Schreibwettbewerb

    Schreibwettbewerb | Preisträgerarbeiten

    STIMMEN gegen RECHTS

    Schreibwettbewerb | Preisträgerarbeiten

    • 1. Preis: Karl Kirsch, Zerbst

      Geteiltes Leid

      (Auf den Tod einer alten Lehrerin und Kommunistin,
      Zerbst/Anhalt, Sommer 2010)

      Dorf, Kleinstadt ist, wo immer gleiche Kreise
      Sich wenig mischen, weil sich alles kennt.
      Nimm teil. Und fühl dich ausgeschlossen.
      Klar: Nett sind sie. Das Altbekannte trennt.

      Nicht anders hier. Da stirbt uns eine alte Frau.
      Beliebt. Und mit Genossen, die sehr trauern.
      Doch nachts ein Fremder, der gebrochen Deutsch
      Am Hörer weint? Das geht nicht, sie bedauern:

      »Gebt unser Telefon nicht weiter, schont uns!
      Um zwölf gibts Mittag und um neun ist Nacht.
      Der Fremde trauert hier in unsren Bahnen!«
      Ich hörts. Auf die Beweinte hatt ich Acht:

      War sie von Welt gewesen. Interessant.
      Wo ist ihr Grab? Ich hätt sie gern gekannt.

    • 2. Preis: Hannah Lau, Ingolstadt

      Winter

      Janne hatte ihre Hände tief in ihren Taschen vergraben. Vom Sportplatz, der nun brach dalag, ein grauer Fleck, plan und glatt, als hätte man ihn in die verschneite Landschaft gestanzt, schlenderten sie die leere Straße entlang, einem braunem Pfad folgend, den Fußgänger vor ihnen breit getreten hatten. Janne sprang mit Anlauf über die matschigen Pfützen. Vivi sprang mit Anlauf direkt hinein, so dass Janne mit dreckiger, brauner Soße bespritzt wurde, und dann kreischte sie, dass Janne zusammen zuckte. Denn im Ort war es ganz still. Und dunkel. Die Straßenlaternen beleuchteten gemütlich nur ihren eigenen Mast – eine Sache, die Vivi unglaublich witzig fand. Überhaupt fand Vivi unglaublich viele Sachen witzig und lachte dann immer sehr laut und lang, bis es Janne peinlich war.
      »Guck dir das mal an. Man sieht die Laternen, aber mehr sieht man nicht. Wo ist die Straße, hm? Wo sind die Fallgruben, he?« Da lachte Vivi zum ersten Mal und blieb mitten in einer Pfütze stehen. »Wo sind die Fallgruben!«, gröhlte Vivi noch einmal. Und als Janne nur müde grinste und Vivi es nicht sehen konnte, weil die Straßenlampen nur sich selbst und sonst nichts beleuchteten, erklärte sie, immer noch prustend: »Na die Straßenlöcher. Die... äh... Schlaglöchern, verstehst? Fallgruben! Mann, Janne, wenn man Witze erklärt sind sie nicht mehr witzig, das weiß man doch.« Und Vivi lachte weiter. »Denk doch mal nach! Denk mal drüber nach! Dann merkste, dass es witzig ist. So 'ne Steuerverschwendung. Von wegen Aufbau Ost und so'n Kack. Ist doch alles nur Kack, sag ich dir. Alles nur stinkender Kack. »Janne hatte sich noch keine Gedanken über Steuern gemacht und auch nicht über die Verschwendung von Steuern. Und erst Recht nicht über Aufbau Ost.
      Sie liefen weiter. Bogen nach rechts ab, über die Straße mit den Schlaglöchern und dann in einen schmalen Weg hinein, in die Schrebergartensiedlung. Dort stiegen Sie über das niedrige Tor mit dem »Betreten verboten«-Schild und stiefelten durch den noch ungeräumten weißen Schnee zwischen den Datschen und den immergrünen, aber im Dunkeln nur ödgrauen Hecken entlang.

