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    Mit Kultur schaffen wir uns die Welt

    Mit Kultur schaffen wir uns die Welt

    Rede von Eva Leipprand auf der Berliner Konferenz des VS am 8. Februar 2015

    Am 8. Februar wurde Eva Leipprand im Rahmen der Bundesfachgruppenkonferenz des VS in Berlin mit großer Mehrheit zur neuen Vorsitzenden des Verbandes deutscher Schriftsteller in ver.di gewählt. Die zweite Vorsitzende in der Geschichte des Schriftstellerverbandes (nach Anna Jonas) erhielt 40 der 45 Stimmen.

    Bundesvorsitzende des VS | Fachgruppe Literatur der ver.di Christian von Polentz Eva Leipprand

    Geboren wurde Eva Leipprand in Erlangen, sie wuchs in München auf und lebt seit 1989 in Augsburg, wo sie kommunalpolitisch für BÜNDNIS 90 / Die Grünen tätig war, u.a. als Kulturbürgermeisterin.

    Literarisch tätig wurde Eva Leipprand, als sie als Lehrerin zugunsten ihrer beiden Kinder pausierte. Sie schrieb Kritiken für den Funk und für Zeitungen und übersetzte. Ihr erstes Buch erschien 1989. In den Jahren 2006 brachte der Verlag Klöpfer & Meyer in Tübingen die Erzählung »Woher alles kommt« heraus, zuletzt kam 2011 »Politik zum Selbermachen – eine Gebrauchsanleitung« bei S. Fischer heraus. Sie arbeitet u.a. im Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft und ist Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Kultur.

    Kunstundkultur-online dokumentiert ihre Vorstellungs- und Bewerbungsrede auf der Berliner Konferenz.

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    Liebe Kolleginnen und Kollegen,

    ich stehe hier, weil ich mich um den Bundesvorsitz des VS bewerbe. Das kommt für mich selbst ein bisschen unerwartet. Ich bin seit 1991 Mitglied im VS, mit wechselnder Intensität des Engagements, und gerade in den letzten Jahren stand für mich die Politik im Vordergrund. Um besser erklären zu können, warum ich hier stehe, habe ich viel Zeit verbracht mit der Geschichte des VS, wie sie von Imre Török so wunderbar zusammengestellt wurde. Wenn man das liest, kann man nur tiefen Respekt empfinden vor dem Verband und seiner bedeutenden Geschichte und der bis heute wirkenden Leistung. Und es wird klar: die Themen, die diese 45 Jahre durchziehen, sind auch heute noch relevant – von der Gründungszeit mit Dieter Lattmann, dem ersten Bundesvorsitzenden, bis zu Imre Török, der jetzt dieses Amt innehat (Dieter Lattmann hat mir übrigens im Vorfeld dieses Kongresses eine rückenstärkende Mail geschickt mit der Bitte, die Versammlung hier von ihm, dem Ehrenvorsitzenden, zu grüßen).

    Auch wenn die Welt im Lauf der Jahre eine andere geworden ist, so geht es im VS doch nach wie vor um die Gefährdung von Autorenexistenzen angesichts der Machtkonzentration im Medienbereich; es geht um die Schwierigkeit, die »Einigkeit der Einzelgänger« herzustellen als Gegenkraft. Nach wie vor geht es um die gefühlte Unvereinbarkeit zwischen literarischem Arbeiten und gewerkschaftlichem Einsatz (Grass 1970 auf dem 1. Kongress: »Wenn der Terminus organisierte Schriftsteller keinen erschreckenden Nebenhall haben soll, werden wir mehr sein müssen als nur ein Interessenverband.«); dahinter steckt die Debatte um den Doppelcharakter von Kunst als Wirtschaftsgut und Träger kultureller und gesellschaftlicher Werte, ein Thema, das jetzt wieder voll entbrannt im Mittelpunkt der TTIP-Diskussion steht. Und nach wie vor geht es um die adäquate Reaktion der Autorinnen und Autoren auf die Fragen der Zeit. Und es geht um ganz konkrete Themen wie Buchpreisbindung, Künstlersozialkasse, Urheberrecht, Fragen, die sich infolge der Digitalisierung mit neuer Komplexität stellen und nicht nur auf der deutschen, sondern auch auf der europäischen Ebene zu verhandeln sind.

    In all diesen Bereichen verzeichnet die Geschichte des VS ein jahrzehntelanges Ringen, aber auch bemerkenswerte Errungenschaften, die es zu verteidigen und angesichts der neuen Herausforderungen zu stärken gilt; die Berichte für den heutigen Kongress dokumentieren die erfolgreiche Arbeit des Vorstands in diesen Bereichen. Was mich aber bei der Lektüre am meisten beschäftigt hat, ist die Intensität , die zu spüren ist – in der Freude des Erfolgs, aber auch in der Härte der Auseinandersetzung, insbesondere aber in der Beharrlichkeit bei der Fortführung des Projekts – es muss in all diesen Jahren um etwas ganz Wichtiges gegangen sein! Und meine Vermutung ist: es ging um nichts Geringeres als die Bedeutung der künstlerischen Arbeit, um die Wirksamkeit von Literatur und derer, die sie erschaffen. Und darum geht es auch heute noch.

