Aschaffenburg

    Die Brentanos in Aschaffenburg

    Die Brentanos in Aschaffenburg

    von Sabine Gruber

    Aschaffenburg war jahrhundertelang Teil des Mainzer Kurfürstentums und seit dem 13. Jahrhundert (in dem es zur Stadt im Rechtssinn aufstieg) [vgl. Geschichte Frankens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. 3. Aufl. München 1997, S. 551] die wichtigste Nebenresidenz der Mainzer Erzbischöfe. Zeitweilig war es ihre Hauptresidenz. Die Erzbischöfe entwickelten in Aschaffenburg eine rege Bautätigkeit.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Kongress- und Touristikbetriebe der Stadt Aschaffenburg (Till Benzin) Schloss Johannisburg

    Als ihre mittelalterliche Residenz 1552 durch Brand zerstört worden war, ließ Johann Schweikard von Kronberg von 1605 bis 1618/19 die Residenz als prächtiges Renaissanceschloss wieder erbauen. Noch heute prägt das imposante Viereck des Schlosses maßgeblich das Aschaffenburger Stadtbild [vgl. Enno Bünz: Ein Erzbischof und viele Residenzen. Zur Residenzbildung im spätmittelalterlichen Erzstift Mainz. In: Spätmittelalterliche Residenzbildung in geistlichen Territorien Mittel- und Nordostdeutschlands (= Studien zur brandenburgischen und vergleichenden Landesgeschichte 3). Hrsg. von Klaus Neitmann und Heinz-Dieter Heimann. Berlin 2009, S. 91–112, hier: S. 97–99].

    Nachdem der Mainzer Erzstuhl 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluss nach Regensburg verlegt worden war, wurde der damalige Erzbischof Carl Theodor von Dalberg (1744–1817), der sich eng an Frankreich anschloss, Regensburger Erzbischof und Fürst des neu geschaffenen Fürstentums Aschaffenburg [vgl. Ludwig Lenhart: Dalberg, Carl Theodor Anton Maria von. In: Neue Deutsche Biographie, Bd. 3, 1957, S. 489 f]. 1810 bildete Napoleon das Großherzogtum Frankfurt, dem Aschaffenburg als Departement zugeteilt wurde. Nach dem Wiener Kongress 1814/15 wurde Aschaffenburg dem Königreich Bayern einverleibt [vgl. Führer durch die Stadt Aschaffenburg. Würzburg/Wien 1885, S. 4].

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Emilie Linder Clemens Brentano  – ca. 1837

    Clemens Brentano (1778–1842) besuchte die alte Bischofsstadt am Main zum ersten Mal während der kurzen Episode des Fürstentums unter Dalberg im September 1808. Er reiste gemeinsam mit seiner jungen Frau Auguste (1791–1832), die er nach einer turbulenten Flucht aus Frankfurt 1807 überstürzt geheiratet hatte und mit der er seither eine unglückliche Ehe führte, mit seiner Schwester Gunda (1780–1863), deren Mann Friedrich Carl von Savigny, Bettine (damals noch Brentano, 1785–1859) und Achim von Arnim (1781–1831). Am 17. September führte der Weg die Reisegruppe mit Ausnahme Arnims über Würzburg weiter nach Landshut [vgl. Konrad Feilchenfeldt, Brentano-Chronik. München 1978, S. 62]. Der Bücherliebhaber Brentano hatte in der Stadt vor allem die im Schloss untergebrachte Hofbibliothek aufgesucht. In einem Brief an Wilhelm Grimm (1786–1859) vom Oktober schwärmt er rückblickend von seinem Aufenthalt:

    • Da wir endlich in Trages mobil wurden, gieng es nach dem reizenden, himmlischen Aschaffenburg, schöne Bibliotheck, ganz toll origineller Catalog von Heinse [der Katalog stammte von dem Schriftsteller Wilhelm Heinse, der Bibliothekar des Mainzer Erzbischofs Friedrich Karl von Erthal und dessen Nachfolgers Carl Theodor von Dalberg war (siehe Erich Hock: Heinse, Johann Jakob Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie, Bd. 8, 1969, S. 438–440)], herrliche große Kupferstichsammlung, und ganz auserwählt niedliche Gemäldesammlung, eine Menge so herrliche alte Bilder von dem Asschafenburger [!] Grünewald [welchen Maler Brentano meinte, ist nicht eindeutig zu ermitteln], welche der Fürst nun aus den Kirchen nehmen putzen und in die Gallerie bringen läßt, ich weiß nicht, wer mir lieber, er oder Dürer [FBA 32, S. 89].

