Literatur unter Strom


    50 Jahre Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller


    Der VS wird 50 – und bleibt kein bisschen leise. Vom 14. bis 17. Februar 2019 findet der 22. Bundes- und Jubiläumskongress des VS in Aschaffenburg statt. Im Mittelpunkt der über 30 Lesungen, hochkarätig besetzten Debatten, des Poetry-Slam-Battle sowie der Delegiertenkonferenz stehen die Themen Politik und Digitalisierung: »Literatur unter Strom«.


    Zu Gast sind u.a. die Schriftsteller und Schriftstellerinnen Kerstin Hensel, Uwe Timm, Friedrich Ani und Nina George, der Poetry-Slam-Meister Jaromir Konecny und die muslimische Slam Poetin Kübra Böler, Deutschlands erfolgreichste Selfpublisherin Monika Pfundmeier, die ARD-Literaturkritikerin und Literaturlobbyistin Karla Paul sowie zahlreiche Gäste aus Politik und der Buchbranche.

    GRUSSWORTE zum Kongress 2019 in Aschaffenburg

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: siehe unten

    Monika Grütters

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: Elke Jung-Wolff

    Staatsministerin für Kultur und Medien

    »Literatur unter Strom« – so lautet das diesjährige Motto Ihres Bundeskongresses im fünfzigsten Jahr des Bestehens des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS). Und es ist wahr: Literatur kann wie ehedem mit oder gegen den Strom schwimmen – doch heute scheint es, sie müsse auch immer unter Strom stehen. Bereits zu Ihrem vierzigsten Jubiläum haben Sie dies auf Ihrem Bundeskongress »Samtene und digitale Revolution« vorausschauend thematisiert und problematisiert. Kunst und Kultur brauchen Raum, brauchen Freiheit zur Entfaltung – einen Nährboden, auf dem schöpferische Leistungen auch im digitalen Zeitalter gedeihen können. Die Digitalisierung bietet Chancen, gerade jungen Menschen zeitgemäße Angebote und Zugänge zur Literatur zu eröffnen.

    Zugleich nimmt die Bundesregierung die Herausforderung an, vor die uns die im Netz weit verbreitete Gratismentalität stellt. Im Koalitionsvertrag haben sich die Vertragspartner auf ein starkes Urheberrecht zum Schutz des geistigen Eigentums verständigt. Ich sehe mich hier immer als Anwältin der Künstlerinnen, Künstler und Kreativen.

    Dabei brauchen wir wie schon bisher den engen Austausch mit dem VS. Mit Gelassenheit und Hartnäckigkeit, mit Durchsetzungsvermögen und diplomatischem Geschick tritt der VS seit nunmehr einem halben Jahrhundert für die Interessen der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Übersetzerinnen und Übersetzer ein. Fast 4.000 sind es mittlerweile – der schönste Beweis dafür, dass der programmatische Satz Heinrich Bölls, der vor 50 Jahren das »Ende der Bescheidenheit« anmahnte, Früchte trägt.

    Effektiv an den kulturpolitischen Schnittstellen stärken Sie die sozialen und vertraglichen Arbeitsbedingungen Ihrer Mitglieder. Ihr Wirken zeigt, dass intellektuelle Individualität, Einsatz für das Gemeinwohl und hohe Professionalität auf das Beste miteinander vereint werden können. Und das soll auch so bleiben.

    Ich gratuliere dem Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller herzlich zu seinem runden Jubiläum und wünsche allen Besucherinnen und Besuchern des Kongresses in Aschaffenburg anregende Debatten. Diese sind umso wichtiger gerade vor dem Hintergrund wachsenden Populismus', in denen allzu einfache Antworten geradezu Konjunktur haben.

    Ich wünsche Ihrem Kongress anregende Diskussionen – auf dass die Literatur auch
    »unter Strom« ihre Haltung bewahrt.