      Vivi pfiff. Irgendein Lied von der Kelly Family. Und von der pfiff man keine Lieder, außer Vivi, Vivi pfiff und machte sich keine Gedanken, auch nicht, als Janne ihr sagte, dass sie das lassen sollte, man könnte sie ja hören, so still es überall war. Und bald wären sie am Spielplatz, da solle sie doch aufhören zu pfeifen.
      Und dann waren sie am Spielplatz. Aus der Holzburg rauchte es und sie sahen schwarze Köpfe in den Fenstern: Ziesche, war das und seine Leute, und sie ritzten oder brannten wahrscheinlich grad ihre Kreuze ins Holz. Ziesche hieß eigentlich Thomas, aber keiner nannte ihn so. Er war Ziesche und damit war alles klar. Janne hieß eigentlich auch nicht Janne und Vivi nicht Vivi. Aber das machte nix. Das bedeutete nix.
      Janne setzte sich an den Zaun neben dem Spielplatz und fummelte eine Zigarette aus der Tasche. Sie war abgeknickt, denn Janne hatte sie den ganzen Tag für diesen Moment in ihrer Jackentasche aufbewahrt, nachdem sie die Zigarette morgens aus Papas Malboro-Schachtel geklaut hatte. Sie brauchte allen Mut, um zu Ziesche und seinen Leuten hinüber zurufen: »He, Ziesche, habt ihr Feuer?« Dabei klang ihre Stimme seltsam dünn. Vivi lachte und Janne hätte sie dafür am liebsten getreten.
      »Haut ab, ihr Kinder!«, schrie Ziesche und feixte. Seine Leute feixten auch und dann war es wieder still. In Jannes Bauch war es mit einem Mal seltsam flau. »Wichser, ihr!«, schrie Vivi und dann rasten sie los, Vivi und Janne, Vivi laut und dreckig lachend, ehe Ziesche und seine Leute aus der Burg kommen konnten.

      Sie hörten erst auf zu rennen, als der alte Konsum vor ihnen auftauchte. Eine alte Baracke, seit drei Jahren stand sie leer, da wurde nichts mehr verkauft, aber die schmalen Kellerfenster waren eingeschlagen, denn da hatten Ziesche und seine Leute ihren Bunker, so nannten sie es.
      »Ha!«, machte Vivi. Und dann war sie auch schon am Kellerfenster, spähte hinein und – Janne sagte gerade noch: »Lass uns jetzt nach Hause gehen. Mensch, Vivi!« – da verschwand Vivi schon im Schlund des Bunkers.
      Janne hörte Vivi rufen: »He, Schisser! Komm! Krasse Scheiße hier unten.« Sie sah in Richtung Spielplatz, lauschte nach Schritten, aber da bellte nur irgendwo ein Hund. Und ein Auto fuhr eine Seitenstraße lang. Janne versuchte ihre Hose nicht dreckig zu machen, als sie durch den Fensterspalt kroch – die Beine zuerst, dann der Oberkörper, dann sprang sie und als sie landete, knirschte es unter ihren Füßen. Scherben. In dem Moment ging das Licht an. »Kacke, das Licht geht ja noch!«, kreischte Vivi.
      »Mach das Licht aus! Mann, die sehen doch, dass wir hier sind!«
      »Die hocken in der scheiß Burg und quarzen. Jetzt scheiß dir nicht ein. Schau mal da!« Vivi zeigte an die Wand. Überall Kreuze in Schwarz oder auch in Rot, mit Edding gemalt, dachte Janne und dazwischen stand dann: Unsere Ehre heißt treue. »Unsere Ehre heißt treue. Treue wird großgeschrieben. Die sind doch echt zu dämlich, he!«
      »Nicht so laut, die könnten uns hören.« Vivi nahm einen schwarzen Stift, der auf dem Boden lag und kratzte damit über die Wand, bis etwas schwarze Farbe zurückblieb. Sie strich das t durch und schrieb darüber ein großes T und dazu noch »Scheiß Analphabeten!« und hopste in den Raum nebenan, quiekte und schrie, Janne solle kommen. Da war eine Matratze und daneben lagen Pornohefte, also die Super Illu und andere Zeitschriften. Daneben eine Streichholzschachtel und Kerzen. Vivi zündete eine Kerze an, pflanzte sich auf die Matratze und klopfte neben sich, wie bei »Mein rechter, rechter Platz ist frei« und sagte: »Haste noch deine Kippe?«
      Dann rauchten sie abwechselnd und blätterten in den Heften, kicherten und dann knackten die Scherben im Nebenraum. Stimmen. Ein »Welches verficktes Assischwein war hier".
      Ziesche.
      Jannes Hals war plötzlich so rau wie Schmirgelpapier. Und sie musste husten. Ziesche schoss um die Ecke. Sein breites Gesicht und die abstehenden Ohren sahen sie zuerst. Als er Vivi und Janne sitzen sah, beide zu Eissäulen erstarrt, da grinste er. »‘Nen verfickten Dreckszigeuner haben wir hier! Leute, hey!« Hinter ihm tauchten Lidner und Domsgen auf. Sie standen im Türrahmen und guckten. Vivi war zuerst auf den Beinen. »Du hast ja nicht mal 'ne Ahnung, wer Dreckszigeuner eigentlich sind. Komm, Janne, wir haun hier ab.« »Macht ihr nicht.« Ziesches Stimme war tief, er war schon lange aus dem Stimmbruch raus und er redete langsam, als würde er Vivi für blöd halten.
      »Machen wir. Haut ab!« Vivi stemmte ihre Hände in die Hüfte.
      »Ziesche, hey, schau die das an«, kam es aus dem Nebenraum. Ziesche verschwand. Und kam gleich wieder. »Dreckshure! Hast unsere Wand beschmiert!«, schrie er und seine Faust ruderte gegen Vivis Gesicht. Vivi flog gegen die Wand, mit dem Hinterkopf zuerst, es gab einen dumpfen Knall, dann stand Vivi da, leicht schwankend, und fasste sich an ihre Lippe und Nase, die beide bluteten. »Ich hab's schöner gemacht, ihr Idioten«, knurrte sie.