    Weniger reizend war eine Angelegenheit, durch die Aschaffenburg zwei Jahre später erneut das Interesse Brentanos beanspruchte. Diesmal ging es um die Scheidung von seiner Frau Auguste, zu der er sich nach deren wiederholten Selbstmorddrohungen und handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten entschlossen hatte. Schon früh hatte ihn sein Schwager Savigny vor den mit einer Scheidung verbundenen Schwierigkeiten gewarnt [vgl. Eugen Wohlhaupter: Dichter-Juristen. Bd. I. Goethe. Savigny – Brentano – Arnim. Grillparzer. Thiebaut – Schumann. Kleist. Tübingen 1953, S. 42]. Um eine möglichst schnelle Scheidung zu ermöglichen, sollte Auguste Bußmann gegen ihn Klage wegen böswilligen Verlassens einreichen (Desertio malitiosa), wobei aber nichts an die Öffentlichkeit dringen sollte. Offensichtlich hielt sich Auguste nicht an diese Absprache, denn im November 1810 berichtete Brentano – diesmal den beiden Brüdern Grimm:

    • Was Augusten anbetrifft steht die Sache so, vor ungefähr zwei Monaten schrieb Bethmann an Arnim, der kürzeste Weg zur Scheidung sei, wenn Auguste zu Aschaffenburg aus Desertio malitiosa gegen mich klagte, ich erklärte sobald keine Art von Öffentlichkeit statt finde, wäre es mir recht, er erklärte mir hierauf, die Klage solle mir blos von den hiesigen Gerichten zugestellt werden, und ich hätte nur zu schweigen, dies erwartete ich nun, aber vor 8 Tagen erscheinen im Hamburger Correspondent die Edictales, und ich bin nun Gezwungen, dies als eine ehrenrührige gerichtliche Lüge erst zu Aschaffenburg, dann öffentlich niederzuschlagen, sodann werde ich hier in Berlin, wo jezt mein Forum ist, eine neue Scheidungsklage eröffnen. [ebd., S. 286f]

    Tatsächlich war im Oktober 1810 im »Hamburger Correspondenten« unter dem Titel »Edictales« eine Bekanntmachung des Aschaffenburger geistlichen Gerichts mit folgendem Wortlaut erschienen:

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Insel Requiem für eine romantische Frau  – Buchumschlag
    • Es hat die Ehegattin des Bürgers Clemens Brentano von Frankfurt a. M., Magdalena Margaretha Auguste, geborene Bußmann daselbst, bei unterzeichneter Stelle angezeigt, daß ihr genannter Ehegatte sie im März 1809 böslich verlassen habe, und daß, ungeachtet aller geschehenen Erkundigung, ihr dessen Aufenthaltsort unbekannt sei. Dieselbe hat mit dieser Anzeige die Klage auf Ehescheidung vom Bande der Ehe vereiniget; und desfalls wird der Bürger Clemens Brentano hiermit vorgeladen, um sich binnen einer peremptorischen Frist von 3 Monaten […] auf die erhobene Klage vernehmen zu lassen [zitiert nach: Hans Magnus Enzensberger: Requiem für eine romantische Frau. Die Geschichte von Auguste Bußmann und Clemens Brentano. Frankfurt a. M./Leipzig 1996, S. 211].

