Nachrichten

    Demonstratives Zeichen gegen Rechts

    Demonstratives Zeichen gegen Rechts

    Lesung von VS-Mitgliedern in der Buchhandlung LEPORELLO

    Es wurde ein langer Abend. Und es wurde ein richtig guter Abend. Nur wenige Tage nach dem 1. Mai, dem Feiertag, an dem Gewerkschaften und verschiedenste Initiativen nicht nur zu Demonstrationen für eine gerechtere Arbeitswelt, sondern auch gegen rechte Umtriebe aufrufen, stieg in Neukölln eine weitere Aktion gegen Rechts. Bei einer Solidaritätsveranstaltung setzten zehn Autorinnen und Autoren ein Zeichen; sie lasen Auszüge aus teils publizierten, teils unveröffentlichten Werken.

    Die Initiative ergriffen hatte Michael-André Werner, Vorstandsmitglied im Berliner Landesverband des VS. Der Anlass: Immer wieder sind Schriftstellerinnen, die sich gegen Neonazis und deren Gedankengut positionieren, rechten Attacken ausgesetzt. So brannte etwa im Februar das Auto der VS-Autorin Claudia von Gélieu; die Polizei geht von einer politisch motivierten Tat aus. Von Gélieu ist Mitglied der »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten«. Solchen Übergriffen wollte Werner etwas entgegensetzen.

    Auf der Suche nach einem Ort für die Solidaritätslesung klopfte er bei Heinz Ostermann, Inhaber der Rudower Buchhandlung LEPORELLO, an. Ostermann, entschiedener Gegner jeglicher brauner Gesinnung, erlitt selbst schon neonazistische Gewalt: Ein Stein ließ die Schaufensterscheibe seines Buchladens zu Bruch gehen, sein Auto ging in Flammen auf. »Ich habe den Vorschlag dankbar aufgriffen«, sagte Ostermann, der inzwischen Maßnahmen für den Schutz seiner Buchhandlung ergriffen hat.

    STIMMEN gegen RECHTS – Projekt des VS 2013 | ver.di-Fachgruppe Literatur Hans Scheib | Montage TypoCom Medienbüro Stimmen gegen Rechts

    So konnte Werners Idee Gestalt annehmen. Als er unter den 400 Schriftstellerkolleginnen und -kollegen des Landesverbands zur Mitwirkung aufrief, war die Resonanz groß. Schnell fanden sich zehn Autorinnen und Autoren, die an diesem Abend einer rechten Unterwanderung der Gesellschaft ein klares »Nein« entgegenschleudern wollten. Die Texte der unterschiedlichsten Genres wenden sich gegen rechte Gewalt, gegen Rassismus und Engstirnigkeit – mal in drastischen Worten, mal auf vergnügliche Weise, immer jedoch aufrichtig engagiert.

    Kabarettist Bov Bjerg las aus »Die Modernisierung meiner Mutter I«. Organisator Michael-André Werner erfreute bereits 2013 mit »Niemand hat die Absicht einen Tannenbaum zu errichten«. An diesem Abend führte er in einem Essay vor, wie unschuldige und rechtschaffene Menschen zu Politikern gemacht werden: Sie werden gekidnappt und in einem Bootcamp gedrillt. Außerdem lasen Nina Bußmann, Michael Wildenhain, Michaela Ude, Jutta Blume, Ulrich Karger, Doris Wirth, Waltraud Schade und Ilke S. Prick.

    Mit der Resonanz können Michael-André Werner und Heinz Ostermann mehr als zufrieden sein: Die Buchhandlung platzte aus allen Nähten. Eine Wiederholung dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

    UCB

    ----------
    aus SPRACHROHR 3/2017

    Buchhandlung LEPORELLO