    Bayerischer Staatsministers für Wissenschaft und Kunst

    »Literatur unter Strom« – unter diesem schillernden Motto feiert der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen in Aschaffenburg. Als Kunstminister gratuliere ich herzlich zu diesem Jubiläum und freue mich besonders darüber, dass die Literatur so prominent in Bayern zu Gast ist. Im Namen der Bayerischen Staatsregierung begrüße ich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Veranstaltung, die wir aus Mitteln des Kulturfonds Bayern gerne unterstützen.

    Bayern ist gemäß seiner Verfassung ein Kulturstaat. Und ich möchte ergänzen: Bayern ist ein Literaturland. Zahlreiche Autorinnen und Autoren, wichtige Verlage und literarische Institutionen sind hier zu Hause. Außerdem hat der Freistaat seit einigen Jahren ein breit angelegtes Förderprogramm für alle Akteure des literarischen Lebens etabliert.

    Die programmatische Arbeit des VS als Dachverband der Literatur in Deutschland ist Informations- wie Inspirationsquelle für die Öffentlichkeit und ebenso richtungsweisend für Förderentscheidungen. So macht der VS auf aktuelle Entwicklungen aufmerksam, lenkt den Blick auf Änderungsbedarf und regt eine fundierte Auseinandersetzung mit sozialen Problemlagen an. Als Interessensvertretung im Kulturbereich setzt der Verband immer wieder bedeutende Akzente, ob es um die finanzielle Situation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Übersetzerinnen und Übersetzern geht, um die Repräsentation von Frauen im Literaturbetrieb oder um gesellschaftspolitische Fragestellungen.

    »Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat« – dieser Herausforderung fühlen Sie sich als Literaten und Mitglieder des VS verpflichtet, finden die geeignete Sprache dafür und schaffen damit die Voraussetzungen für notwendige Veränderungen. So befassen Sie sich bei der Jubiläumsveranstaltung etwa mit den Fakten, die die Digitalisierung laufend schafft – ein Prozess, der uns alle umtreibt und unser ganzes Leben erfasst. Ich bin sehr gespannt auf Ihre Impulse zu neuen Lesegewohnheiten, Schreibformaten oder zu Autorschaft und Urheberrecht – Themen, denen wir uns gemeinsam stellen müssen. Ihnen allen wünsche ich einen erfolgreichen Kongress, viele fruchtbare Diskussionen und einen anregenden gedanklichen Austausch.

    Bernd Sibler

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: StMWK

    Klaus Herzog

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: Björn Friedrich

    Oberbürgermeister von Aschaffenburg

    Unter dem Motto »Das neue Europa – Literatur im Spannungsfeld zwischen Ost und West« veranstaltete der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) 2005 seinen letzten Bundeskongress in Ingolstadt. 14 Jahre später trifft sich der Verband zu seinem Jubiläumskongress und zum 50-jährigen Bestehen erneut in Bayern, diesmal in Aschaffenburg und mit der Themenstellung »Literatur unter Strom. Chancen und Risiken der Digitalisierung«.

    Die digitale Evolution hat unser Leben seit dem Ende des letzten Jahrhunderts in allen Bereichen radikal verändert. Unendliche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch im Wirtschafts- und Arbeitsleben, im privaten, sozialen und öffentlichen Leben. Zwischenmenschliche Interaktionsformen sind davon genauso betroffen wie die Mediennutzung, das Bildungswesen und wissenschaftliches Forschen, die Kunst oder die Politik. Die Schattenseite der digitalen Möglichkeiten spiegelt sich wiederum in den Stichworten Fake News, Shitstorm, Bedrohung der informationellen Selbstbestimmung, massenhafter Datenabgriff oder Aushöhlung des Urheberrechts. Es wird eine dauerhafte Herausforderung bleiben, die Digitalisierung kritisch zu begleiten, die nutzvolle Anwendung zu ermöglichen und zu fördern, andererseits Missbrauch zu vermeiden und Regeln für eine integre Gesellschaft zu entwickeln. Der 22. Bundeskongress des VS wird dazu zukunftsweisende Positionen formulieren.