    Das Scheidungsverfahren zog sich noch vier Jahre hin. Weshalb es gegen Grundsätze des Kirchenrechts verstieß, ist bisher nicht geklärt worden, wobei vermutet werden kann, dass Dalberg als Herr des Gerichtsverfahrens unter dem Einfluss des Code Napoléon bereit war, in diesem Verfahren von der herrschenden Rechtsauffassung abzuweichen [vgl. ebd., S. 275]. Dalberg spielte auch eine wichtige Rolle bei der Annullierung der drei Ehen eines anderen romantischen Autors: Zacharias Werner (1768–1823) hatte nach seiner Konversion zum Katholizismus in Rom mehrere Versuche unternommen, die erforderlichen Dispensen zu erhalten, um Priester werden zu können, was wohl an der Exilierung von Papst Pius VII. gescheitert war. Dalberg unterstützte Werner in seinem Vorhaben und ermöglichte ihm, in das Aschaffenburger Priesterseminar einzutreten und am 16. Juni 1814 die Priesterweihe zu empfangen. [vgl. Eugen Wohlhaupter: Dichter-Juristen. Bd. V., Eichendorff. Grabbe – Heine. E.T.A. Hoffmann. Immermann, Uhland – Werner. Tübingen 1955, S. 29; Paul Hankamer: Zacharias Werner. Ein Beitrag zur Darstellung des Problems der Persönlichkeit in der Romantik. Bonn 1920, S. 258 f]

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Joseph Anton Nikolaus Settegast Christian Brentano, 1833

    Für längere Zeit – vielleicht aufgrund seiner Erinnerungen an die Scheidung, vielleicht aus Mangel an Gelegenheit – mied Clemens Brentano die inzwischen bayerisch gewordene Stadt. Erst seit sein jüngerer Bruder Christian (1784–1851) in Aschaffenburg wohnte, zog der Ort wieder sein Interesse auf sich. Christian Brentano, wie Clemens als Schriftsteller und zudem als Publizist tätig, war nach einer Reihe vergeblicher Anläufe, ein berufliches Auskommen jenseits der Schriftstellerei zu finden (zuletzt von 1830 bis 1837 als Geschäftsführer einer Mädchenschule auf dem Marienberg bei Boppard), mit seiner Familie nach Aschaffenburg übersiedelt [vgl. Sabine Claudia Gruber: Christian Brentano. In: Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. 27. Nordhausen 2007, Sp. 186–188]. Seit 1841 wohnte er in einem Haus in der kleinen Metzgergasse 5, das 1849 von seiner Schwester Ludovica des Bordes (1787–1854) erworben wurde [zur Diskrepanz von Einzugs- und Kaufdatum siehe Brigitte Schad: Das Brentanohaus. In: Die Aschaffenburger Brentanos. Beiträge zur Geschichte der Familie aus unbekanntem Nachlaß-Material. Hrsg. von ders.: Aschaffenburg 1984, S. 192–207,
    hier: S. 196 f]
    .

    Christian Brentano und seine Familie blieben trotz dieses Umzuges und voriger Wohnortwechsel aber immer Frankfurter Bürger [vgl. Martin Goes: Aschaffenburg, eine Brentanostadt? In: Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg 3 (1990), S. 492–497, hier: S. 494]. Vom 3. bis zum 13. September 1841 besuchte Clemens Brentano, der seit 1833 in München lebte, erstmals seinen Bruder in dessen neuem Domizil [vgl. Feilchenfeldt 1978, S. 174]. Über den Besuch berichtete er seiner Münchener Freundin Emilie Linder (1797–1867; wohl die letzte der zahlreichen Frauen, die Brentano in seinem Leben verehrte) über den harmonisch verlaufenen Besuch bei dem einzigen seiner Brüder, der »eine der meinen entsprechenden Gesinnung« [Edward von Steinle’s Briefwechsel mit seinen Freunden. Hrsg. von Alphons Maria von Steinle, Bd. 1. Freiburg i. Br. 1897, S. 64] hegte. Besonders beeindruckte ihn wohl dessen junge Frau Emilie, geborene Genger (1810–1881):

