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    Aslı Erdoğan verhaftet

    Aslı Erdoğan verhaftet

    Für die Freiheit des Worts in der Türkei

    von Imre Török, stellvertretender Vorsitzender des VS

    Flagge der Türkei Wikimedia Flagge der Türkei

    Ein bequemer Ort für Schriftsteller, Journalisten, Intellektuelle war die Türkei wahrlich auch in den letzten Jahrzehnten nicht. Der gescheiterte Putschversuch im Juli 2016 dient seither als perfider Vorwand, alle in den Augen des türkischen Präsidenten Erdoğan und seiner Machtelite missliebige Personen hinter Gitter zu bringen.

    Unter ihnen die Schriftstellerin Aslı Erdoğan, eine Symbolgestalt in der Repression gegen Intellektuelle in der Türkei. Tage nach dem verwerflichen Umsturzversuch bezeichnete Präsident Erdoğan den Coup als »Gunst Gottes«. Die Interpretation seiner verräterischen Worte ließ nicht auf sich warten. Es folgte die Massenverhaftung von fast 40.000 Menschen bis Ende August, die angeblich alle Anhänger der Gülen-Bewegung gewesen seien und hinter dem Putsch gestanden haben sollen.

    In Wahrheit geht es bei den Säuberungsaktionen um viel mehr. Die »Gunst Gottes« erweist sich als teuflische Gelegenheit, alle kritischen Stimmen zum Schweigen zu bringen. Intellektuelle, die in den Medien, in ihren literarischen Werken, an Universitäten und in Schulen »Linientreue« zum inhumanen politischen Kurs der Regierung haben vermissen lassen, wurden reihenweise verhaftet. Und täglich neue »Verdächtige« werden zur Fahndung ausgeschrieben.

    Aslı Erdoğan kam am 16. August 2016 in Haft. Die türkische Justiz, nach dem Umsturzversuch auf Geheiß des Präsidenten ebenfalls radikal umgekrempelt, ist nicht zimperlich in der Erfindung fingierter Anklagen. Der Schriftstellerin und Journalistin werden Volksverhetzung und terroristische Betätigung vorgeworfen. Die 1967 in Istanbul geborene Aslı Erdoğan hat Informatik und Physik studiert und startete eine Karriere als Physikerin am Forschungszentrum CERN in der Schweiz. Dort erkunden Forscher fundamentale Gesetze des Universums. Sie gab diese Tätigkeit auf, um sich ganz den Menschen und deren Nöten in ihrem Heimatland zuzuwenden. »Eine außergewöhnlich feinfühlige und scharfsinnige Autorin, ihre Romane sind vollendete Werke«, sagt Orhan Pamuk über seine Kollegin. 2010 wurde die »Ingenieurin der menschlichen Seele« mit dem bedeutendsten Literaturpreis der Türkei ausgezeichnet. In deutscher Übersetzung erschienen sind ihre Romane »Die Stadt der roten Perlen« und »Der wundersame Mandarin«.

    Zugleich arbeitete die Autorin als kritische Kolumnistin. Sie engagierte sich für Frauenrechte und als Kurdin für die uneingeschränkten Menschenrechte des seit historischen Zeiten auf dem heutigen Territorium der Türkei lebenden kurdischen Volkes. Sie schrieb u. a. für die inzwischen verbotene kurdische Tageszeitung »Özgür Gündem«. Und sie thematisierte immer wieder menschenunwürdige Zustände und Folter in türkischen Gefängnissen. Als Mitglied des türkischen PEN hat sie sich im Komitee »Writers in Prison« tatkräftig für die Freilassung politischer Gefangener eingesetzt.

    Jetzt sitzt sie, eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Türkei, selber im Gefängnis. Auch alle Redakteure und Mitarbeiter von »Özgür Gündem« sind verhaftetet worden. Sie teilen das Schicksal von unzähligen unschuldigen Opfern der Säuberung, die mit Repressalien in schlimmsten diktatorischen, denunziatorischen Regimen der Vergangenheit und Gegenwart vergleichbar ist. Der Schriftsteller Hilmi Yavuz und der Journalist Can Dündar seien hier stellvertretend namentlich genannt.

    Aslı Erdoğan, die bei einer früheren Verhaftung bereits bleibende körperliche und psychische Schäden erlitten hat, beklagte nun, dass ihr Medikamente und sogar Wasser verweigert worden sind. Ihre Botschaft aus dem Gefängnis: »Meine Moral ist gut. Ich weiß, wieso ich hier bin. Ich sende meine Grüße an alle. Mit meinen Schriften wird nicht nur die Gedankenfreiheit, sondern auch das Gewissen vor Gericht gestellt. Das Gewissen, das nun durch Vorurteile inhaftiert ist. Literatur existiert, um beim Menschen dieses Gewissen auszubilden. Seit 18 Jahren habe ich in einer konsequenten Weise die Ablehnung von Gewalt verteidigt und meine Schriften in ‚Özgür Gündem‘ als Brücke des Friedens gesehen.»

    VS und PEN setzen sich seit jeher mit Petitionen, Aktionen, Veranstaltungen hierzulande und auch in der Türkei selbst gegen politische Verfolgung und Inhaftierung und für Meinungsfreiheit ein.

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    aus: kunstundkultur (ePaper 5/2016)

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