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    Zwischen Seide und Stein

    Zwischen Seide und Stein

    Das Lesekonzert »Zwischen Seide und Stein« am 18. Januar 2018 in der Stadtbibliothek Magdeburg war die Auftaktveranstaltung der Lesereihe unseres Landesverbandes zum Thema »Flucht, Vertreibung, Deportation und Einwanderung in Geschichte und Gegenwart«.

    Impressionen von der Veranstaltung


    Vor dem Hintergrund, dass der 16. Januar, Tag der Zerstörung Magdeburgs im Zweiten Weltkrieg, von neofaschistischen Kräften für Gedenkmärsche durch die Innenstadt missbraucht wurde und dagegen die »Meile der Demokratie« und das »Bündnis Magdeburg gegen Rechts« antraten, hat sich der VS mit dem Lesekonzert

    »Zwischen Seide und Stein« zu Wort gemeldet. Gemeinsam mit der Stadtbibliothek hatten wir uns darauf verständigt, dass man im zeitlichen Umfeld dieses geschichtsträchtigen Datums und der in diesem Jahr durch die Teilnahme einer Partei an der Meile der Demokratie, deren Spitzenkandidaten immer wieder undemokratisch agieren sowie nationalistische und rassistische Gedanken in die Gesellschaft tragen, ein Zeichen für Humanismus setzen muss.

    Im Grußwort der ehemaligen Flüchtlingsbeauftragten des Kirchenkreises Magdeburg und Ehrenbotschafterin der Stadt Magdeburg, Gabriele Herbst, heißt es: »Was für ein Titel! Passt er zu diesem Abend nach den zurückliegenden Gedenkveranstaltungen zum 16. Januar und der kontrovers diskutierten 10. Meile der Demokratie am 20. Januar? Seide. Stein?

    Stein, ja, dieses Wort passt.
    Viele Menschen, darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche, auch ich, haben in den vergangenen Wochen Steine berührt. Wir haben Stolpersteine ... von Schnee und Schmutz und harten Tritten befreit. Ich habe die Stolpersteine der Zirkusfamilie Blumenfeld am Uniplatz mit ... Schulkindern aus der Evangelischen Grundschule zusammen säubern dürfen. Was haben diese Menschen Böses getan? Fragen die Kinder immer wieder. Sie haben nichts Böses getan. Sie waren einfach Juden ...

    28 Namen. 28 Morde. 28 Gründe zum Stolpern. 28 Gründe für Scham.

    Stein, ja. Dieses Wort passt.
    Es gab eine unvorstellbare Trümmerwüste von Steinen nach der Bombardierung Magdeburgs am 16. Januar 1945. Noch heute leben wenige Menschen unter uns, in die sich die Bilder der brennenden und zertrümmerten Stadt eingegraben haben wie ein Siegel. Noch heute zeigt unsere Stadt Narben des Krieges, der einst von Deutschen begonnen und zum Teil frenetisch bejubelt wurde.

    Stein, ja. Dieses Wort passt.
    Und 6.000 Menschen haben sich in diesem Jahr auf der 10. Meile der Demokratie ... versammelt. Ob auf der Meile oder mit den anderen friedlichen Protestaktionen haben wir engagiert Zeichen dafür gesetzt, dass wir uns mit einem braunen Schoß, aus dem Faschismus, Rassismus und Nationalismus krochen und immer wieder bedrohlich kriechen, niemals abfinden werden. Wir setzen diesem braunen Schoß, der seine Farbe mit Kreide übermalen möchte wie der Wolf im Märchen, unsere Weltoffenheit, unsere menschliche Würde und Toleranz, unsere mühsam erkämpften demokratischen Werte entgegen. Wir finden uns mit Steinen der Angstmacherei, des Populismus, der Bedrohung im Alltag und im Internet nicht ab. Wir legen uns, wie es Astrid Lindgren einst tat, einen Stein ins Bücherregal und sagen: nie wieder Gewalt.

    Zwischen Seide und Stein.

    Aber was machen wir mit dem schillernden Wörtchen Seide?
    Es ist ein Ermutigungswort, ein Hoffnungswort. Es fasst sich an wie etwas Leichtes, Zauberhaftes, Fröhliches – dass unser Widerstand unbedingt braucht.

