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    »100 Tage im Amt« für den VS

    »100 Tage im Amt« für den VS

    Ein Interview mit Valentin Döring

    Valentin Döring ist seit Beginn des Jahres 2018 der neue Bereichsleiter Kunst und Kultur. Er ist damit auch der Fachgruppenleiter Literatur (VS und Bundessparte Übersetzer). Gabriele Loges, Beirätin im Bundesvorstand des VS, stellte ihm Fragen zu seiner »Berufung« und was es für ihn bedeutet, diesen Posten als Geschäftsführer für den Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di zu verantworten.

    Erst einmal die wichtigste Frage für Schreibende: Bist Du ein Leser?
    Klar, ich liebe Bücher!  Meine Mutter hat mir viel vorgelesen. Mein Vater ist gelernter Buchhändler und liest jede Woche mehrere Bücher. Das schaffe ich leider selber nicht. Auch meine Großeltern hatten immer ein Buch zur Hand. Vorgelesen bekommen war das Tollste. Schon sehr früh ist mir dabei dann aufgefallen, wenn mal ein Wort weggelassen oder verändert wurde. Das hat den Willen, selber Lesen zu können, sehr früh herausgebildet.

    Erinnerst Du Dich an ein besonderes Leseerlebnis?
    Das Lesen lernen war harte Arbeit für mich. Die Comic-Klassiker, Tim und Struppi, Lucky Luke und Asterix waren vor der Schule mein erstes Arbeitsmaterial. Die ersten selbst gelesenen Bücher, die sich für immer in meinen Kopf gebrannt haben, sind die Winnetou-Bände. Die habe ich mit sieben oder acht Jahren verschlungen. Der Tod meines Indianerhelden hat mich schwer erschüttert. Es gibt viele Bücher, die ich gerne gelesen habe. Einige wenige haben mich absolut in ihren Bann gezogen. In meiner Kindheit war der ultimative Maßstab, wenn ich lieber noch ein Kapitel gelesen habe, als zum Essen zu kommen, dann war das Buch ein ganz besonders.

    Im Nachhinein bin ich meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass das Fernsehen sehr stark eingeschränkt wurde: Eine Stunde die Woche und die Sendung mit der Maus. Jetzt, wo wir gerade Eltern geworden sind, überlegen wir, ob wir den Fernseher nicht aus der Wohnung werfen.

    Ich lese sehr viel, dabei inzwischen aber vor allem beruflich und damit fachlich. Lesen als Genuss kommt aktuell zu kurz. Manchmal kaufe ich mir in einer Bahnhofsbuchhandlung ein Buch für den Rückweg von einem Termin. In mein Urlaubsgepäck packe ich aber immer ein paar Kilo gedruckte Bücher.

    Bei der Sitzung mit den Landesvorsitzenden in Wolfenbüttel hast Du erzählt,
    was es mit Deinem Vornamen und dem Komiker und Autor Karl Valentin auf sich hat.

    Ich bin Im Juni 1981 geboren. In dem Jahr wurde beim schrägen Vogel Karl Valentin gefeiert, dass er 99 Jahre alt geworden wäre. Als Karl Valentin (Magnus) der Große gehe ich seitdem durchs Leben. Das Karl-Valentin-Zitat »Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem« kann in Sitzungen durchaus hilfreich sein. Zutreffend ist »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit«. Am Gelungensten finde ich von ihm aber: »Früher war alles besser, sogar die Zukunft.« Praktisch ist: Mit meinem Namen habe ich sogar schon Wetten gewonnen.

    Wäre Komiker oder Schriftsteller auch ein Berufsziel gewesen?
    Es gab Zeiten, da war ich ein passabler Witzeerzähler. Wenn dann aber wohl eher Clown als Komiker. Und Schreiben: Ich gehe davon aus, dass ich keine große Leserinnen-/ Leserschaft hätte. Meine Tendenz zu Schachtelsätzen ist zu groß und meine Fantasie nicht ausreichend.

    Wo hast Du studiert und wie bist Du dann zu ver.di gekommen?
    Eigentlich wollte ich immer Journalist werden. Vielleicht wegen Tim, wobei der wegen seiner ganzen Abenteuer mit Struppi irgendwie nie zum Arbeiten gekommen ist. Der Rat hierzu war jedoch erst mal, ein Studium abzuschließen, um inhaltlich darauf aufbauen zu können. Und dann bin ich bei der Juristerei hängen geblieben. Da gab es ein Gespräch mit einem Professor. Ich beschwerte mich, weil ich das spezielle Rechtsgebiet nicht so interessant fand. Er entgegnete: Sie finden Gerechtigkeit nicht interessant? Mit dieser Frage hat er mich – mit meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und meiner Abneigung gegen stupides Lernen – mit dem Studium versöhnt.

