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Oben laufen sie, unten lesen sie

15. Lesemarathon des Berliner VS

deutschDEUTSCHEGESCHICHTEn
zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit

Marathon im Doppelpack: Oben auf den Straßen stellten sich an diesem sonnigen 27. September 2015 mehr als 42.000 Läuferinnen und Läufer der kräftezehrenden Herausforderung, die 42,195 km des 42. Berlin-Marathons zu bewältigen.

Unten
in der U-Bahnstation Alexanderplatz stellten sich
24 Berliner Autorinnen und Autoren im historischen Sonderzug der Geduld gebietenden Herausforderung, im halbstündlichen Wechsel über 12 Stunden Lesezeit hinweg Fahrgäste der Linie U 5 zum Innehalten und Zuhören von deutschDEUTSCHEGESCHICHTEn zu bewegen. Letzteres ein Experiment des Berliner Schriftstellerverbandes VS zum
15. Lesemarathon und 25. Jahrestag der deutschen Einheit, unterstützt von der BVG.

Was ist los mit diesem schönen alten U-Bahn-Zug? Wann startet er? Nicht wenige Passagiere auf dem Bahnsteig zur U5 lugten durch die Fenster und setzten sich drin verblüfft auf die edlen roten Ledersitze unter ovalen Glasleuchten. Hier wurde vorgelesen! Der U-Bahnwaggon von 1929 war der besondere Ort, deutsch-deutschen Geschichten zu lauschen. Die BVG hatte die Rarität, von der nur noch zwei Wagen existieren, für den Lesemarathon zur Verfügung gestellt.

Ja, er kann noch fahren, bestätigte der das Schmuckstück bewachende Werkstattmeister Thuma. Zwei Fahrer werden gebraucht, denn der Zug hat keine unabhängige Bremssicherung. Nach dem Krieg gingen 120 Wagen nach Moskau. Auf der U8 glitten sie unter den Geisterbahnhöfen des Ostens hinweg von einem Westteil der Stadt zum anderen. 1975 landete der Wagen auf dem Abstellgleis in Berlin-Friedrichsfelde. Nach 33jährigem Dornröschenschlaf wurde er aufwändig hergerichtet und ging am 21. Dezember 2008 wieder in Betrieb. Nicht im Linienverkehr. Aber zu besonderen Anlässen wie der Langen Nacht der Museen. Oder er wird vermietet. Er sei, so der Bahnfachmann, ein Stück Gesicht und Geschichte der BVG.

Dazu passte, dass es von Mittag bis Mitternacht um deutsch-deutsche Geschichte und die Sicht von Autorinnen und Autoren des Berliner VS auf diese ging. Hier, so sagte es auch Staatssekretärin für Jugend und Familie Sigrid Klebba zur Begrüßung, sei Thema deutschdeutsche Geschichte(n) gut aufgehoben, hier, an diesem Platz im Herzen der Stadt.

Wo seien die vielen Sichtweisen und Blickwinkel besser zusammenzubringen als an diesem besonderen Tag, an dem oben gelaufen und unten gelesen werde. Zu hören sei von der Sehnsucht nach Einheit und Freiheit, von dem, was befreiend war oder neue Zwänge gebracht habe. Wie die großen Herausforderungen zur Wende bewältigt wurden, müsse heute die der Integration der vielen Flüchtlinge gemeistert werden, die voll Sehnsucht nach einer friedlichen Welt nach Deutschland gekommen seien. »Dieser Prozess ist kein einfacher.«

Eigene Geschichte als unbekanntes Terrain

Berlin ist in der Lage, tausende Menschen freundlich zu empfangen – Susanne Stumpenhusen, ver.di Landesbezirksvorsitzende Berlin-Brandenburg, knüpfte an den Gedanken an. Der Marathon-Tag zeige: »Eine volle Stadt klappt.« Mit Dank an die BVG für das »wundervolle Ambiente« verwies sie auf die »gute Tradition«, die Gewerkschaft und Literatur verbinde. »Schriftsteller brauchen die Gewerkschaft, vor allem, wenn sie von ihrer Arbeit leben wollen.«