    Wir haben an unserem Kunst- und Lesestand ... auch Seidentücher verkauft. Tücher, auf denen das Logo stand: demokratisch beTUCHt. Diese Tücher sind von Frauen ... aus dem Iran, Afghanistan, Kasachstan, dem Irak, aus Deutschland, aus Frankreich und Mali ... hergestellt wurden. Die mit der Aufschrift versehenen Tücher stellten denen, die sich solch ein Tuch kauften die Frage: BIST DU SELBST DEMOKRATISCH BETUCHT?... Sind die Menschen aus anderen Ländern, mit denen Du seit einigen Jahren in Magdeburg lebst, vor allem eine Bedrohung oder eine Bereicherung – oder beides oder nichts für Dich. Erkennst Du Dein eigenes Menschengesicht in ihrem Gesicht, Deine eigene Angst in ihrer Angst, Deine eigene Sehnsucht nach Heimat in ihrer Sehnsucht nach Heimat?

    Ich stamme aus einer Flüchtlingsfamilie, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Oberlausitz mit neun Personen mit fast nichts an Besitz anfangen musste. Ich würde nach dem Krieg geboren. Meine Mutter hätte uns neuen Familienmitglieder nicht ernähren können, wenn nichtgroßherzige Nachbarn Brot gebracht hätten, Eier und Kinderkleidung. Mit dieser Liebe von Fremden bin ich groß geworden. Sie war stärker als die Abneigung vieler Dörfler gegen die Fremden, die uns nie in ihr Herz ließen...«

    Über sechzig Magdeburger und Mitbürger aus Syrien, dem Iran und Afghanistan waren zu unserem Lesekonzert gekommen. Der syrische Lautenspieler Issa Fayad, der seit fünf Jahren in Magdeburg lebt, begeisterte das Publikum mit Liedern aus seiner Heimat.
    Im ersten Block thematisierte Wahid Nader das Leben in Magdeburg, als es vor dreißig Jahren für ihn die Fremde war und seine Sehnsucht nach Tartous, die nie aufgehört hat. Die Hallenser Autorin Christina Seidel las die Geschichte »Wie aus dem Nest gefallen«, in der es um Maryam geht, die mit ihrer Tochter aus dem Iran fliehen musste und in Halle nach ihrem Mann sucht, der dort bereits einen Asylantrag gestellt hatte. Christina Seidel schilderte, wie es ist, alles zurücklassen zu müssen und das die Angekommenen wohl unsere Unterstützung, aber keine Betulichkeit brauchen.
    Zum Abschluss sprach Wahid Nader in seinen Gedichten die Sehnsucht nach Frieden und nach seiner Mutter aus, die er durch den Krieg nicht mehr besuchen konnte.
    Issa Fayads Lieder regten seine Landsleute zum Mitsingen an. Es entstand eine Atmosphäre, in der sich jeder aufgenommen fühlte und die noch lange nachwirkte, auch in den Gesprächen, die sich zwischen Autoren und Besuchern ergaben.

    Renate Sattler

    Gedichte von Wahid Nader


    Die Fremde

    Jahre lang
    war die Fremde
    mein unlesbares Buch.

    Zähe Tage und
    unverdauliche Nächte.
    Luft und Wasser
    wollten zu meinem Tee
    nicht passen.

    Die Minze wurzelt
    nicht in meiner Erde.

    Bald ist die Fremde
    mein unleserlicher
    Morgen.


    Mein Dorf

    Mein Dorf mit den Brombeersträuchern
    beobachtet über dem Felsen das Meer
    bei Tartaus.
    Seine Mädchen
    sind wie Früchte des Maulbeerbaumes,
    malen die Felder bunt mit ihren Kleidern.
    Seine Jungen
    sind wie in den Bergen die Wege.
    Mein Dorf aus Gipfeln
    unter Weihrauchwolken,
    Nächte aus einer Sternenhochzeit,
    Tage erfüllt vom duftenden Fladenbrot,
    wildem Thymian in Olivenöl
    und Abende bei einem Glas
    Löwenmilch.


    Sonne anhalten
                   Für meine Mutter

    Im Traum sagt mir die Mutter:
    Ich hab deine Haut
    aus Sonne gebacken.
    Warum hüllst du dich
    in Nebel?

    Johannesbrot sind deine Augen.
    Mittagshitze ist dein Blut.
    Warum tropfst du Frost
    und lächelst
    wie ein Schneeengel?

    Deine Berührung
    ist Henna für meine Hände
    und dein Anblick
    Kajal für meine Augen.
    Komm, bevor es um mich dunkel wird.
    Ich halte dir
    die Sonne an.

    Der Bericht ...

    ... über die Veranstaltung am 18. Januar 2018 in Magdeburg kann als pdf-Datei hier geladen werden.

    Die Einladung zur Veranstaltung
    kann hier nachgelesen werden.