    Nach einer kurzen Zeit als Rechtsanwalt habe ich mich umgesehen und es gab eine Bewerbung, die konnte ich in kürzester Zeit runterschreiben. Der Job bei ver.di und ich, wir passen ganz gut zusammen. Schon als Ehrenamtlicher während des Studiums und als Stipendiat der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung habe ich mich immer gefreut, dabei Menschen zu treffen, die die Überzeugung haben, dass man was ändern kann. Als Teil eines Kollektivs an Veränderungen arbeiten, das macht mir großen Spaß!

    Was sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller für Dich?
    Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind faszinierende Menschen. Sie können einen fesseln, entführen und Emotionen wecken. Ich habe viel erfahren und viel gelernt beim Lesen. Die Geduld, den Fleiß und die Disziplin, die es benötigt, um ein Buch zu schreiben, das bewundere ich aufrichtig. Einen Gedanken, eine Idee, eine Geschichte zu einem Ende zu bringen, das ist toll. Das ist aber auch manchmal traurig. Es gibt Bücher, bei denen lese ich die letzten Seiten erst mal nicht, weil es schade ist, wenn es dann zu Ende ist.

    Wobei man ja gerade bei diesen Büchern etwas mitnimmt, Emotionen aber auch die eine oder andere Weisheit. Texte, aber auch Kunst, Musik, Tanz und Theater waren und sind sehr wichtig in meinem Leben. Gerade gehe ich einige besondere Momente in meiner Erinnerung durch, welche das sind, das behalte ich aber für mich.

    Welche Stärken siehst Du in der Verbindung VS-ver.di?
    Das ist eine spannende Frage. Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Übersetzerinnen und Übersetzer, bildende Künstlerinnen und Künstler, aber auch Kreative im Bereich darstellende Kunst, sind wohl eher Individualisten, zumindest bei der Ausübung ihrer Passion.

    Es gibt aber nur ganz wenige, die im Stande sind, alleine wirklich etwas zu ändern. Zumindest auf Dauer braucht jede und jeder Unterstützung. Um die Bedingungen zu beeinflussen, bedarf es eines gewissen Zusammenhalts. Schon in der Schule habe ich versucht, die ganze Klasse zur Demo zu bewegen, damit der Direktor nicht die Einzelnen bestrafen konnte.

    Als Autorin oder Autor kann man sich sicherlich fragen, was habe ich davon mit dem VS in der großen Gewerkschaft ver.di zu sein. Ich frage dann gerne zurück: Findest Du, dass es in unserer Gesellschaft starker Gewerkschaften bedarf? Wir alle wissen, was die Verbände und Gewerkschaften errungen haben und wie wichtig sie sind. Damit sie das bleiben, muss man sie unterstützen.

    Den inzwischen digitalisierten Turbo-Kapitalismus in den Griff zu bekommen, das geht nur gesamtgesellschaftlich. Die Bürger, egal ob »Arbeiter« oder »Künstler«, wir alle wollen, dass der demokratisch legitimierte Staat in der Lage ist, unsere gemeinsamen Regeln auch durchzusetzen. Hierzu braucht es die geistige Auseinandersetzung ebenso wie die Mittel Arbeitskampf und Vergütungsklage.

    Wie stellst Du Dir konkret eine gute Zusammenarbeit vor?
    Der VS lebt und ist eine tolle Truppe interessierter und engagierter Menschen. Bisher hatte ich ausnahmslos gute Gespräche und ich lerne jeden Tag was dazu. Nach dem Grundsatz »tu Gutes und sprich darüber«, bemühe ich mich aktuell vor allem darum, die interne und externe Kommunikation zu verbessern. Vieles von dem, was die VS-Mitglieder auf der Landes- aber auch der Bundeseben tun, kommt inhaltlich nicht an. Da werden wir hoffentlich Schritt für Schritt vorgehen und noch besser werden. Insgesamt bin ich der Meinung, dass es Sinn macht, die Stärken der Einzelnen für das Kollektiv nutzbar zu machen. Und Stärken haben die VS-Mitglieder jede Menge.

    Richtig stolz bin ich jetzt schon darauf, dass wir als VS so klar gegen jede rechte Tendenz eintreten. Als nächsten Schritt könnten wir uns, bezogen auf diese Ausrichtung, vornehmen, uns darüber zu verständigen, dass man sich über das Wie nicht unbedingt bis ins Detail einig sein muss, wenn das Ob so klar gelagert ist wie bei uns. Die Richtung stimmt aus meiner Sicht!

    Valentin Döring

    VS Fachgruppe Literatur der ver.di
    Foto/Grafik: Gabriele Loges

    Das Gespräch mit Valentin Döring kann als pdf-Datei hier geladen werden.