    • Ich ward von ihm, seiner Frau und seinen vier lieblichen Kindern ungemein liebevoll empfangen. Die Frau Emilie ist eine der einfachsten und doch geistreichsten freundlichsten, hilfreichsten Naturen, die mir je in meinem Leben begegnet sind, ganz offen und vertraut, ohne die mildeste Spur von Verschrobenheit. [Clemens Brentano: Briefe an Emilie Linder. Mit zwei Briefen an Apollonia Diepenbrock und Marianne von Willemer. Hrsg. und kommentiert von Wolfgang Frühwald. Bad Homburg [u.a.] 1969, S. 153]
    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Kongress- und Touristikbetriebe der Stadt Aschaffenburg (Till Benzin) Pompejanum mit Weinberg

    Nachdem Aschaffenburg 1814 bayerisch geworden war und insbesondere nach dem Regierungsantritt des kunstinteressierten Königs Ludwig I. 1825 setzte hier – wie zuvor unter den Mainzer Erzbischöfen – eine umfangreiche Bautätigkeit ein. Ein Gebäude, das Ludwig I. besonders wichtig war, war das von Friedrich von Gärtner (1791–1847) geplante und von 1840 bis 1848 errichtete Pompejanum, ein mainabwärts vom Schloss Johannisburg gelegenes Gebäude, dessen Grundriss sich an dem Vorbild der Casa dei Dioscuri in Pompeji orientierte [vgl. Erika Simon: Schriften zur Kunstgeschichte, Stuttgart 2003, S. 245 f]. Brentano dürfte die Baustelle bei seinem Aufenthalt 1841 gesehen oder zumindest davon gehört haben. Ausgemalt wurde das Pompejanum unter anderem von seinem Münchener Vermieter, dem an der Schule der Nazarener orientierten Maler Joseph Schlotthauer (1789–1869)
    [vgl. ebd., S. 261].

    1842 kam Brentano noch einmal nach Aschaffenburg – zum Sterben. Sein Gesundheitszustand hatte sich zu Anfang des Jahres 1842 rapide verschlechtert. Einem engen Freund, dem jungen Maler Edward von Steinle, berichtete Brentano in einem vom 15. März bis zum 13. April verfassten, sehr langen Brief: »Von meiner Gesundheit kann ich nichts Gutes berichten. Es scheint, daß ich am Herzen leide. Alle Symptome sind da« [Edward von Steinle’s Briefwechsel, Bd. 1, S. 67]. Im Mai oder Juni bat Brentano deshalb seinen Bruder Christian, zu seiner Unterstützung nach München zu kommen. Am 1. Juni verfasste er sein Testament und setzte Christian zum Universalerben ein. Als sich sein Zustand soweit gebessert hatte, dass er wieder reisen konnte, verließ Clemens Brentano gemeinsam mit seinem Bruder Christian München in Richtung Aschaffenburg. [vgl. Feilchenfeldt 1978, S. 177 f]

    Über Brentanos Reise nach Aschaffenburg und seine letzten Lebenswochen dort berichtet Emilie Brentano in der biographischen Einleitung zu den Briefbänden der Gesammelten Schriften Clemens Brentanos:

    • […] nachdem die vielen Bücher und Manuscripte gepackt waren (von welchen letzteren Clemens sich nicht trennen wollte) [...] fuhren die Brüder mit einem frommen Diener per Post im eignen Wagen weg, und als Clemens beim Fahren wohler wurde, ging`s Tag und Nacht durch [...] und so kamen sie, in Miltenberg von Christian’s Frau abgeholt, am 8. Juli Abends in Aschaffenburg an.

      Den letzten Theil der Reise war Clemens besonders heiter gewesen, er wußte seiner Schwägerin ihres Gatten unermüdliche, treue Sorgfalt und Pflege nicht genug zu rühmen, und gefiel sich in Plänen eines künftigen dauernden Zusammenlebens. Wohnlich sprachen ihn die ihm bereiteten freundlichen Zimmer an, er erholte sich in den ersten Tagen sichtlich an Körper und Geist. Er konnte die oberen Zimmer des Hauses besuchen, auf dem Balcon sitzen und sich der schönen Aussicht ins Mainthal freuen, und als die Geschwister mit einem Arzt und Freunde von Frankfurt kamen, ihn zu sehen, hofften sie, daß man das Übel noch für längere Zeit werde bewältigen können. […]

