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    Das verschenkte Weinen

    Das verschenkte Weinen

    Musikalische Lesung am 29.April 2018 in Leipzig zu Ehren von Werner Heiduczek

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di Sachsen T.T. Das verschenkte Weinen  – Nach der Lesung in der Aula der Alten Nikolaischule (v.l.n.r.): Cellistin Eilidh Martin, Komponistin und Pianistin Marion von Tilzer, Schriftsteller Werner Heiduczek, Schauspieler und Sprecher Alexander Pensel und Violinistin Vera van der Bie.

    Die Lesung war in mehrfacher Hinsicht besonders: Der in Tirol geborenen und in den Niederlanden wirkenden Komponistin und Pianistin Marion von Tilzer gelang eine einfühlsame musikalische Bereicherung der Geschichte Heiduczeks von Aristid, die, um dem Geliebten Hondez das Augenlicht wiederzugeben, ihr Weinen verschenkt und damit die Fähigkeit verliert, Gefühle empfinden zu können.

    Regine Möbius, stellvertretende Vorsitzende des VS, führte in den Abend ein:

    DAS VERSCHENKTE WEINEN

    Die Großen über 90jährigen Schriftsteller sind inzwischen rar in diesem Land. Überlingen in Baden-Württemberg hat den Martin Walser, Leipzig in Sachsen hat Werner Heiduczek. Und darüber sind wir hier froh und natürlich auch stolz.

    Das verschenkte Weinen. Eines der vielen beeindruckenden Märchen von Werner Heiduczek. Es erschien erstmals in einem Kinderbuch in den 70er Jahren und hat in den vier Jahrzehnten nicht an Aktualität verloren.

    In den letzten Tagen habe ich vermehrt über das Weinen nachgedacht, was ich sonst eher nicht tue. Ich erinnerte mich verschiedener Situationen der letzten Jahre und Jahrzehnte, in denen für mich das Weinen Schmerz bedeutete oder Wut, Erleichterung, Freude oder Glück.

    Es verschenken zu müssen, wäre wohl einem großen Verlust gleichgekommen. Lachen und Weinen sind aus unserem Leben nicht wegzudenken. Natürlich versucht man gelegentlich, Tränen wegzudrücken, wischt sich verstohlen mit dem Handrücken über die Augen oder man ist allein mit sich selbst und lässt den Tränen freien Lauf.

    Nie habe ich zu meinen Töchtern gesagt: Heult nicht. Sie durften weinen, so wie ich in ganz unterschiedlichen Situationen weinte und weine. Ob beim Anblick der Töchter im Brautkleid, ob im Herbst `89 beim Betreten der Glieniker Brücke zwei Tage nach der Maueröffnung oder beim ersten Liebeskummer.

    »Ich wünsche mir«, so Werner Heiduczek selbst, »dass die Menschen erkennen, dass das Weinen im Leben ebenso wichtig ist, wie das Lachen. Denn ohne Trauer erkennen wir nicht, was Glück bedeutet«.

    Werner Heiduczeks Biographie, seine Würdigungen, sein bewegtes Leben muss ich in Leipzig nicht vorstellen. Er ist der Schriftsteller großer Romane, denken wir an »Tod am Meer«, beeindruckender Dramatik, wunderbarer Erzählungen, kluger Essays und weiser, geheimnisvoller Märchen.  Sie hatten oft einen versteckten politischen Hintergrund, wie auch die berührende Geschichte vom »Verschenkten Weinen« Sie werden es erkennen.

    Es ist ein Geschenk an uns Leser und Hörer, dass Frau von Tilzer diesen großartigen, ewig aktuellen Stoff von Freundschaft und Liebe, von Zwängen und Verzicht vertont hat und in Kammerbesetzung einstudierte, sie dann im Buchfunkverlag einen Mitstreiter gefunden hat, der die Komposition für uns zum Nachhören auf CD aufnahm und nun in der Kulturstiftung Leipzig einen Förderer fand, der gemeinsam mit dem VS und dem Kulturwerk deutscher Schriftsteller in Sachsen e.V. mit der heutigen Aufführung einem ersten, interessierten Kreis das Kunsterlebnis ermöglicht und gleichzeitig einen Großen unter den Schriftstellern ehrt.

    Den Musikern, dem Verlag und den Förderern ein herzliches Danke für dieses Engagement um ein so bedeutsames Stück Literatur.