Schreibwettbewerb

    Arbeiten weiterer Preisträger

    STIMMEN gegen RECHTS

    Arbeiten weiterer Preisträger

    • Michael Elias Graul: Kunstlederkoffer

      Kunstlederkoffer, weinrot, Reißverschluss defekt, Namensschild fehlt:

      • 1 Strickjacke, grün, stark abgetragen
      • 3 Blusen, weiß, rosa, grün, teilweise fleckig
      • 5 Röcke, blau, grün, schwarz, grau, schwarz, verschmutzt
      • 7 Strumpfhosen, mehrfach gestopft
      • 1 Strumpfhose, original verpackt
      • 2 Paar Wollstrümpfe, getragen
      • 1 Tagebuch, altrosa, samtbezogen, stark abgegriffen
      • 2 Paar Balletschuhe, weiß, purpurrot, unbenutzt
      • 4 Paar Balletschuhe, weiß, weiß, rosa, blau, löchrig
      • 1 rechter Hausschuh, Kamelhaar, Sohle ausgetreten
      • 1 rechter Straßenschuh, grünes Leder, Absatz fehlt
      • 1 rechter Straßenschuh, ockerfarbenes Leder mit Einlage, gut erhalten
      • 1 goldfarbener Ehering mit Gravur »A M 12.1.44«, Politur stumpf
      • 1 silberne Kette mit goldfarbenem Ehering mit Gravur »F M 12.1.44«, verbogen
      • 1 goldfarbener Anhänger, grüner Stein, keine Abnutzungsspuren
      • 53 Postkarten der Stadt Prag in Seidenpapier gehüllt, allesamt unbeschrieben
      • 1 Reichskunstmedaille der Stadt Dresden, Verpackung fehlt, sehr gut erhalten
      • 1 Medaille Held der Arbeit, Kunststoffetui, sehr gut erhalten
      • 1 Ehrenmedaille der Stadt Leningrad, Holzkästchen mit Intarsien, sehr gut erhalten
      • 1 Buch: Das Kapital, mit Textunterstreichungen, diverse Randnotizen, Beschlagnahmevermerk, stark abgenutzt
      • 1 Buch: Theorie des Ausdruckstanzes, Beschlagnahmevermerk, stark abgenutzt
      • 12 Eintrittskarten, 32 Ballettkarten, 28 Opernkarten und 1 unbenutzte Kinokarte
      • 1 hellbraunes Briefkuvert, DIN A5, darin:
      • 1 Hochzeitsfotografie mit der Signatur 12.01.44
      • 1 Kleinkindfoto, Rückseite Bleistiftvermerk »Ein lieber Gruß von der Landesheilanstalt Stadtroda«
      • 1 ganzseitiger Zeitungsartikel, 1951, Uraufführung im Mariinskitheater, Leningrad, vergilbt
      • 1 Aufführungsplakat, 1952 »Das Frühlingsopfer« von Igor Strawinsky, Komische Oper, Ecken abgerissen
      • 1 Stifteetui, braunes Kunstleder mit diversen Inhalt, abgenutzt
      • 1 Damenbrille, Hornimitat, Bügel geklebt
      • 1 Herrenbrille, goldfarben, gut erhalten
      • 1 Brief an das Büro des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, handgeschrieben, 1973, gut erhalten
      • 1 Antwortschreiben, schreibmaschinengeschrieben, 1973, zerknittert
      • 1 Brief an das Büro des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages, handgeschrieben, 1991, gut erhalten
      • 1 Antwortschreiben, maschinegeschrieben, 1991, zerrissen, mehrfach geklebt
      • 1 Brief an das Büro der Entschädigungsstelle für die Opfer der NS Regimes, handgeschrieben 1992, gut erhalten
      • 1 Klarsichthülle mit einem Entlassungsformular der Haftanstalt Ravensbrück, 1942, Knitterstellen
      • 1 Klarsichtfolie mit einem Entlassungsformular der Haftanstalt Hohenschönhausen, 1953, sehr schlecht erhalten, viele Klebestellen
      • 1 vierseitiges Urteil über die Aufhebung eines Entmündigungsverfahrens von 1943, Siegel der sowjetischen Militärverwaltung und Unterschrift 1945, Stempel des Bezirksgerichtes Dresden mit Unterschrift, 1946, handschriftlicher Rücknahmevermerk, Bezirksgericht Berlin, 1953, gut erhalten
      • 1 Kommentierung des Grundgesetztes der BRD, zwischen den Buchseiten DM 900,- in druckfrischen Scheinen
      • DM 29,73 Münzgeld in einer Nivea-Dose
      • 1 Pass, Deutsches Reich, Visaeinträge, Polen, Sowjetunion, Iran, Türkei, Frankreich, Algerien, Beschlagnahmevermerk 1942, Ecken abgeschnitten
      • 1 Personalausweis der DDR mit dem Aufdruck »ungültig«, 1953, gut erhalten
      • 7 vorläufige Personalausweise der DDR für einen »Eingezogenen Personalausweis« mit verschiedenen Aufenthaltsbeschränkungen, Schlüsselabgabevermerk, allesamt abgegriffen
      • 1 Personalausweis der BRD, 1992, ohne Visavermerk, unbenutzt
      • 1 Schwerbehindertenausweis des Amtes für Familie und Soziales der Stadt Dresden, 1995, mit dem Vermerk »unbefristet«, sehr gut erhalten
      • 1 Mitgliedsausweis der KPD, Beschlagnahmevermerk 1933, Seiten fehlen, schlecht erhalten
      • 1 Mitgliedsausweis der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, mit Auflösungsanordnung, 1953, Stempel der Polizei Stadt Dresden, mehrfach geklebt
      • 1 Schachtel Veronal, Inhalt vollständig, Verpackung sehr stark abgegriffen
    • Luis Hampel: (ohne Titel)

