Nachrichten

    Ludwig Harig – VS Saar gratuliert zum 90. Geburtstag

    Ludwig Harig – VS Saar gratuliert zum 90. Geburtstag

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di F.A.Z. | Daniel Pilar Ludwig Harig

    Ludwig Harig ist der selbsterklärte, doch unbestrittene Platzhirsch unter den saarländischen Autoren. Er wurde am 18. Juli 1927 in Sulzbach (Saar) geboren und lebt heute noch dort.

    1949-50 ist er Assistant d’allemand am Collège Moderne in Lyon. Von 1950 bis 1970 arbeitet Harig als Volksschullehrer, dann lässt er sich beurlauben, um vom Schreiben zu leben, 1974 gibt er den Lehrerberuf ganz auf. Vertrauen in die Tragfähigkeit freier Schriftstellerexistenz gibt ihm sein Erfolg mit Hörspielen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Dort erzielt er – was selten ist – auf einem sprachlichen Experimentierfeld genug Ernte für sein Auskommen.

    Er hat mitgeholfen, die experimentelle französische Literatur (wie etwa des Pataphysikers und Oulipoten Raymond Queneau) ins Deutsche zu übertragen. Seine Prosa und Lyrik wurden und werden allgemein beachtet und vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Kunstpreis des Saarlandes für Literatur 1966, dem Heinrich-Böll-Preis 1987 und dem Friedrich-Hölderlin-Preis 1994.

    Vorbilder und Lehrmeister für ihn waren Jean Paul, Arno Schmidt und Max Bense. Letzterer versuchte in den 60er Jahren, eine kybernetische, eine Informationstheorie der literarischen Ästhetik zu entwickeln (Theorie der Texte), und Harig, als angewandter Bense, setzte die kybernetische Ästhetik in praktische Literatur um, indem er weite semantische und syntaktische Felder mittels Kombinatorik aufspannte. Variation, Kombination und (vor allem) Permutation von Wörtern kennzeichnen z.B. den 1. Roman Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung und die Mitglieder des Gemeinsamen Marktes, ein Familienroman.

    An den frühen Sprachexperimenten ist bereits deutlich zu erkennen, dass sie immer zum Spiel mit den bezeichneten Gegenständen verlocken sollen. Harigs Sprachspiel evoziert das Lebensspiel, indem er authentisch erlebte oder zitierte Realität variiert und emanzipatorisch entwickelt, wie es schon 1974 im Titel seines 2. Romans programmatisch heißt: Allseitige Beschreibung der Welt zur Heimkehr des Menschen in eine schönere Zukunft. Sowohl experimentell sind seine Texte daher auch politisch relevant und aussagekräftig.

    Die Sprachexperimentierlust tritt später zu Gunsten der Erzählfreude in den Hintergrund, nicht jedoch inhaltliches Spiel und emanzipatorische Thematik, wie etwa im Hauptwerk, dem Vaterroman Ordnung ist das ganze Leben (1987). Dass der vermeintlich reinen Heimatlob-Idyllik (siehe die sehr erfolgreiche Saarländische Freude) eine romantisch-ironische Haltung zu Grunde liegt, muss ja nicht jeder Saarländer merken. Es geht Harig um das gelungene Leben, um die Freude, und letztlich — um Glück. Das zwar möglicherweise ohne Saarland existiert, jedoch nie ohne Metabeschäftigung, ohne Vision, ohne Bücher! Damit der Saarländer sich seiner selbst bewusst wird, erfindet ihn Harig für die Literatur.

    Klaus Behringer