      Er war in rührender Weise geduldig […] und als das Übel sich nach vierzehn Tagen plötzlich verschlimmerte, als das Wasser schnell stieg und gewaltsam ans Herz stieß, da bewährte sich, daß sein Glaube an Gott und seine heilige Kirche fest in ihm begründet war. […]

      Nun konnte er nicht mehr auf sein und wie er zu Bett gebracht werden mußte, stieg das Wasser mit solcher Schnelligkeit, daß man nebst den anderen heiligen Sakramenten auch die heilige Ölung ihm geben zu müssen glaubte. [Clemens Brentano’s Gesammelte Schriften. Achter Band. Gesammelte Briefe. Frankfurt a. M. 1855, S. 94–96]

    Brentano erhielt in seinen letzten Stunden noch Besuch von engen Freunden, so von Edward von Steinle, der aus Frankfurt gekommen war, Apollonia Diepenbrock und Emilie Linder, wobei die beiden letzteren erst so spät bei ihm eintrafen, dass er sie wohl nicht mehr erkannte [vgl. Feilchenfeldt 1978, S. 178 f]. Am 28. Juli 1842 »um halb neun Uhr Morgens« [Gesammelte Schriften. Achter Band, S. 97]  starb Clemens Brentano. Sechs Tage vor seinem Tod wurde er wohl noch einmal an seinen ersten Aufenthalt in Aschaffenburg und an seine Scheidung erinnert, als er vor zwei Abgesandten des Kreis- und Stadtgerichts Aschaffenburg einen Nachtrag zu seinem Testament formulierte, der etwaige Erbansprüche von Auguste Bußmanns Kindern, von denen eines noch während der Ehe mit Brentano geboren worden war, ausschließen sollte [vgl. Hartwig Schultz: Schwarzer Schmetterling. Zwanzig Kapitel aus dem Leben des romantischen Dichters Clemens Brentano. Berlin 2000,
    S. 460]
    .

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Kulturamt Aschaffenburg Brentano-Grab

    Christian Brentano hatte für seinen Bruder ein Grab (Abt. I, Grab Nr. 190/19) auf dem – damals neuen – Aschaffenburger Friedhof erworben. Hier wurde am 30. Juli 1842 Clemens Brentano begraben, im selben Jahr Christian Brentanos Tochter Kunigunde, 1851 Christian, 1882 seine Frau Emilie, später auch Christians Söhne Franz und Lujo sowie weitere Verwandte. Der von Edward von Steinle entworfene Grabstein (heute steht dort eine Kopie) wurde nach dem Tod Christian Brentanos 1851 errichtet. 1977 wurde die Grabstätte als schutzwürdiges Grab von der Stadt Aschaffenburg übernommen [vgl. Brigitte Schad. Clemens Brentano (1778–1842). Tod und Grab in Aschaffenburg. In: Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg 3 (1990), S. 484–491, hier: S. 489–491]. Auf demselben Friedhof befindet sich auch das Grab Wilhelm Heinses, dessen Bibliothekskatalog Brentano 1808 so bewundert hatte. Dass die Brentano-Grabstätte schon früh als touristische Attraktion wahrgenommen wurde, zeigt ihre Erwähnung in einem Aschaffenburg-Führer von 1857 [vgl. A.(albert) von Herrlein: Aschaffenburg und seine Umgebung. Ein Handbuch für Fremde. Aschaffenburg 1857, S. 12 f] und zahlreichen weiteren Reiseführern des 19. Jahrhunderts.

