Veränderung durch die Digitalisierung?


    Es war irgendwann in den 1990er Jahren, als mir zum ersten Mal ein Computer ins Haus kam – über den Sohn natürlich, der es bei diesem Thema eiliger hatte als ich. Und bald stellte sich die Frage: wieviel Macht will ich dem Gerät beim Schreiben geben? Es fiel ja nun alles weg – das Radieren, Durchstreichen, das Übertünchen mit Tipp-Ex, das wütende Herausreißen einer verkorksten Seite aus der Schreibmaschine und dann das Zerknüllen in Wut und Selbsthass. Alles Geschriebene konnte nun jederzeit gelöscht und neu formuliert werden und sah auch aus wie neu, der Bildschirm unbefleckt. Sätze, Abschnitte, ganze Kapitel ließen sich von vorne nach hinten verschieben und umgekehrt. Nichts war endgültig, alles jederzeit veränderbar. Mit einem Mausklick konnte man den Namen des Romanhelden austauschen, wenn man seiner überdrüssig wurde – doch lieber Hans statt Willi?

    Was würde das für ein Text werden, wenn das Stroh nicht vorab im Kopf zu Gold gesponnen wurde, sondern erst nach und nach auf dem Bildschirm? Würde mein Hirn anfangen, sich anders zu verschalten?

    Eva Leipprand | Vorsitzende des VS

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: K. Lipa

    Darüber würde ich auf dem Kongress ...

    ... gerne mit den Kolleginnen und Kollegen sprechen. Auch ob sie das Gefühl teilen, dass, weil es so viel leichter geht, auch viel mehr geschrieben wird als früher. Und gelesen. Ich jedenfalls lese mehr als früher. Die Zeitung morgens beim Frühstück reicht nicht mehr, ich lese mich durch verschiedene Medien und ihre weiterverweisenden Links, hier eine Anregung, dort etwas, das ich wissen sollte, Buchkritiken allerorten, Debatten, Neuerscheinungen, auch an den Mails findet sich so manches angehängt, was dringend durchzusehen wäre, und damit ich darin nicht völlig versinke, habe ich mir ein schnelles überfliegendes Lesen angewöhnt und sehe mich zunehmend versucht, diese Lesemethode auch auf literarische Texte anzuwenden. Die Geduld wird knapper. Hineinversenken geht kaum mehr. Das muss schon gute dichte Prosa sein, die mich dazu bringt, dem Tempo des Textes zu folgen und die Sätze beim Lesen zu schmecken und zu fühlen wie früher.

    Aber die Fülle der Information, die ich aus dem Netz gewinne! Die wunderbare Verfügbarkeit des Wissens der ganzen Welt! Ich sehe mich noch die Bestellzettel ausfüllen, damals in der Landesbibliothek, für jedes Buch einen, handschriftlich komplett mit Personalien und bibliographischen Angaben. Dann hieß es zwei Wochen warten, und wenn das Buch dann endlich ankam, war es vielleicht das falsche, oder das Zitat, das man suchte, klang auf einmal sehr banal. Wie schnell kann ich mich heute in aktuelle Themen einarbeiten! Wie leicht kann ich beim Übersetzen herausfinden, wie die sechs verschiedenen Lachssorten heißen, die sich jedes Jahr zum Laichen die nordamerikanischen Flüsse hocharbeiten. Und wieviel leichter ist es geworden, zu sehen, was überall in der Welt geschrieben und gedacht wird. Unermesslich sind die Möglichkeiten einer weltumspannenden Kommunikation, Möglichkeiten, die wir brauchen werden, wenn es um die großen Zukunftsfragen geht.

    Doch dann fällt mir wieder der gelbe Post-it-Streifen ein, den ich, auf den Rat von Experten hin, über das Kameraauge meines Laptops geklebt habe. Und das ungute Gefühl beim Recherchieren, zum Beispiel beim Übersetzen, das mich in die unterschiedlichsten, oft auch abwegig skurrilen Wissensbereiche führt. Überwacht da jemand meine Googleschritte? Strickt da irgendeine KI gerade ein Profil meiner Person, das mich gefangen halten wird bis ans Ende meiner Tage? Sollte ich mich besser selbst zensieren? Und wo ist meine Privatsphäre geblieben, meine Vorstellung vom Individuum, das sein Leben eigenverantwortlich führt und daran auch gemessen wird? Löse ich mich auf im Datenmeer und werde zum Spielball neu entstehender Machtzentren, die keiner mehr verstehen geschweige denn kontrollieren kann?

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    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: Klaus Staeck

    Auch darüber würde ich gerne reden ...

    ... auf dem Kongress; schließlich sind wir Autorinnen und Autoren diejenigen, die bislang den Anspruch hatten, die Narrative der Gesellschaft wesentlich mit zu prägen. Mit unserem Projekt »Ende der Privatheit« im Reformationsjahr 2017 haben wir die Debatte bereits vorbereitet (http://thema.verdi.de/ende-der-privatheit#85919). So wie die Erfindung des Buchdrucks im 16. Jahrhundert ist die Digitalisierung heute als Medienrevolution nicht nur rein technischer Natur, sondern verändert die Grundlagen unserer Existenz. Was ist unsere gesellschaftspolitische Aufgabe in der jetzigen Situation? Wie können wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller mithelfen, damit die großartigen Möglichkeiten der Digitalisierung in Zukunft tatsächlich zum Wohl der Menschheit wirken? Ich freue mich auf die Diskussion.

    Eva Leipprand
    Vorsitzende des VS

    ver.di Kampagnen