Nachrichten

    Von Macht und Ohnmacht

    Von Macht und Ohnmacht

    Kunst in rechtem Umfeld

    Eine Veranstaltung des VS Berlin
    am 25. Februar 2016 zu Jamel und Nazistrukturen

    Auch dieses Jahr wird es im mecklenburgischen Jamel wieder Rock gegen Rechts geben. In einer Umgebung, in der sich – wie 2012 bei der Hammerskinparty – auch die bundesdeutsche Naziszene trifft. Sonnenwendfeier, gezielte Ansiedlung der Artamanen (völkisch gesinnte Öko-Bauern) in Jamel und nahe gelegenen Dörfern, Strategien der Einschüchterung gegenüber Andersdenkenden.

    VS Fachgruppe Literatur Berlin Christian von Polentz Birgit Lohmeyer  – Veranstaltung in Berlin am 25. Februar 2016

    Darüber spricht die Schriftstellerin Birgit Lohmeyer, die VS- und ver.di-Mitglied ist und jedes Jahr zusammen mit ihrem Ehepartner, dem Musiker Horst Lohmeyer, das Open-Air-Festival „Jamel rockt den Förster“ organisiert, am 25. Februar im Berliner ver.di-Haus am Paula-Thiede-Ufer. Eingeladen hatte der VS Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller Berlin. Man will sich ein Bild machen von der Situation im mecklenburgischen Jamel, will über mögliche Perspektiven und Strategien nachdenken. So Heinrich Bleicher-Nagelsmann, ver.di Bereichsleiter Kunst und Kultur und Moderatorin Astrid Vehstedt, Vorsitzende des Berliner VS.

    „Es ist kein ostdeutsches Problem“, betont Birgit Lohmeyer. „Gerade auch in Nordrhein-Westfalen gibt es ganz breite Nazistrukturen.“ Aus Mecklenburg sei der Antrag auf Verbot der NPD gekommen. Allgemeine Entwicklungen demonstriert sie an Hand von Statistiken, kartographischem Material.

    Dann zu Jamel.

    Auf einem Jameler Grundstück Wegweiser: Wien – Ostmark, Braunau am Inn. Auf dem Firmenschild von Abrissunternehmer Sven Krüger die Zeichnung eines Arbeiters, der mit einem Presslufthammer einen Davidstern zertrümmert. Das „Thing-Haus“ auf Krügers 2010 erworbenem Grundstück in Grevesmühlen – Fortbildungen für den Ordnerdienst der NPD fänden hier statt: Ein dort aufgebauter Grill mit der Aufschrift „Happy Holocaust“. Die von Birgit Lohmeyer mitgebrachten Fotos sprechen eine deutliche Sprache.

    Die Lohmeyers sind 2004 in das leer stehende Forsthaus Jamel gezogen. In dem Zehn-Häuser-Dorf hätte es zu der Zeit nur einen Rechtsextremen gegeben. Jetzt gelte in der Nachbarschaft die NPD als „ganz normale“ Partei. Abrissunternehmer Sven Krüger, kurzfristig 2011 NPD-Abgeordneter im Kreistag Nord-West-Mecklenburg, sei rechtskräftig verurteilt wegen Hehlerei und Verstoß gegen das Waffenkontrollgesetz für den Besitz einer scharfen Maschinenpistole, hat andere mit rechtsextremer Gesinnung um sich geschart.

    Birgit Lohmeyer schildert Erlebtes: 2010 sei ein Besucher der Rockkonzerte krankenhausreif geschlagen worden. Sie und ihr Mann seien belästigt, verletzt, erpresst, ihr Briefkasten  gestohlen worden, sie hätten eine Morddrohung erhalten. Nachdem sie 2011 vom Publikum des NDR und einiger norddeutschen Zeitungen zu „Helden des Nordens“ gekürt wurden, seien im Ort Handzettel in Umlauf gewesen: „Wohnst du noch oder kassierst du schon“. „Die Faulen und die Dreisten bekommen am meisten“. Üble, die Lohmeyers karikierende Schmähschriften weist die Autorin vor.

    Am 13. August vergangenen Jahres ist ihre Scheune abgebrannt. Brandbeschleuniger wurden gefunden. Unversichert das Gebäude. Aus der Traum von der Kulturscheune mit ganzjährigem Programm. Von „Angst-Räume(n)“ sprach Wolfgang Thierse von der SPD bei einem solidarischen Besuch.

    Das Open-Air-Rock-Festival 2015 fand zwei Wochen nach dem Brand trotzdem vor 1.200 Menschen statt. Die „Toten Hosen“ traten spontan auf. Das nationale und internationale Interesse habe sich verstärkt. „Little Woodstock“ hätten viele Besucher gesagt.

    Wie Lohmeyers das aushielten, wird aus dem Publikum heraus gefragt. Und wie mit welchen Strategien zu helfen wäre? Ihr Herkunftsort Hamburg, St. Pauli mit all seinem sozialen Zündstoff sei eine harte Schule gewesen. Sie sei es gewohnt, „in Konfliktsituationen mit Menschen umzugehen“, wolle den Nazis Jamel nicht überlassen, sondern in Mecklenburg vernetzt „mit öffentlichen Kulturveranstaltungen die Abschottung durchbrechen“. So die Autorin. Als Referenten informierten Lohmeyers über Gefahren durch den Rechtsradikalismus und seine Ziele. Man arbeite mit einer Schule zusammen. Junge Menschen seien die Zielgruppe der Neonazis, die Nachwuchsprobleme hätten.

    Der Berliner Schriftsteller Hans Müncheberg bietet an, in einer Schule vor Ort, über seine Kindheit in Nazi-Deutschland zu berichten. Ein Lesemarathon in Jamel, sinniert Astrid Vehstedt.

    Peter Schrott, Vorstandsmitglied im Fachbereich 8 Berlin-Brandenburg, möchte am liebsten einen Mecklenburgischen ver.di-Literaturpreis mit Preisverleihungsort Jamel anregen.

    Dorle Gelbhaar
    aus: SPRACHROHR 1/2016

    Weitere Informationen und Spendenaufruf