    Wir freuen uns sehr darüber, dass sich der VS dafür entschieden hat, den Jubiläumskongress in Aschaffenburg durchzuführen und begrüßen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr herzlich. Unsere Stadt wird sich für drei Tage in eine Literaturstadt verwandeln und mit einer Vielzahl von Lesungen, Poetry Slams und Diskussionen im Zeichen zeitgenössischer Literatur und ihren Herausforderungen in der digitalen und in der politischen Welt stehen. Mitglieder des VS werden in Aschaffenburger Schulen Lesungen und Workshops bieten. In der Literaturnacht am Samstag und dem Festakt am Freitag erleben Bürgerinnen und Bürger Aschaffenburgs und unsere Gäste hochkarätige Schriftstellerinnen und Schriftsteller an besonderen Leseorten unserer Stadt.

    Dem VS und seinen Delegierten wünschen wir lebendige Diskussionen mit guten, zukunftsweisenden Entscheidungen und allen Gästen angenehme, erlebnis- und ertragreiche Tage in Aschaffenburg.

    Vorsteher des Börsenverein des Deutschen Buchhandels

    Literatur braucht Fürsprecher. Gerade in einer Zeit, die von einer wachsenden Konkurrenz für das Buch durch audiovisuelle und soziale Medien auf der einen Seite und einem bröckelnden Wert des geistigen Eigentums in der digitalen Welt auf der anderen Seite geprägt ist, ist eine starke Stimme für das Buch entscheidend. Der VS ist diese starke Stimme seit 50 Jahren für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Übersetzerinnen und Übersetzer. Naturgemäß haben VS und der Börsenverein als Interessenvertretung der Verlage und Buchhandlungen manchmal unterschiedliche Auffassungen, insbesondere wenn es um das vertragliche Verhältnis zwischen Autoren und ihren Verlagen geht.  Gerade in den letzten Jahren aber hat sich gezeigt, dass uns mehr verbindet als trennt und dass wir bei vielen Themen gemeinsam erfolgreich sein können.

    Der Stellenwert kreativer Arbeit in der Gesellschaft und starke Rahmenbedingungen für Bücher und ihre Schöpfer lassen sich nur im Schulterschluss gegen Widerstände erhalten. Unser Verhältnis ist dabei für mich mehr als nur eine strategische Allianz, mehr als reines Mittel zum Zweck – es ist vor allem auch von Vertrauen geprägt. So haben wir in der Vergangenheit Normverträge zwischen Autoren, Übersetzern und Verlagen aufgestellt, die eine faire Zusammenarbeit regeln. Mehr noch: Mit dem verfassungsrechtlich und kulturpolitisch desaströsen »Vogel-Urteil« kippte der Bundesgerichtshof 2016 eine seit Jahrzehnten fruchtbare Praxis, nämlich das Miteinander von Urhebern und Verlagen in den urheberrechtlichen Verwertungsgesellschaften. Nicht zuletzt dadurch ist auch die Zukunft von Verwertungsgesellschaften wie der VG Wort ungewiss, in der seit Jahrzehnten Autorinnen und Autoren mit Verlegerinnen und Verlegern kollegial zusammenarbeiten. Seite an Seite setzen sich VS und Börsenverein seither für die Wiederherstellung eines fairen Ausgleichs ein. Für die Unterstützung und konstruktive Zusammenarbeit möchte ich mich bei den Kolleginnen und Kollegen des Verbands Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller herzlich bedanken.

    Mein Grußwort ist zugleich eine Einladung: Lassen Sie uns auch in den kommenden 50 Jahren auf unsere Gemeinsamkeiten schauen. Achten wir gemeinsam darauf, dass sich Autoren und Verlegerinnen nicht auseinanderdividieren lassen. Erinnern wir ständig daran, dass Bücher nur durch Zusammenarbeit entstehen können. Gemeinsam sind wir schlagkräftiger!