VS-Vorsitzende Astrid Vehstedt konstatierte, dass das aktuelle Flüchtlingsthema in den vorgetragenen Arbeiten noch nicht präsent sei, »aber wir müssen bewältigen, was auf uns zukommt. « Auch die eigene Geschichte sei oft noch »unbekanntes Terrain.« Es sei nicht selbstverständlich, dass jeder darüber schreibt, trotz zahlreicher Rückmeldungen für den Lesemarathon. »Zum Zusammenwachsen aber gehört der Blick in die Vergangenheit.«

Die Geschichten, die dann im Halbstundentakt von den Autorinnen und Autoren bei kuschligem Leselicht unter alten Reklameschildern vorgetragen wurden, deckten eine große Bandbreite ab: von der Auseinandersetzung mit Bismarck, einer Liebesbeziehung zu einem russischen Soldaten, über Bewegungen in Geisterbahnhöfen bis zur Gentrifizierung in Berliner Kiezen.

Im Kommen und Gehen des Alltags

Wie klappte es nun mit dem Lesen und Zuhören? Das war über die Stunden hinweg einem steten Wandel unterworfen. Mal waren die Sitzbänke gut, mal weniger gut besetzt. Mal saßen Familien mit Kinderwagen im zweiten »Chill-out« Waggon, mal zückten dort japanische Touristen das Handy und wunderten sich über den fremden Sprachfluss aus dem Lautsprecher. Wie die Spandauerin, die aus München nach Berlin zog und gern U-Bahn fährt, oder den Punk mit Flasche in der Hand, der ohne diese zum Lauschen noch mal zurückkehrte, führte die meisten der Zufall in die Lesewagen.

»Spontanität und Zufälle des Tages«, so empfand es Schriftsteller Fritz Leverenz, »und das Empfinden, fortwährend unterwegs zu sein – im U-Bahnwagen und im Text – brachte eine bislang unbekannte Ebene in die Lesung, einen V-Effekt, der die Texte in das Kommen und Gehen des Alltags projektierte.«

»Natürlich hätten wir uns noch mehr Zuhörende gewünscht«, konstatierte Astrid Vehstedt, »doch wir haben an Werbung getan, was möglich war. Vieles kann man vorab nicht planen. Bei den wechselnden Besucherzahlen gab es keine eindeutig zu- oder abnehmende Tendenz.«
Was aber vor allem zählt: Durch die zentrale Lesung am Alexanderplatz konnte der Schriftstellerverband auf sich aufmerksam machen. Am Büchertisch auf dem Bahnsteig kamen die VS-Vorsitzende und ihre Helferinnen und Helfer mit viel »Laufkundschaft« ins Gespräch. Einige fragten schon nach dem nächsten Lesemarathon und bedauerten, in Zeitnot zu sein: »Schade, dass ich nicht früher davon gewusst habe.«

Diese Reaktionen bestätigen die Intention des Berliner VS: »Wir wollten den Lesemarathon ins Bewusstsein der Stadt holen.«

Bettina Erdmann
[aus: SPRACHROHR 4/2015 des Fachbereichs Medien, Kunst und Industrie des ver.di-Landesbezirks Berlin/Brandenburg]

Die Einladung  

15. Lesemarathon Berlin am 27. September 2015 - VS (ver.di Fachgruppe Literatur) Berlin

Veranstaltet von

  • VS Berlin
  • unter Schirmherrschaft
    des Regierenden Bürgermeisters von Berlin Michael Müller,
  • in Kooperation
    mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG)

SPRACHROHR 4/15 Seite 8  

SPRACHROHR, Ausgabe 4/2015, Seite 8 | Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Berlin/Brandenburg

SPRACHROHR 4/15 Seite 9  

SPRACHROHR, Ausgabe 4/2015, Seite 9 | Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Berlin/Brandenburg

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