      Auf einmal fangen sie an, mich zu schlagen. Nur, weil ich schwarz bin. Ich habe ihnen gerade den Weg zum Busbahnhof erklärt, dann schlagen sie schon auf mich ein. Der vorbeilaufende Mann sieht nur einen Sekundenbruchteil lang her, bevor er achselzuckend weitergeht. Die Frau an der Bushaltestelle sieht empört aus, doch sie tut nichts. Ich weiß nicht, warum diese Menschen mir nicht helfen wollen, nur, dass ich sie niemals vergessen werde, das ist sicher.

      Wochen später:

      Die vier jungen Männer, die mich verprügelt haben, sitzen mir jetzt endlich gegenüber. Sie schauen mir nichts ins Gesicht, als das Urteil verkündet wird.

    • Jörg Isermeyer: Die Geschichte von den braunen Buben

      Eine Groteske

      (Auszug aus: Struwwelpeter reloaded)

      Zwei junge Neo-Nazis treten auf, kurz daraufein dritter hinzu. Im Verlauf der Szene tauchen noch ein Schwarzer und ein älterer Mann auf.

      Wilhelm:
      Hey Karl, na, alles Klar?

      Karl:
      Logo, Wilhelm, wunderbar.
      Wo bleibt denn Ludwig, dieser Depp
      mit unserm Kasten Bier im Schlepp?

      Ludwig:
      (kommt mit drei Kästen Bier an)
      Wer redet denn von einem Kasten?
      Woll'n wir feiern oder fasten?
      Packt mit an, ihr lahmen Hänger,
      und dann man Prost: auf uns – auf die Hartz-IV-Empfänger.

      Die Drei:
      (lachen. Dann nimmt sich jeder einen Kasten, eine Flasche nach der anderen wegsaufend)
      Die Flasche zischt –
      ein Bier ist nüscht.
      Die Flasche schäumt –
      das nächste Bier ist weggeräumt.
      Die Flasche spritzt –
      wer schwitzt,
      der soll auch duschen.
      (sie schütteln je eine Flasche und spritzen sich gegenseitig mit Bierschaum voll)

      Karl:
      He, hört mal auf, ihr Luschen!
      Seht mal, wer da geht.
      (ein Schwarzer tritt auf)

      Ludwig + Wilhelm:
      'n Neger – wie er im Buche steht!
      (die drei umringen ihn, lauthals eine Affenhorde imitierend)

      Der Schwarze:
      Habt ihr irgendein Problem?

