen und natürlich ganz besonders in den Zielgruppen, welche die Branche anspricht – oder vergisst! Da geht es nicht allein um Frauen in Führungspositionen oder um LGBTQ. Vielmehr fehlen Angebote und Ansprachen für nahezu alle Demographien außerhalb der bildungsnahen Mittelklasse. Wo finde ich in Deutschland türkische oder kroatische Bücher, Smartphone-basierte Lernhilfen für Migrantinnen und Migranten, Bücher über Deutschland für Ex-Pats (Red.: nach Deutschland zugezogene Fachkärfte aus anderen Ländern), oder auch nur ein Buchpaket eines der Barsortimente, das im nicht-traditionellen Einzelhandel funktionieren könnte, etwa vom türkischen Gemüsehändler bis zum Rewe-Laden in Neubaugebieten? – um nur zwei platte Beispiele anzudeuten.


    Wie nötig oder unnötig ist der Schaukampf zwischen Analog und Digital?

    Unnötig. Reine Nebelwerferei.


    KI, Bioengineering, eine Ära des Kulturkonsums on Demand – wie könnte die Buchbranche 2050 aussehen?

    Vor drei Jahren fragte ich den jungen CEO eines chinesischen Unternehmens, das bei automatischen Übersetzungen mit Google konkurriert: »Wie lange wird es brauchen, bis ein durchschnittliches Sachbuch zwischen dem Englischen und dem Chinesischen so gut durch Software mit KI Unterstützung übersetzt werden kann, dass ein Lektor direkt mit dem Resultat arbeiten kann? Fünf Jahre?«
    Kurzes Schweigen, dann Kopfschütteln.
    „Zu lange.“

    Aus meiner Beobachtung beim Umgang mit automatisch generierten Übersetzungen von Fachtexten kann ich nur sagen: Er hatte recht.

    Die »Buchbranche« ist schon jetzt mit hoher Dynamik dabei, sich in immer kleinere Segmente, spezifische Zielgruppen und Branchennischen zu unterteilen, welche wiederum, jeweils in sehr unterschiedlichem Ausmaß und Tempo, immer weitere Berührungsflächen und Schnittmengen mit anderen kulturellen, kreativen und medialen »Branchen« enwickeln, in denen jeweils das Erzählen von Geschichten eine bedeutende Rolle spielt. Diese Personalisierung kann ich für das kommende Jahrzehnt prognostizieren, ohne großes Risiko danebenzuliegen.
    Aber 2050?

    Rüdiger Wischenbart

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: Martina Pichler

    Autor, Journalist und Analyst. Wischenbart wurde 1956 in Graz geboren. 2005 gründete er »Content and Consulting« in Wien, mit dem Schwerpunkt auf Analysen zu den internationalen Buch- und Kulturmärkten. Aktuelle Projekte sind die Programmleitung des Publishers‘ Forum in Berlin, die Publikationen »Global eBook« Report über die digitale Transformation der Buchbranche, der »Diversity Report« über belletristische Übersetzungen in Europa. Als Journalist veröffentlichte er Bücher, wie etwa »Canettis Angst. Erkundungen am Rande Europas«.

    Rüdiger Wischenbart hält das Auftaktreferat zur Podiumsdebatte Literatur unter Strom am Freitagmittag im Martinushaus.

    http://www.wischenbart.com | http://www.booklab.info
    Twitter: @wischenbart

    Veranstaltungshinweis

    LITERATUR UNTER STROM:
    Chancen und Risiken der Digitalisierung

    Die Debatte zum VS-Kongress 2019

    Impulsreferat: Rüdiger Wischenbart
    Debatte mit: Karla Paul, Patricia Klobusiczky, Peter Kraus vom Cleff, Nike Leonhard, Dr. Robert Staats
    Moderation: Birgit Kolkmann. Einführung: Nina George

    Wann | Wo
         Freitag, 15. Februar 2019, 14:00 Uhr
         Martinushaus
         63739 Aschaffenburg, Treibgasse 26