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Kulturamt Aschaffenburg Brentano-Haus

    1889 verkaufte Christian Brentanos Tochter Lulu Renouf (1836-1921) das Brentano-Haus, das Ludovica des Bordes vierzig Jahre zuvor erworben hatte. 1924 kaufte Kommerzienrat Franz Dessauer das Haus und plante, dort gemeinsam mit dem Verlagsbuchhändler Paul Pattloch ein Brentano-Archiv einzurichten. Hierfür hatte er als Grundstock eine umfangreiche Autographen-Sammlung angelegt. Christian Brentanos Sohn Lujo unterstützte das Vorhaben, und 1944 bewilligte der NSDAP-Oberbürgermeister Wilhelm Wohlgemuth den auf 24 000 Mark geschätzten Ankauf einer Brentano-Sammlung. Der Kauf kann jedoch nicht zustande, und der Plan scheiterte nach 1945 unter anderem daran, dass Franz Dessauer nicht das Geld aufbringen konnte, das teilweise zerstörte Gebäude angemessen zu restaurieren.

    Lujo Brentanos Tochter Sissi vermachte der Stadt Einrichtungsgegenstände, die seitdem im Brentano-Zimmer im 2. Stock des Schlossmuseums zu sehen sind, und Familienpapiere, die sich heute im Besitz des Stadt- und Stiftsarchivs Aschaffenburg befinden [vgl. Goes, S. 495 f]. Schon Emilie Brentano hatte für den Heilig-Grab-Altar der 1814 nach einem Brand wieder errichteten Kapuzinerkirche eine Pietà gestiftet [vgl. Maria Lapinski: Kirche und Kloster der Kapuziner in Aschaffenburg. Würzburg 1999 (=Würzburger Diözesan-Geschichtsblätter 61)]. Obwohl das Aschaffenburger Brentano-Haus bei seinem Wiederaufbau baulich verändert wurde, vermittelt es noch heute den Eindruck eines großzügigen, repräsentativen Bürgerhauses, den es im 19. Jahrhundert auf seine Besucher gemacht haben mag.

          

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Romantik an Rhein und Main. Eine Topographie  – Buchumschlag

     

    Mit freundlicher Genehmigung aus:

    »Romantik an Rhein und Main. Eine Topographie«.
    Hrsg.: Wolfgang Bunzel, Michael Hohmann, Hans Sarkowicz.
    2014 erschienen bei der
    wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt.

    Veranstaltungshinweis

    Stadtrundgang:
    Auf den Spuren der Brentanos in Aschaffenburg

    Freitag, 15. Februar 2019, 10:00 Uhr
    Für VS-Mitglieder, Delegierte, Gäste und Interessierte

    Brentanostraße, Brentanobrunnen, Brentanopark: Dem Namen des romantischen Dichters Clemens Brentano begegnet man in Aschaffenburg immer wieder. Welche Beziehung hatten er und seine Familie zu Aschaffenburg? Wo haben sie ihre Spuren hinterlassen? Was hat es auf sich mit einer künftigen Brentano-Akademie?
    Gehen Sie mit Monika Spatz auf Entdeckungsreise und tauchen Sie ein in das Leben der Brentanos in Aschaffenburg.

    Treffpunkt:
    Schloss Johannisburg, Schlossplatz 4, Hauptportal
    Eintritt frei.
    Anmeldung
    Die Teilnehmerzahl ist auf 25 Personen begrenzt, wir bitten um Anmeldung unter kulturamt@aschaffenburg.de und dem Stichwort: VS-Kongress/Brentano

    Dr. Sabine Gruber

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: privat

    Dr. Sabine Gruber ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Seminar der Universität Tübingen (Lehrstuhl Prof. Georg Braungart). Einer ihrer Schwerpunkte ist die Erforschung der Werke und des Lebens von Clemens Brentano.

    Die 1967 in Wiesbaden geborene Gruber schloss ein Studium der Deutschen Philologie, Geschichte, Politikwissenschaft und Publizistik an der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz, ab und arbeitete u.a. im Verlag Otto Harrassowitz, Wiesbaden, an der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz, sowie sieben Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Frankfurter Brentano-Ausgabe am Frankfurter Goethe-Haus / Freien Deutschen Hochstift.

    Nach Stationen an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, dem Deutschen Literaturarchiv, Marbach und der Universität Erfurt forscht und arbeitet Gruber seit 2012 an der Universität Tübingen in den Projekten »August Wilhelm Schlegel. Kritische Ausgabe der Vorlesungen« und »Religion – Wissen – Literatur«.

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