    Ich gratuliere dem Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller herzlich zu seinem Jubiläum –
    zu 50 Jahren Engagement im Zeichen des Wortes.

    Heinrich Riethmüller

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: Claus Setzer

    Regula Venske

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: Michael Zapf

    Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland

    50 Jahre VS, das ist Anlass für viele Erinnerungen.

    Erinnerungen an die Slogans, mit denen ich aufwuchs und die mein politisches Bewusstwerden, ja Erwachsenwerden begleiteten. »Ende der Bescheidenheit«, »Einigkeit der Einzelgänger« auf der einen Seite, wüste Beschimpfungen – »Ratten und Schmeißfliegen«! – auf der anderen. Verrohung der Sprache auch damals. Es war klar, auf welcher Seite ich fürderhin stehen wollte.

    Erinnerungen an die Errungenschaften, von denen ich seit dem Beginn meiner Schriftstellerinnenlaufbahn profitiert habe. Das Bewusstsein für die soziale Lage der Autoren. Der Normvertrag mit dem Börsenverein. Das Künstlersozialversicherungsgesetz. Kampf für ein faires Urheberrecht, für den Erhalt der VG Wort.

    Und nicht zuletzt Erinnerungen an viele großartige Menschen, denen ich im Laufe der Jahre begegnet bin und von denen ich lernte. Ingeborg Drewitz, die sich trotz vollem Tagungsprogramm (»Women – Fascism – Everyday Life«) im fernen Columbus, Ohio Zeit für mich und meine Interviewfragen nahm (mein allererstes Rundfunkinterview, und natürlich gaben die Batterien im neuen Sony-Gerät auf halber Strecke ihren Geist auf, weil ich Anfängerin nicht bedacht hatte, dass auch das Ausprobieren des Geräts bereits Saft verbrauchte …). Ursula »Madeleine« Brackmann, die langjährige Geschäftsführerin, die bei den Autoren- und Übersetzerseminaren der Bertelsmann Stiftung immer im rechten Moment Schokolade (»Nervennahrung, Ihr Lieben«) auf den Tisch warf und mit diesem Trick manchen Nervenzusammenbruch verhinderte; beim nächtlichen Wein in der Küche des Europäischen Übersetzerkollegs in Straelen trank sie alle jungen Autoren elegant unter den Tisch. Bernt Engelmann, den ich als Referentin für Berufliche Bildung im Medienbereich im Stiftungsbeirat der Bertelsmann Stiftung betreute. Uwe Friesel, mit dem ich bei Tandemlesungen der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen meine allerersten Krimilesungen bestritt. Und natürlich viele weitere – große – Namen, Böll, Grass, Walser, Dieter Lattmann, Fred Breinersdorfer … Besonders herzlich danken möchte ich Regine Möbius, Eva Leipprand und Imre Török, mit denen ich in den vergangenen Jahren stets gern und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe.

    Was rede ich also von Erinnerungen: Der VS steht ja mitten im Leben! Und so mischen sich in die Erinnerungen und den Dank für alles Geleistete vor allem meine guten Wünsche für die Zukunft und die Hoffnung auf weitere produktive und schwungvolle Zusammenarbeit!

    Stellvertretender Vorsitzender der ver.di

    Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di
    Bundesfachbereichsleiter Medien, Kunst und Industrie

    Der Gründungskongress des VS 1969 – Mutig und entschlossen organisierten sich die »Einzelgängerinnen/Einzelgänger«, die vermeintlich nicht in der Lage waren gemeinsam Interessen durchzusetzen. Individualität wurde von vielen als Gegensatz zu Kollektivität und Solidarität gesehen. Auch in der veröffentlichten Meinung konnten sich viele damals nicht vorstellen, dass Individualität mehr ist als Egoismus, mehr ist als privates Kosten-Nutzen-Denken.