    Und wie könnte man Bedeutung und Wirksamkeit von Literatur heute beschreiben? Ich möchte hierzu einen Pionier der digitalen Welt befragen, Jaron Lanier, einen sogenannten »Netzintellektuellen«, der im Oktober 2014 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hat. Obwohl nach wie vor begeistert von den Möglichkeiten des Internets, benennt er doch auch die Gefahren mit beunruhigender Präzision: wie das Individuelle im Netz in statistischen Datenwellen verrührt wird und untergeht und sich damit auch der Unterschied von Subjekt und Objekt verflüchtigt und die Hegelsche Dialektik von These, Antithese und Synthese aus dem Denken verschwindet. Das Internet darf nicht zur einzigen Plattform der Kommunikation werden, sagt Lanier. Wenn es Zeit ist, einen Blick aufs große Ganze zu werfen, dann, so Lanier, schreibt er Bücher. Und auf die Frage: Was ist ein Buch? lautet seine Antwort: ein Buch ist ein Bauwerk menschlicher Würde. Jedes Buch ist anders und damit ein Beweis dafür, dass Bedeutung nur aus individueller Erfahrung gewonnen werden kann. (Ich habe hier aus der Rede frei zitiert und zusammengefasst). Klarer, liebe Kolleginnen und Kollegen, kann man die Wirksamkeit der Literatur in unseren Tagen nicht beschreiben und dringlicher nicht die Aufgabe der Schriftsteller.

    Bücher werden gebraucht, mehr denn je. Nicht ohne Grund steht in der politischen Debatte der Begriff Erzählung oder Narrativ zurzeit so hoch im Kurs. Dieser Begriff macht den kulturellen Hintergrund politischen Denkens und Handelns deutlich. Mit Kultur schaffen wir uns die Welt. In einer Erzählung werden Daten und Fakten nicht beliebig aufgehäuft und verrührt, sondern in eine sinnstiftende Reihenfolge und Form gebracht. Deutung, Sinnstiftung und Formgebung sind kulturelle Akte. Sie können und müssen sich wandeln im Zuge der Veränderung der Lebensbedingungen. Was einmal richtig war, muss nicht immer richtig bleiben. Scheinbar absolute Wahrheiten müssen hinterfragt und entmythologisiert werden.

    Deshalb brauchen wir in jeder Zeit immer wieder neue Erzählungen, und wer die Erzählungen formuliert, der hat die kulturelle Deutungsmacht. Die sollten wir weder an das Internet noch an die Ökonomen noch an sonst irgendjemand abtreten. Schriftsteller sollten sich ihr Recht, die Welt in Worte zu fassen, nicht nehmen lassen, und es ist nicht nur ihr Recht, denke ich, sondern ihre Pflicht, den Blick immer wieder auf das große Ganze zu richten, und auf ihre jeweils eigene Art die Frage zu stellen: worum geht es denn eigentlich?

    Wenn ich mir diese Frage stelle und versuche, den Blick aufs große Ganze zu richten – und mein persönlicher Blickwinkel ist politisch gefärbt –, dann kommt es mir so vor, als breite sich zur Zeit große Desorientierung und Verunsicherung aus – als ob die Menschen hinter dem Rausch des ständigen Wachstums und der rasenden Beschleunigung und der alles überschwemmenden digitalen Bilderflut allmählich die Bedrohung wahrnähmen, die aus dieser Entwicklung für sie erwachsen könnte. Die Kluft zwischen Reich und Arm wird tiefer, die Ungerechtigkeit eklatanter, Spannungen und Konflikte nehmen verstörend atavistische Formen an, von denen wir gedacht hatten, sie seien längst überwunden; das westliche Lebensmodell gerät unter Beschuss, die bekannten politischen Muster verschwimmen, ebenso wie die klaren Fronten von früher; das Freiheitsversprechen des Internets ist ins Gegenteil verkehrt, das Gefühl, überwacht und fremdgesteuert zu sein, reicht bis in den letzten Winkel des Privaten; dazu kommen noch Klimawandel, Ressourcenknappheit, man muss das gar nicht alles aufzählen.

    Und dass wir jetzt an diesem Punkt angelangt sind, das hat, denke ich, etwas mit dem Narrativ vom immerwährenden Wachstum und der Idealisierung von Konsum und Konkurrenz als Leitlinien unseres Lebens zu tun. Diese Deutung der Welt war lange so erfolgreich und verlockend, so übermächtig, so alternativlos. Aber jetzt wird offenbar, dass sie für die Zukunft nicht mehr tauglich ist. Wäre die Lehre vom immerwährenden Wachstum wirklich alternativlos, so wäre dies eine schlimme Nachricht. Sie ist aber nicht alternativlos; das erkennt man sofort, wenn man sie als Teil einer Geschichte versteht.

