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    Nachruf auf Rainer Kirsch

    Nachruf auf Rainer Kirsch

    Der Verband deutscher Schriftsteller
    trauert um Rainer Kirsch
      

    VS -.Fachgruppe Literatur der ver.di dpa Rainer Kirsch

    Am 4. September ist der Schriftsteller Rainer Kirsch im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben. Sein literarisches Werk umfasst in bester aufklärerischer Art Lyrik, Prosa, Essay, Dramatik, Übersetzungen und Kinderbuch. Zu dieser weitgefassten Lebensleistung kommt noch eine philosophische Dimension hinzu, in der er, so sein Kollege Karl Mickel »… die Jahrhunderte konsultiert hat …«.

    Weder zu einer Würdigung seiner Werke noch der Würdigung der Dimension seiner Ausstrahlung bin ich kompetent genug; ich habe von seinen Werken nur einen kleineren Teil gelesen und habe ihn in persönlichen Gesprächen und gemeinsamen Veranstaltungen schätzen gelernt. Diejenigen seiner Werke aber, die ich gelesen habe und die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit, die mich gefangen genommen haben, sind in mir als ein starkes, unglaublich vielseitiges und zugleich eindrückliches Bild seines Wesens haften geblieben.

    1934 in Döbeln geboren, war Kirsch mit seiner geschliffen scharfen Sprache der offiziellen Kulturpolitik der DDR immer wieder ein Dorn im Auge. Ein erstes Parteiverfahren bekam der mit 17 Jahren in die SED Eingetretene bereits als Student wegen eines erklärenden Satzes zu den eigenen Gedichten etwa in dem Sinn: »Der Mensch sei nicht immer fröhlich, deshalb müsse es außer fröhlichen auch traurige Gedichte geben.« Doch war genau zu diesem Zeitpunkt über Nacht der ungarische Aufstand ausgebrochen, und der Beitrag bekam den Stempel des Konterrevolutionären. Nach einem zweiten Parteiverfahren wurde Rainer Kirsch aus der Partei ausgeschlossen und exmatrikuliert. Tags arbeitete er als Transport- und Hilfsarbeiter, abends schrieb er besessen weiter. Inzwischen hatte er die Lyrikerin Sahra geheiratet. Beide bewarben sich zum Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher und wurden genommen.

    1965 verweigerte man ihm das Abschlussdiplom, da Kirsch u.a. schrieb: »… Überwunden werden muss freilich die schädliche Identifikation von Partei und Parteiapparat, die auf eine Verselbstständigung des Apparates hinausläuft. Es ist ja eine Mystifikation anzunehmen, irgendjemand werde durch seine Anstellung beim Zentralkomitee so etwas wie die Stimme der Partei …«.

    Der später zum zweiten Mal um Aufnahme in die Partei gebetene Dichter Kirsch wurde 1973 wegen der Komödie »Heinrich Schlaghands Höllenfahrt« wieder aus ihr ausgeschlossen, denn seine politisch analytische Zeilen erregten partei-offiziell erneut höchsten Anstoß:

         Auch lebende Künstler auf die Linie zu bringen
         Bis diese höchst seltsam balancieren und singen
         Und sich die Kunst nicht mehr am Leben reibt:
         Die Kunst verschwindet, doch die Linie bleibt.

    Nach dem Umbruch in der DDR wurde Kirsch von einer Mitgliedervollversammlung des Schriftstellerverbandes (DSV) zu dessen Vorsitzenden gewählt. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass der neue Vorstand des DSV seinen Mitgliedern empfahl, nach Auflösung des DSV zum 31. Dezember 1990 dem VS beizutreten und dass der VS in den folgenden Jahren mit einer eigenen Kommission zur Aufhellung seiner Geschichte und der des DDR-Verbandes beitrug. Am 1. Oktober 1990 kooptierte der Verband deutscher Schriftsteller Vorstandsmitglieder des Deutschen Schriftstellerverbandes der DDR. Rainer Kirsch übernahm bis 1991 zusammen mit bundesdeutschen Kollegen den Vorsitz.

    1992 besuchte ich ihn persönlich. Neben langen, spannenden Gesprächen und neuen Nachdichtungen, die er mir vorlas, ist mir eine vorzügliche Gemüsesuppe in Erinnerung geblieben, die er für uns gekocht hatte. Sein Tag war genau eingeteilt in schreiben, joggen, Yoga und immer wieder schreiben. Es war die Zeit, in der man ihn in viele gesamtdeutsche Gremien berief, zwar seinen Rat hören wollte, aber nur bedingt seinen Erfahrungsfundus zu einer genaueren kulturpolitischen Analyse nutzte.

    DDR, das hatte bereits vor ihrer Auflösung für Rainer Kirsch versteinerte Hoffnung bedeutet:

         Wir
         Über uns, leisezusprechen
         Gradstehn gradstehn
         Und altern
         Stolz
         Steinernen Gesichts
         Nur das Herz schneller

    Regine Möbius
    im Namen des VS Vorstandes