    Seit 50 Jahren stehen der VS und die Bundessparte der Übersetzerinnen und Übersetzer für diesen Zusammenschluss der Kreativen – die eben nicht ‚allein‘ sind. Dazu meinen herzlichen Glückwunsch! Wahrlich ein besonderer Geburtstag!

    Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen können auch zukünftig nur mit klarer Haltung, Kreativität und Solidarität bewältigt werden. Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Ausgrenzung und Feindlichkeit sind keine Basis für eine demokratische Gesellschaft. Deshalb ist der VS immer engagiert »aufgestanden« und hat kritisch Stellung bezogen. Literatur und andere Kunstformen legen dabei besonders den Finger in die Wunde. »Worte gegen Rechts« nenne ich dabei nur stellvertretend.

    Mit dem Programm zum Jubiläumskongress »Literatur unter Strom« greift der VS wieder aktuelle, drängende gesellschaftliche und berufspolitische Fragen auf. Wie funktionieren die Berufe Schriftstellerin/Schriftsteller und Übersetzerin/Übersetzer bei fortschreitender Digitalisierung und Internationalisierung des Buchmarktes? Wie positionieren wir uns gemeinsam gegen das Wiedererstarken längst überwunden geglaubter nationalistischer, menschen- und kulturfeindlicher Positionen? Und welche Rolle spielen dabei jeweils die digitalen Giganten als Netzwerke, Verstärker und Datenkraken?

    Ich bin mir sicher, gemeinsam werden wir bei den Kongressveranstaltungen kritische und interessante Diskussionen führen. Zeit auch für Gespräche am Rande von Veranstaltungen, Zeit für den Austausch kreativer Ansätze und Ideen für konstruktive Lösungen.

    Ich bedanke mich ganz herzlich bei unserer Gastgeberin, der Stadt Aschaffenburg, deren Oberbürgermeister Klaus Herzog, den Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern ihres Kulturbüros, dem VS-Bundesvorstand, den Landesvorsitzenden und allen Weiteren, die den 22. Bundes- und Jubiläumskongress möglich machen.

    Frank Werneke

    Frank Werneke
    Foto/Grafik: Stefanie Herbst

    Elfriede Jelinek

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: Klaus Titzer | pa

    Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin

    Die neuen Populisten können derzeit alles sagen, auch wenn es nicht alle glauben mögen. Sie lieben es zu polarisieren und Menschen gegeneinander aufzuhetzen und falsche Gemeinschaften unter immer denselben Floskeln zu schaffen, eine Vereinigung unter einem vagen Gefühl. Das kann alles mit wenigen Sätzen umrissen werden. Selbst wenn man von liberaler Seite her versucht, ihnen ihre Legitimität streitig zu machen (was z.B. bei einem US-Präsidenten nicht geht, er ist ja gewählt), müssen die Gegner dieses Populismus, wenn auch widerwillig, das Gesagte als die derzeit vorherrschende Meinung anerkennen.

    Die Polarisierung, welche viele der Herrschenden, auch in Europa, jetzt erreichen, kann nur bestehen, indem die einen, vielleicht genauso widerwillig, aber doch, die anderen als Gegner eben anerkennen müssen. Nur so entstehen zwei ordentliche Fronten. Solange mit Worten gekämpft wird, ist alles in Ordnung. Die einfachsten Worte scheinen derzeit zu gewinnen, doch sie sind vielleicht nicht das letzte Wort. Aber da kommen wir als Schriftsteller und Schriftstellerinnen ins Spiel.

    Ich glaube, da können, müssen wir uns als Vereinigung einklinken, nicht weil wir immer recht hätten, sondern weil wir uns gegen das Andere setzen, gegen das Populistische, das allzu leicht vor johlenden Anhängern Herausgeschleuderte, Herausgebellte, und uns dort auf unserem Ausguck behaupten, damit diejenigen, die der Illusion erliegen, es gebe immer einfache Lösungen, nicht die Überhand gewinnen. Damit hätten wir schon viel erreicht.