      Karl:
      Hey, ich kann das Tier verstehen.

      Ludwig:
      Oh, mich tut da was jucken.
      Sollen wir mal gucken,
      ob der Affe Flöhe hat?

      Wilhelm:
      Ne, ich bin schon satt! (rülpst)

      Der Schwarze:
      Hätt' ich Flöhe, würd' ich sie
      euch bestimmt nicht geben.

      Die Drei:
      Wie?

      Karl:
      Sagt mal, redet der mit uns, eh?

      Ludwig:
      So versteh ich das Gegrunze.

      Karl:
      Hat man dir nicht beigebracht,
      dass, wenn man was zu Deutschen sagt,
      man mit »Guten Tag« anfängt
      und dabei den Schädel senkt?

      Der Schwarze:
      Freundlich bin ich nur zu denen,
      die sich selber gut benehmen.

      Karl:
      Leute, das gefällt mir nicht.
      Der Affe braucht wohl Unterricht.
      (sie schlagen ihn zusammen)

      Die Drei:
      Höflich Oberkörper runter,
      schön verbeugen und dann munter
      weiter runter auf die Knie
      und, was soll die Prüderie,
      auch die Eier eingezogen
      Liegt der Affe dann am Boden,
      muss er noch die Füße küssen.
      Danach muss er nichts mehr müssen,
      nein, dann darf er liegen bleiben
      mit zertret'nen Eingeweiden.
      (sie betrachten ihr Werk)

      Karl:
      Ha, das müssen wir begießen:
      Männer! Hosenschlitz aufschließen!
      (sie pissen auf den am Boden liegenden)

      Ludwig:
      Gebt dem Affen Zucker!

      Wilhelm:
      Ein Freigetränk für Pisse-Schlucker!

      Stimme:
      (im off)
      Hallo! Hat hier wer geschrien?

      Ludwig:
      Du, wir sollten uns verzieh'n.
      Ich steh eh schon fast
      mit einem Bein im Knast.

      Karl:
      Also Rückzug.

      Wilhelm:
      Der hat eh genug.

      Ludwig:
      Nichts wie weg.

      Karl.
      Hier. Friss zum Abschied Dreck.
      (sie treten den am Boden liegenden zum Abschied noch einmal kräftig ins Gesicht. dann schnappen sie sich ihre Bierkästen. Ab)

      Ein älterer Mann:
      (auf) Hallo! Meine Güte, was ist das?
      So ein Anblick ist kein Spaß.
      Ist der krank?
      Oder tot?
      Nein, er atmet, Gott sei Dank!
      Erste Hilfe ist das Gebot
      der Stunde!
      Nein! Halt! Sekunde
      ... lieber nicht.
      Nachher hat der AIDS und ich
      habe keine Handschuh bei.
      Nein, soll sich Polizei
      und Ambulanz mit dem abgeben.
      Die paar Minuten wird er überleben. (schnüffelt)
      Iiih! Wie der stinkt! Die reinste Gülle! (schnüffelt genauer)
      Bier und Pisse – der war knülle!
      Wusst' ich's doch: der schwarze Mann
      kann
      nichts vertragen.
      Was soll man sagen:
      das ist nicht deren Kultur.
      Aber die wollen ja
      immer alles. Bah!
      Säuft sich voll und schifft sich ein,
      findet dann den Weg nicht heim,
      stolpert und fällt auf die Fresse –
      ja, und ich? Ha, ich vergesse
      fast die Sorge um mein Wohl!
      Du, dir geb' ich Alkohol.
      (er pisst auf den am Boden liegenden)
      Unsre Gastfreundschaft ausnutzen,
      unser Straßenbild verschmutzen,
      Deutschland – soweit ist es mit dir schon,
      dass die Sitten so verroh'n,
      dass man sich als alter Mann
      kaum noch aus dem Haus trau'n kann.
      (ab)

