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    Ludwig Harig †

    Ludwig Harig †

    Der VS Saar trauert um den Dichter Ludwig Harig.
    Er starb am 5. Mai 2018 in Sulzbach/Saar im Alter von 90 Jahren.

    Ludwig Harig war der selbsterklärte, doch unbestrittene Platzhirsch unter den saarländischen Autoren. Er wurde am 18. Juli 1927 in Sulzbach/Saar geboren.

    1949-50 war er Assistant d’allemand am Collège Moderne in Lyon. Von 1950 bis 1970 arbeitete Harig als Volksschullehrer, dann ließ er sich beurlauben, um vom Schreiben zu leben, 1974 gab er den Lehrerberuf ganz auf. Vertrauen in die Tragfähigkeit freier Schriftstellerexistenz gab ihm sein Erfolg mit Hörspielen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Dort erzielte er – was selten ist – auf einem sprachlichen Experimentierfeld genug Ernte für sein Auskommen.

    Er hat mitgeholfen, die experimentelle französische Literatur (wie etwa des Pataphysikers und Oulipoten Raymond Queneau) ins Deutsche zu übertragen. Harigs eigene Prosa und Lyrik wurden vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Kunstpreis des Saarlandes für Literatur (1966), dem Heinrich-Böll-Preis 1987 und dem Friedrich-Hölderlin-Preis 1994.

    Vorbilder und Lehrmeister für ihn waren Jean Paul, Arno Schmidt und Max Bense. Letzterer versuchte in den 60er Jahren, eine kybernetische, eine Informationstheorie der literarischen Ästhetik zu entwickeln (Theorie der Texte), und Harig, als angewandter Bense, setzte die kybernetische Ästhetik in praktische Literatur um, indem er weite semantische und syntaktische Felder mittels Kombinatorik aufspannte. Variation, Kombination und (vor allem) Permutation von Wörtern kennzeichnen etwa Harigs ersten Roman Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung und die Mitglieder des Gemeinsamen Marktes, ein Familienroman.

    Die frühen Sprachexperimente lassen bereits deutlich erkennen, dass sie immer zum Spiel mit den bezeichneten Gegenständen verlocken sollen. Harigs Sprachspiel evozierte das Lebensspiel, indem er authentisch erlebte oder zitierte Realität variierte und emanzipatorisch entwickelte, wie es schon 1974 im Titel seines 2. Romans programmatisch hieß: Allseitige Beschreibung der Welt zur Heimkehr des Menschen in eine schönere Zukunft. Seine Texte sind daher sowohl experimentell als auch politisch relevant und aussagekräftig.

    Harigs Lust am Sprachexperiment trat später zu Gunsten der Erzählfreude in den Hintergrund, nicht jedoch inhaltliches Spiel und emanzipatorische Thematik, wie etwa im Hauptwerk, dem Vaterroman Ordnung ist das ganze Leben (1987) oder dem autobiografischen Roman Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf (1996). Dass der vermeintlich reinen Heimatlob-Idyllik (siehe die sehr erfolgreiche Saarländische Freude) eine romantisch-ironische Haltung zu Grunde lag, merkte nicht jeder Saarländer. Es ging Harig um das gelungene Leben, um die Freude, und letztlich – um das Glück. Das zwar möglicherweise ohne Saarland auch existiert, jedoch nie ohne Metabeschäftigung, ohne Vision, ohne Bücher! Damit der Saarländer sich seiner selbst bewusst wird auf poetische Art, hat ihn Harig für die Literatur erfunden.

    Klaus Behringer