    In diesem Sinn: herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag, VS, immerhin bist du jünger als ich, und du kannst alles sagen! Ich versuche das auch, bin aber schon etwas müde.

    Elfriede Jelinek

    1946 geboren, hat E.J. für ihr literarisches Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Georg-Büchner-Preis und den Franz-Kafka-Literaturpreis. 2004 wurde ihr der Nobelpreis für Literatur verliehen. Seit 1975 ist sie Mitglied im VS. Ihr Theaterstück »Winterreise« (2011) zählt mit bisher über 20 Inszenierungen zu den meistgespielten deutschsprachigen Stücken der letzten Jahre.

    Liedermacher, Schriftsteller, Schauspieler und Komponist

    Zum 50jährigen Bestehen eine starke Stimme gegen Rechts zu sein, lieber Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di – wie notwendig ist das leider nach wie vor. Mein Publikum weiß es, ich besuche immer wieder das Grab meines im Lied 1977 verstorbenen Freundes Willy und versuche da, meiner Fassungslosigkeit, aber auch meiner Hoffnung Ausdruck zu geben.  

    Mei Willy, jetzt is fast scho a hoibs Jahrhundert her, dass ich in meiner Verzweiflung und Wuat des Lied über dich rausgschrien hab. A halbs Jahrhundert und ich hätt mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können damals, dass das heut wieder so erschreckend aktuell sein könnt.  

    Woasst os no Willy, damals 68 habn ma hauptsächlich die oidn Nazis aufspürn woiln, die immer no fett in ihre Vorstandsetagen oder in christlich sozialen Parteien ghockt san und Herrn Frahm – unsern Willy Brandt – Vaterlandsverräter gschimpft habn, weil er eben koa Nazi gwesen is, da Willy.  

    Und heit?

    Du werst as ned glaubn, du konnst as ned glaubn Willy – heit drucka die neuen Nazis ins Parlament und erklären die unmenschlichste Epoche der Menschheitsgeschichte zu einem Vogelschiss in Anbetracht der 1000jährigen erfolgreichen Geschichte des deutschen Volkes.

    1000 Jahre deutsche Geschichte? Da sind dem Herrn Gauland wohl die Wahnvorstellungen seines Führers dazwischengekommen.

    Ja, es gab dann einen Aufschrei hier und da – aber der is ja eh kalkuliert von denen, dann gibst eine halbherzige Entschuldigung und es war ja »alles nicht so gemeint« und das wars dann – denn die potentiellen Faschisten des Landes sind ja erreicht worden mit dieser kalkulierten Ungeheuerlichkeit.

    Konstantin Wecker

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: Thomas Karsten

    Was ist nur geschehen seit jener großartigen Bürgerbewegung der »Willkommenskultur«, die uns hoffen ließ, dass der Neoliberalismus doch nicht den letzten Rest von Mitgefühl aus den Herzen der Menschen verjagt hat? Ein eigentlich völlig selbstverständliches Mitgefühl für gejagte, verfolgte, hungernde, gepeinigte, verletzte Menschen, das nur psychisch völlig verrohten und gestörten Wesen nicht zu eigen ist. Und natürlich ideologisch Verblendeten, die ihr ach so gut durchdachtes starres Weltbild scheinbar aus freiem Willen wie eine Zwangsjacke über alles Lebendige ziehen.

    Gewissenlose Potentaten, die schnell die Chance erkannten, ihre bröckelnde Machtposition wieder zu festigen, schlugen erbarmungslos zu: mit Parolen und Fake News, mit vorgeschobener Bürgernähe und fahnenschwenkendem Unsinn. Sie wussten wohl, was für Ängste in den von einem gnadenlosen Kapitalismus verunsicherten BürgerInnen lauerten und weckten den Leu, der in allen Verängstigten lauert: Denn wer seine Identität nicht in seinem tiefsten Selbst wahrnehmen kann, sucht sich Identität bei »Identitären«. In etwas »Größerem«, »Hehren« – in Volk, Nation und Vaterland.