    • Anna-Katharina Kürschner: Im Recht

      Ich könnte mich über Katrin aufregen. Weil Katrin gesagt hat, dass Nazis scheiße sind. Und irgendwie verstehe ich Katrin ja auch. Weil Katrin halb Russin ist. Und von Alex weiß ich, dass Russen was gegen Nazis haben. Also warum sollte Katrin Nazis dann nicht scheiße finden? Wo die doch auch was gegen sie haben. Aber ich bin schließlich keine Russin. Ich bin eine Deutsche. Wie mein Onkel immer sagt. Und wie er das sagt, muss es was Gutes sein. Und warum sollte ich Nazis dann scheiße finden?

      »Naja«, sagt Alex, »Nazis heute, das sind die, die nichts aus der Geschichte gelernt haben.« Na und? Ich meine – ich lerne ja auch nie für Geschichte. Und dann hält Alex so 'nen ewigen Vortrag über Nazis und Geschichte und Hitler und so. Und »ob ich den gar nichts von Geschichte kapiert hätte?« So ein Streber. Ich weiß nur, dass Hitler die Autobahn gebaut hat, jedenfalls hat das mein Onkel gesagt.

      Ich hab doch nur gefragt, was an den Nazis denn so schlimm sein soll.

      Und wenn selbst Alex sagt, dass die sich für Deutschland eingesetzt haben... Also warum sollte ich jemanden blöd finden, der für mich ist? Und gegen Katrin. Und die ist sowieso eine arrogante Zicke.

      Außerdem muss die doch nicht gleich so ausrasten. Das sind doch auch alles nur Menschen. Und Nazi... das klingt ja immer gleich so böse. Dann wäre meine Cousine ja auch böse und das stimmt nun wirklich nicht. Die ist total cool. Sie sagt immer: Sie ist rechts. Und der Name leuchtet doch ein? Die haben eben Recht, die Rechten. Das sagt meine Cousine. Und mein Onkel sagt das auch.

      Ich höre ihm öfter zu. Ich mag es, wie er sich beschwert. Der redet nicht so spießig um den Brei herum wie alle andern. Da versteht man gleich, was er meint. Auch wenn er ein bisschen nuschelt, wenn auf das erste Bier das zweite und dritte folgt. Manchmal wird er auch laut und schreit herum. Dann ist es schwer, ihn zu verstehen.

      Aber dass er wirklich ausgerastet ist, ist bisher nur ein Mal passiert.

      Da ist dann so eine komische Tante mit rot gefärbten, gewellten Haaren und einem minz-grünen Oberteil gekommen und hat sich aufgeregt. Irgendwas mit Polizei. Dabei sind ihre Haare so hektisch auf und ab gewippt. Aber als dann die Freunde von meiner Cousine aufgetaucht sind und zu der komischen Tante gegangen sind, da hat sie plötzlich aufgehört rumzumeckern. Und ist abgehauen. Das war echt lustig, wie schnell die plötzlich rennen konnte mit ihren hässlichen Bio-Latschen. Und an dem Tag habe ich auch zum ersten Mal Siggi gesehen. Der war der Anführer der Jungs mit denen meine Cousine immer rumhängt. Und der ist echt cool drauf. Und gut aussehen tut er auch noch. Ich finde, dass er irgendwie männlich wirkt und stark – mit seinen Muskeln und der Glatze.

      Nicht so wie Alex mit seinem Pferdeschwanz. Die Lehrer denken immer, er sei ein Mädchen. Das ist Siggi bestimmt noch nie passiert. Und lustig ist er auch, wie er mit seinen Kumpels diese Tante verarscht hat. Seit diesem Tag bewundere ich Siggi. Vielleicht bin ich auch ein bisschen verknallt in ihn.

      Und vielleicht mag er mich auch. Jedenfalls hat er nach mir gefragt, nach dem Tag mit der minz-grünen Tante. Das hat mir meine Cousine erzählt.

