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    Das Wunder von Blossin

    Das Wunder von Blossin

    Berlin-Brandenburger Autorentreffen bringt neue Gemeinsamkeit

    Schon zum zweiten Mal – weniger Zurückhaltende würden bereits von Tradition sprechen – fand eine Woche vor der Leipziger Buchmesse das Frühjahrstreffen Berliner und Brandenburger Schriftsteller im VS in Blossin am Wolziger See statt.

    VS Fachgruppe Literatur Brandenburg Ines Gerstmann Das Wunder von Blossin  – Konzentriertes Publikum: zuhören und Gedanken austauschen.

    Zwischen märkischen Kiefern gab es ein eng gestricktes interessantes Programm. Neben Vorträgen und Diskussionen blieb Zeit zum Kennenlernen und Fachsimpeln. Schriftstellerei ist ein einsamer Beruf, und es kommt nicht oft vor, dass sich Gelegenheit zum entspannten Plaudern – mehr über die Welt als über Gott – beim Essen, Spazierengehen oder in einer Bar bietet.

    Das Lesen von Texten aus eigener Werkstatt am Samstagabend offenbarte eine überraschende Vielfalt der Stimmen und Reichtum von Themen und Formen.

    Sprecherziehung auf dem Plan

    Für Autorinnen und Autoren wird es zunehmend wichtiger, eigene Texte gut vortragen zu können. Aus diesem Grund standen erstmals Sprecherziehung und Körperstimmtraining auf dem Plan. Nach der Übungsstunde staunte eine Kollegin nicht schlecht, als sich ihre Migräne sang und klanglos auf und davon gemacht hatte:

    Nicht nur das war ein Wunder, das Wunder von Blossin. Es lag in der Gemeinsamkeit und Gründlichkeit, sich mit brisanten Themen auseinanderzusetzen. Das Treffen war aktuellen Anlässen gewidmet. So hatten wir die tödlichen Anschläge auf Charlie Hebdo in Paris, religiös geprägte Konflikte auch hierzulande sowie die Entwicklungen in der Türkei zum Anlass genommen, uns mit den Themen »Islam « und »Satire« zu befassen. Zum Thema »Islam« stellte Dorle Gelbhaar einen einführenden Text mit vielen historischen Fakten vor.

    Damit war eine Grundlage für den eindrucksvollen Vortrag von Rechtsanwältin, Frauen- und Menschenrechtlerin Seyran Ateş geschaffen, der hier verkürzt dargestellt wird. Sie begann mit einem Einblick in die Schwierigkeiten der zu Einwanderern gewordenen Gastarbeiterfamilien, denen sie selbst entstammt und deren patriarchale Strukturen oft mit der modernen liberalen Gesellschaft kollidieren.

    VS Fachgruppe Literatur Brandenburg Ines Gerstmann Das Wunder von Blossin  – Menschenrechte im Fokus: Astrid Vehstedt (rechts) befragt Seyran Ateş

    Ihre Tätigkeit als Anwältin hatte sie durch einen Anschlag beinahe mit dem Leben bezahlt. Sie kritisierte, dass muslimische Verbände in Deutschland zu bestimmen versuchten, was »der« Islam sei, allen voran der »Zentralrat der Muslime« als eine Art »Ein-Mann-Aktion« des Vorsitzenden.

    Die Anerkennung unseres Grundgesetzes als übergeordnete Instanz stelle für Muslime keinerlei Konfliktpotential dar. Es sei »die beste Verfassung weltweit«, so die Juristin, u.a. auch wegen des Artikel 1, der die Unantastbarkeit der Menschenwürde festhält.

    Die Scharia sei ein »lebendiges« Gesetz, das auf aktuelle Lebensverhältnisse reagiere. Sie ist aber kein »islamisches Recht«, das es so, wie wir es verstehen, nicht gäbe. Sie verwies darauf, sich mit der »Kairoer Erklärung« von 1990 zu befassen, die 47 islamische geprägte Staaten unterzeichnet haben. Diese steht teilweise im Widerspruch zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948.

    In der Türkei habe sich mittlerweile eine fatale Verbindung von Nationalismus und Islamismus entwickelt. Die Gestik Erdogans – erhobene Hand mit eingeklapptem Daumen – zeige Nähe zu den Muslimbrüdern. Andere Mitglieder seiner Regierung treten mit dem Gruß der faschistischen Grauen Wölfe auf. Eine Periode der Aufklärung in der islamischen Welt sei dringender denn je.

    Ateş selbst ist an der Gründung einer liberalen Moschee beteiligt, die, nach dem islamischen Philosophen Ibn Rush’d benannt, am 16. Juni in Berlin eingeweiht wird. Hier dürfen auch weibliche Imame predigen.

    Satire im scharfen Kontrast

    Als scharfer Kontrast stand dann am Nachmittag »Satire« auf dem Programm. Vorgestellt von Volker Surmann und Heiko Wernig wurde untersucht, was Satire im Sinne von Tucholsky darf. Nach Tucholsky: alles. Sie sei antiideologisch und antidogmatisch Da auch Satire aus der rechten Szene erwähnt wurde, hätte noch mehr der Unterschied etwa zwischen Herabwürdigung wie bei den Karikaturen im »Stürmer« und Aufklärung herausgearbeitet werden können. Hier besteht Raum zur Vertiefung, aber es ist ja gut, wenn nicht alle weltbewegenden Fragen abschließend geklärt wurden.

    Denn wir waren uns alle einig, wie schön dieses Treffen war, Wunder inklusive. Nach dem Katerfrühstück am Sonntagmorgen machten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmern beschwingt und voller Anregungen auf die Nachhausewege. Nicht wenige verabredeten sich fürs nächste Jahr zur selben Zeit am selben Ort.

    THOMAS BRUHN | ASTRID VEHSTEDT

     Aus: SPRACHROHR 3/2017