    Wir waren auf einem guten Weg, diesen gefährlichen, ja tödlichen Wahn zu besiegen. Haben wir‘s versaut???

    Gaulands »Vogelschiss« ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, das schon vorher bis zum Rand gefüllt war mit Herzlosigkeit und Verharmlosung der Nazi-Diktatur. Es wird Zeit, dass wir dafür sorgen, dass die braune Brühe nicht noch weitere Landstriche überschwemmt.

    Vielleicht erscheint der Widerstand vielen sinnlos. Und mancher mag sich sagen: »Was kann ich denn schon tun, alleine, ohne Gleichgesinnte?« Denen gilt es nun Mut zu machen, denn die mit dem Herzen denken sind – und da bin ich mir sicher – immer noch in der Überzahl. Aber schrecklich verunsichert und vor allem: nicht annähernd so lautstark.

    Nach wie vor glaube ich, dass eine spirituelle Revolution am Wachsen ist, und mir kommt dieses ganze Machogehabe verunsicherter Männlein wie Trump, Erdogan, Putin, Kim, Orban, Gauland, Strache, Kurz und Söder und wie sie alle heißen mögen wie das – hoffentlich! – letzte große, fast verzweifelte Aufbäumen des Patriarchats vor.

    Nicht jeder, der jetzt begeistert den Neofaschisten, Identitären und Nationalisten hinterherhechelt ist ein Nazi. Aber: sie haben sich in ihrer zunehmenden Blindheit die Nazibrille aufsetzen lassen von den Höckes und Straches und Salvinis und Le Pens.

    Lassen wir uns von ihnen nicht ins Bockshorn jagen. Lassen wir uns nicht verführen von den sogenannten »Führern«.

    Widerstehen wir mit all dem, was uns als menschlichen Wesen gegeben ist an Mitgefühl und Verstand, Poesie und Zärtlichkeit!

    Gestern habns an Willy daschlagn, aber heit halt ma endlich zamm.

    Konstantin Wecker

    Als Liedermacher, Schriftsteller, Schauspieler und Komponist gehört VS-Mitglied Konstantin Wecker, 1947 in München geboren, zu den vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten im deutschsprachigen Raum.

    Sein künstlerisches Fundament bilden eine klassische Musikausbildung und die – von der Mutter geförderte – Begeisterung für Lyrik.

    1968 trat Konstantin Wecker erstmals als Liedermacher auf, der Durchbruch gelang 1977 mit der Ballade »Willy« und dem Album »Genug ist nicht genug«.

    Für sein politisches Engagement wurde Konstantin Wecker unter anderem 1995 mit dem Kurt Tucholsky-Preis, 2007 zusammen mit Eugen Drewermann mit dem Erich-Fromm-Preis und 2018 mit der Thomas-Nast-Gastprofessur der Universität Koblenz-Landau ausgezeichnet.

    Die Grußworte von

    • Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien,
    • Bernd Sibler, bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst,
    • Klaus Herzog, Oberbürgermeister von Aschaffenburg,
    • Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenverein des Deutschen Buchhandels
    • Regula Venske, Präsidentih des PEN-Zentrums Deutschland
    • Frank Werneke, stellvertretender Vorsitzender der ver.di,
    • Elfriede Jelinek, Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin und
    • Konstantin Wecker, Liedermacher, Schriftsteller, Schauspieler und Komponist

    können als pdf-Datei hier geladen werden.

    Der Kongress und die Veranstaltungen »Literatur unter Strom« werden dankenswerter Weise gefördert durch:

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik:

    ver.di Kampagnen