      Alex hat erzählt, da ist ein Konzert in der Jugendhalle. Mit richtig guten Bands, wie er sagt. Und dass ich unbedingt auch kommen soll. Vielleicht kommt Siggi ja mit, wenn ich ihn einlade. Alex hat gesagt, es würde bestimmt »recht interessant« werden. Mal sehn, ob er Recht hat...

    • Nicolaus Nissen: Ein Schauspiel

      »Dann erzählen Sie mal, was sich aus Ihrer Sicht zugetragen hat.«
      Ulrich Jensen saß dem etwa fünfzigjährigen Polizeihauptmeister Ernst Kleinschmidt an dessen Schreibtisch gegenüber und fuhr sich mit der Zunge über die erneut trockenen Lippen.
      »Ich... bin in die Innenstadt gegangen. Nur so. Ich hatte nichts vor. Ich ging so rum und dann sah ich Leute da stehen. Vor der Gasse... zur Lilienallee. Ich konnte nicht sehen, was los war. Als ich näherkam, es war so... ich weiß gar nicht... still irgendwie.
      Dann stand ich auch da. Ich hatte sofort irrsinniges Herzklopfen. Richtig den Hals rauf. Und ich hatte eine Gänsehaut Überall.«
      »Und weiter«, forderte Kleinschmidt mit sanftem Ton auf, als sein Gegenüber in Schweigen fiel.
      Ulrich sah auf, wich dem Blick des Polizisten aber sofort wieder aus.
      »Da waren drei Glatzen in Bomberjacken, Marmorjeans und Springerstiefel. Sie standen im Kreis um einen türkischen oder griechischen Jungen, ich weiß nicht... Die drei stießen ihn immer zwischen sich hin und her. So dass dieser taumelte, aber nicht fallen konnte. Der Junge versuchte, sich an einem festzuhalten, aber er griff immer vorbei.
      Eine Glatze rief: "Scheiß-Türke!" Die anderen wiederholten das. Dann: "Türken sind Scheiße!" und auch das riefen die Anderen genauso. Und "Macht den Kanaken fertig", "Der hat noch lange nicht genug", und "Die Schweine müssen lernen, wer hier der Herr ist..."
      Dann stolperte der Junge und fiel zwischen den Stiefeln zu Boden. Eine Glatze drehte sich zu uns rum' und rief: "Schaut mal, er hat keine Lust mehr. Er will 'ne Pause machen. Aber wir wollen keine Pause machen, Freundchen – los Jungs!«
      Da zogen ihn die beiden anderen Glatzen auf die Beine. Und dann fing der Erste an, ihm mit Fäusten in das Gesicht zu schlagen. Beide Hände mit Schlagring. Das war deutlich zu sehen. Das dauerte eine ganze Weile. Immer wieder hat der zugeschlagen. Der Kopf des Jungen ruckte nur noch so hin und her. Als wäre der nichtı mehr richtig fest.
      Dann ließen sie ihn mit Mal los. Er fiel auf den Boden. Einfach runter. Sein Kopf schlug auf das Pflaster. Trotzdem fing er gleich an, wieder hochzukommen.
      Dann rief die eine Glatze: "Küss mir die Stiefel" Und als der Junge nicht gleich reagierte, trat die Glatze ihm in die Seite. Ich hörte bis oben hin, wie der Junge aufstöhnte. "Du sollst mir die Stiefel küssen, du Schwein", rief die Glatze noch mal. Und: "Die Stiefel, du Dreckschwein!".
      Als der Junge sein Gesicht gegen den vorgestellten Stiefel drücken konnte, rief die Glatze zu uns rauf: "Seht ihr, man muss denen nur zeigen, wer der Herr ist. Dann machen die auch, was man will. So ist diese feige Drecksbande."
      Gleich danach riss sie ihren Stiefel mit großer Gewalt nach oben. Der Kopf des Jungen schleuderte rückwärts gegen die Mauer. Noch bevor er wieder auf den Boden zurückrutschte, fingen alle drei an, ihm gegen Kopf und den ganzen Körper zu treten. Danach...«
      Wieder zögerte Ulrich und sah nur auf seine Hände, die zusammengedrückt im Schoß lagen.
      »Weiter...«, forderte Kleinschmidt ihn mit warmem Ton auf.
      »Danach... stellten die sich um ihn auf, öffneten ihre Hosen und schifften auf ihn runter. Dann war weiter weg ein Martinshorn zu hören, das näherkam. Da kommandierte die eine Glatze: "Abmarsch!" Sie rannten zur Lilienallee runter. Und sie riefen noch mal: "Deutschland den Deutschen".«