    Tomáš Sedláček erzählt diese Geschichte in seinem Buch Die Ökonomie von Gut und Böse. Im Lauf der Zeit haben unterschiedliche Kulturen, von Gilgamesch bis Adam Smith, unterschiedliche Wirtschaftssysteme hervorgebracht, je nach Lebensbedingungen und Wertesystem. Ökonomie ist also eine »kulturelle Erscheinung«. Auch die heute vorherrschende Wirtschaftstheorie ist keine absolute Wahrheit, sondern ein Zeitphänomen, historisch geworden, erdacht und gemacht und kulturell bedingt. Die gute Nachricht: genau deshalb ist sie eben nicht alternativlos, sie ist veränderbar, sie muss und kann sich entwickeln. Wollen wir unsere Freiheit zur Gestaltung der Zukunft wiedergewinnen, müssen wir die angebliche Alternativlosigkeit als Täuschung entlarven und die Fülle der Möglichkeiten zeigen, die das Leben bietet. Hier gibt es viel zu tun für Erzählerinnen und Erzähler. Schon allein das Schreiben als Tätigkeit entzieht sich dem herrschenden System. Es bedeutet Entschleunigung, Achtsamkeit, gedankliche Durchdringung und den Willen zur Form. Es bedeutet Vielfalt und Unverwechselbarkeit zugleich. Es bedeutet Bereitschaft und Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Das Schreiben ist eine Ressource für die Zukunft.

    Wie könnte denn so eine neue Erzählung aussehen? Für mich muss es darin um eine Transformation gehen, das ist inzwischen mein Kompass in all der Verwirrung; um die Transformation unserer Gesellschaft Richtung Zukunftsfähigkeit, die als großes Menschheitsprojekt zu formulieren wäre.

    Wie eine solche Transformation im Detail aussehen kann, weiß heute keiner und kann es auch gar nicht wissen. Aber es ist gut zu sehen, dass es eine große weltweite Suchbewegung gibt, eine Bereitschaft, sich ins Ungewisse aufzumachen. Und ich bin sicher, dass die Transformation eine kulturelle Dimension hat, im Sinne einer Haltung zur Welt, und dass sie ohne einen kulturellen Wandel nicht gelingen kann. Diesen Gedanken gilt es in das politische Handeln hineinzutragen.

    Es ist jetzt vielleicht an der Zeit, ein paar Sätze über meine bisherige Arbeit zu sagen. Ich habe in den letzten dreißig Jahren ein Leben zwischen Literatur und Politik geführt, und wenn beide Bereiche sich berühren oder auch ineinanderfließen, fühle ich mich besonders wohl. Es ist faszinierend, wenn man politisches Handeln auch als kulturellen Akt begreifen lernt und umgekehrt Kulturpolitik als gesellschaftspolitische soft power ersten Ranges. Mein letztes Buch hat daher ganz folgerichtig die Politik zum Gegenstand.

    Zurzeit bin ich Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Kultur der Grünen und Mitglied im Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft. Mein Schwerpunkt ist die kulturelle Dimension einer nachhaltigen Entwicklung. Auch in Augsburg, wo ich achtzehn Jahre lang Kommunalpolitik mitgestaltet habe, davon sechs Jahre als Kulturbürgermeisterin, versuche ich mitzuhelfen, dass Kultur als Teil einer nachhaltigen Stadtentwicklung verstanden wird.

    Ein letztes Wort zu den Schnittstellen von Kultur und Politik. In beiden Bereichen spielt die Sprache eine entscheidende Rolle, allerdings in unterschiedlicher, ja konträrer Weise.

    Beim Schreiben geht es darum, wie oben schon gesagt, die ganz eigene Sprache zu finden; das Unausgesprochene zum Klingen zu bringen, die Wahrheit hinter den Dingen zweckfrei aufscheinen zu lassen, der individuellen Erzählung von der Welt eine unverwechselbare Form zu geben.

    In der Politik dient Sprache dazu, das tagtäglich ungeformt sich ereignende Chaos zu ordnen, übersichtlich und mitteilbar zu machen, in einem komplizierten Geflecht von Absichten und Rücksichtnahmen auch zu glätten oder für die eigenen politischen Zwecke nutzbringend zu formulieren. Es gilt, den Code einzuhalten, anschlussfähig zu sein, und manches, was wichtig ist, auch einmal nicht auszusprechen. Die politische Erzählung ist eine andere als die literarische oder gar die poetische. Für die Aufgabe, um die ich mich bewerbe, ist es aber vielleicht nicht von Nachteil, wenn ich beide ein bisschen kenne. Es geht ja darum, dass wir uns in den Fragen, die uns heute bedrängen, deutlich hörbar einmischen. Dazu bringe ich meine Erfahrung gerne ein. Und das ist der Grund, warum ich hier stehe und Euch um Euer Vertrauen bitte.

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