      Eine Weile schwieg dann auch der Polizeihauptmeister, sah auf seine Notizen vor sich und rieb die Lippen gegeneinander. Es war sehr still im Raum.
      »Sie machen sich Vorwürfe, dass Sie ebenfalls nur dabeigestanden haben...?«
      Ulrich schluckte. Er fühlte sein Herz schlagen und sah, wie dieses sein Hemd zum Zittern brachte.
      Kleinschmidt wandte sich wieder seinen Notizen zu und sagte mit unveränderter Stimme: »Wissen Sie, als ich noch Polizeischüler war, kam ich... wurde ich zum ersten Mal darauf gestoßen. Es ging um Rauschgift, aber das ist egal. Wir kamen hinzu, ein älterer Kollege und ich, als mehrere Jugendliche einen anderen, kein Ausländer oder so... Als die also den einen, der schon am Boden lag, mit Tritten dermaßen bearbeiteten, dass... Ich weiß nicht, während der Kollege gleich einschritt, stand ich da und... war nicht fähig, mich zu rühren. Diese Brutalität. Es war heller Tag. Ich sah den am Boden. Das Blut in seinem Gesicht. Ich musste ständig nur auf dieses Gesicht starren. Das Blut...«
      Er unterbrach sich und schwieg einige Sekunden. »Machen Sie sich keine großen Gedanken darüber, dass Sie nicht hingesprungen sind und eingegriffen haben. Sie sind kein Polizist. Sie haben weder die Erfahrung, noch Ausbildung. Sie konnten da nicht viel tun.«
      »Hm«, machte Ulrich knapp und sah auf.
      Kleinschmidt legte seinen Kugelschreiber zur Seite und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was beschäftigt Sie am meisten dabei?« Er sah ihm gerade in die Augen, bis Ulrich das Gesicht abwandte und wieder auf seine Hände blickte. »Dass so etwas möglich ist? Ihre Angst? Oder was sonst
      »Was sonst sollte da noch sein«, gab Ulrich ohne aufzusehen zurück.
      »Dass Sie zu feige waren...«
      Ulrich ruckte sein Gesicht hinauf, wandte sich dann aber gleich wieder ab und starrte auf seine Hände. Er sah die Glatzen auf den Jungen einschlagen, ihn treten, ihn anschifften. Er hörte sie höhnen. Er sah den Jungen, ein Knäuel, ein Wust aus Kleidung, Armen, Beinen und Kopf. Das Gesicht eine geplatzte, gequollene Masse und das Blut. Dort, wo der Mund sein musste, wurde Luft eingesogen und wieder ausgestoßen. Der Dunst aus Blut und Urin. Er fühlte die Übelkeit wieder und diese Furcht. Von tief drinnen.
      »Warum sagen Sie das«, fragte er, ohne den Blick von seinen Händen zu nehmen.
      »Weil ich möchte, dass Sie sich darüber klar werden. Das, was in Ihnen vorgeht, ist ganz normal und was Sie denken, genauso falsch wie richtig. Je eher Sie sich dazu bekennen, desto besser. Sonst stellen Sie sich irgendwie darauf ein, finden sich damit ab und verdrängen es. Aber es wird bleiben. Sie werden nie mehr in den Spiegel sehen können. Obwohl Ihnen Ihr Verstand sagt, dass alles in Ordnung ist, treibt Ihr Bauch zum Gegenteil. Sie werden daran zerbrechen. Oder Sie holen nach, was Sie versäumt zu haben glauben.«
      »Und wie soll ich... nach-holen?«
      »Das müssen Sie selbst rausfinden. Nur verdrängen dürfen Sie nicht... In Ihrem Fall allerdings... haben Sie bereits das Mögliche getan, wollen es nur noch nicht wahrhaben. Sie sind dageblieben. Sie haben sich um den Verletzten gekümmert. Sie haben auf uns gewartet und eingewiesen. Sie sind bereit, als Zeuge auszusagen, während all die anderen... die der Polizei ständig vorwerfen, dass sie nichts leiste, nicht mal diese kleine Mühe auf sich nehmen wollen ... Mit Sicherheit haben da in den Wohnungen mehrere Leute alles beobachtet. Die hätten viel früher bei der Polizei anrufen können. Einige hätten fotografieren können. Aber keiner von denen wird zur Aussage bereit sein. Sie dagegen haben Ihren Teil getan.«
      Kleinschmidt legte den Kugelschreiber neben den Block. »Was denken Sie jetzt?«
      »Ich weiß nicht...«
      »Dann... machen wir jetzt das Protokoll. Wenn Sie das alles noch mal – ausführlich – erzählt haben, sieht es schon ein bisschen anderes aus.«

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      gekürzten Abschnitt aus dem Roman »Narrenspiele«

    • Elisabeth ba Schmidt: darum

      es herbstet so braun
      kein tag schaut durchs fenster
      der nachbar weint fern
      darum
      die hand gegeben
      unüberhörbar gekehrt
      den schnee von gestern
      aus lichtblick und seelen
      denn
      ließen wir weiter
      rechts schreiten fester
      könnten noch einmal
      wir stürzen tief
      durch furchtkältre zeiten
      auch die nie verjährn

    • Iris Welker-Sturm: Worte gegen Rechts

      worte gegen rechts
      ausrichten
      wo schweigen nichts
      aus aber anrichtet.

      worte von rechts wegen
      gegen rechts zurechtlegen
      fragen zu recht stellen
      gegen die vorschnellen

      mitdenken einschalten
      rechte und recht
      im auge behalten.

    • Laura Worsch: Über meinem Auge

      Die Uhr ist stehen geblieben. Das Glas ist in der Mitte gesprungen, um fünf Minuten und zwölf Sekunden vor elf Uhr. Ich wusste nicht, dass es schon so spät war gestern. Ich dachte, es wäre zehn gewesen, aber im Kino vergisst man ja immer die Zeit.
      Ich fahre mit dem Finger über die Bruchkante. Die Scheibe ist gar nicht aus Glas, sondern aus Plastik. Unter meinem Fingernagel klebt noch dunkelrotes Blut, eingetrocknet wie das über meinem Auge.
      Im Spiegel sehe ich Blau und Grün und Schwarz. Und Braun, rundherum die braune Haut, umrahmt von dunklen Locken. Milchschokolade hat Mama immer gesagt, deine Haut hat die Farbe von Milchschokolade. Sie selbst war dann wohl Zartbitter, warm und herb und dunkel. Der Grundschullehrer in Leipzig hat Pigmentstörung dazu gesagt. Gestern Abend haben sie es anders genannt, mich und meine Haut.
      Meine Mutter kommt ins Bad, mit einem Lappen und der perlweißen Flüssigseife in der Hand. Sie fängt an, mir das Blut aus dem Gesicht zu waschen. Die Seife brennt und ich versuche, das Gesicht wegzudrehen, aber sie hält es mit der anderen Hand fest.
      Wie sieht eine Mutter aus, deren Kind am U-Bahngleis von anderen verprügelt wurde? Ihre Zartbitterhaut ist unnatürlich blass, beinahe gräulich. Hat Schokolade ein Verfallsdatum? Ich spüre, dass sie wütend ist, wütend auf mich, weil ich mich nicht gewehrt habe.
      Mein Auge ist jetzt noch grünblauschwarz. Dunkelrot klebt im Waschbecken, zusammen mit perlweißer Seifenschaum, der jetztrosa ist.
      Der Bluterguss unter meiner Augenbraue erinnert mich an den Lidschatten des Mädchens von gestern. Der hatte die gleiche Farbe, passend zu ihren himmelblauen Haaren.
      Die wirren blauen Locken, die mein rotbraunes Gesicht versteckt haben vor den Jungen. Sie haben sich gestritten. Ich weiß nicht, was sie gesagt haben, über mir war das Himmelblau, nach Rosen oder Lavendel duftend und nach Blut.
      »Weißt du ihre Namen?«, fragt meine Mutter. Sie sieht mich nicht an, sondern starrt auf einen Punkt hinter mir an der weißen Wand. Ich schüttele den Kopf, obwohl ich einen von ihnen kenne, vom U-Bahnfahren jeden Tag. Ich hatte ihn versehentlich angestoßen beim Aussteigen am Freitagmorgen, das geht nicht, dass einer wie ich einen Deutschen anstößt. Dabei lebe ich seit meiner Geburt in Deutschland. Erst in Berlin, dann in Leipzig und seit acht Jahren hier in Frankfurt, wo mein Vater bei einer Zeitung arbeitet.
      Morgen ist wieder ein Morgen, ein Montagmorgen. In Zukunft fahre ich mit dem Bus zur Schule. Das dauert dreiundzwanzig Minuten länger, aber ich werde allein sein und ich werde den Himmel sehen.
      Die Polizei hat die Personalien des Mädchens aufgenommen, als Zeugin. Ama heißt sie und sie kennt den Jungen aus meiner U-Bahn. Mit ihm und den anderen war sie gerade auf dem Weg nach Hause, als sie mir begegnet sind.
      Das hat sie mir auf der Bank an der U-Bahnstation erzählt, bevor die Polizei gekommen ist. Mein Kopf lehnte an ihrer Schulter zwischen Blau und Rosen- oder Lavendelduft, Rot tropfte von meinem Gesicht auf ihren Filzmantel. Ob ich ihn anzeigen werde, hat sie gefragt.
      Meine Mutter erwartet von mir, dass ich Anzeige erstatte, wie auch mein Vater, der noch gar nicht Bescheid weiß und meine Großeltern und Freunde. Die Gesellschaft erwartet das, weil es Körperverletzung und Rassismus war, weil er meine Hautfarbe und mich hasst.
      Der Polizei habe ich gesagt, ich überlege mir das noch. Sie haben nicht nachgefragt, aber sie kommen morgen vorbei und wollen eine Antwort.
      »Warum musst du dir das überlegen?«, fragt Mama. Sie sitzt auf meinem Bett und flickt den gerissenen Jackenärmel. Wegen Ama, wegen dem Mädchen mit den himmelblauen Haaren. Weil sie mich beschützt hat, weil sie mich nach Hause gebracht hat, obwohl der Kerl aus der U-Bahn einer ihrer Freunde ist. Nur wird meine Mutter das nicht verstehen können, auch nicht, warum ein Mädchen mir helfen musste.
      Unsere Tür klingelt We are the world, meine Mutter liebt Michael Jackson, und vor mir steht im grauen Treppenhaus Ama. Die Haare hat sie heute hochgesteckt, ein bissehen verkrustetes Rot hängt in einer Strähne neben ihrem Gesicht. Sie ist wohl noch nicht zu Hause gewesen. Sie trägt auch dieselben Klamotten, dasselbe Makeup. Der blaue Lidschatten ist größer und umrandet jetzt das ganze rechte Auge. Warum nur das Rechte?
      Ama hebt die Hand, aber sie berührt das Auge nicht und streicht stattdessen einzelne blauen Locken aus der Stirn. Der Lidschatten ist kein Lidschatten, sondern ein Bluterguss, passend zu meinem linken Auge.
      Ich lasse sie eintreten. Als meine Mutter Ama sieht und ihr Auge, wird ihr Zartbittergesicht hart. Sie verschwindet im Bad und wäscht den Lappen aus. Ama sieht mich an.
      »Kommst du mit?" fragt sie.