      Janne fühlte sich seltsam leblos. Ihre Arme hingen da an ihrem Körper, als wären sie tot. In dem Raum gab es kein Fenster. Kein Fenster, aus dem sie hätte hinaus kriechen können. Wie nebenbei merkte sie, dass sich vier Jungen – denn nun war auch Ziller aus dem Raum nebenan rüber gekommen – auf Vivi gestürzt hatten, die am Boden lag. Janne hörte das Treten. Dumpfe Schläge, wie wenn man gegen ein Kissen tritt. Nur Vivis Wimmern störte. Janne schloss die Augen.

      »Hey, Janne, noch wach?« Das war Ziesche. Und Janne öffnete die Augen. Er reichte ihr eine Zigarette und sie nahm sie. Er zündete sie an. Sie rauchte. Er setzte sich zu ihr. Und gemeinsam sahen sie zu Vivi, die am Boden lag und nichts mehr sagte. Lidner, Domsgen und Ziller waren verschwunden.
      »Du solltest abhaun, Janne. Hast hier nix verloren«, sagte Ziesche und klang dabei sehr nett.
      »Was ist mit Vivi?« Jannes Stimme war hoch und dürr und starb, während sie redete.
      »Nicht dein Problem. Wir kümmern uns. Wir lassen keinen Dreck zurück. Du musst besser aufpassen. Dreckszigeuner fressen uns die Haare vom Kopf.«
      »Vivi geht noch in die Schule«, sagte Janne, die mit Ziesches Erklärung nicht ganz einverstanden war.
      »Ihre Mutter ist jetzt im Kindergarten. Zillers Mutter hat sich da auch beworben, die haben sie nicht genommen, sondern die Dreckszigeunerhure. Weiß doch jeder, dass die mit jedem fickt. Und ihre Tochter auch."
      Janne war sich sicher, dass Vivi noch nie gefickt hatte, denn Vivi erzählte Janne alles.
      »Vivis Mama ist Lehrerin gewesen. Grundschullehrerin. In Belgrad. Hat Vivi mir erzählt.«
      »Scheißlügnerin!" Ziesche rotzte gegen die Wand und verfehlte Vivi nur knapp. Dann kamen Lidner und Ziller um die Ecke.
      »Domsgen ist nach Hause. Abendessen.«
      »Die Nuss.«
      »Müsst mal aufstehen, ihr beiden. Wir brauchen den Platz für das da." Sie zeigten aufVivi.
      »Warum?«, fragte Janne.
      »Warum!«, echote Ziesche und alle lachten. Janne wurde schlecht.
      »Ich geh jetzt«, hörte sie sich sagen. »Ich geh jetzt. Ich geh jetzt.« Aber sie konnte sich nicht bewegen. In ihrer Hand verglühte die Zigarette. Ziesche stand zuerst auf und hielt ihr die Hand hin. Mit einem Lächeln. Janne packte zu, ließ sich hochziehen und dann brachte Ziesche Janne in den Nebenraum.
      »Eislaufen, morgen«, sagte er. Janne starrte ihn an.
      »Haste Lust? Ich bin da eh, spielen Hockey. Danach vielleicht.«
      »Danach vielleicht«, wiederholte Janne. Nebenan hörte sie seltsames Stöhnen. »Ich muss gehen«, sagte sie.
      »Ich helf dir«, sagte Ziesche und machte eine Räuberleiter. Janne kroch durch den Fensterspalt. Ziesche winkte und dann verschwand er in dem Raum ohne Fenster.
      Janne stand kurz im Dunkeln. Ein Hund bellte. Und die Kirchenuhr schlug. Janne zählte. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf Sechs. Sieben. Und erschrak. Seit einer Stunde sollte sie Zuhause sein. Sie rannte los. Und während sie rannte, da dachte sie an das Eislaufen und dass sie keine Schlittschuhe hatte. Dann fiel ihr aber ein, dass Vivi und sie die gleiche Schuhgröße hatten. Morgen würde sie einfach bei Vivi vorbeigehen und Schlittschuhe ausleihen.

    • 3. Preis: Jürgen Groß, Hohen Woos

      beihilfelosigkeit

      das oberlandesgericht brandenburg havel
      lehnte es ab das hauptverfahren
      gegen die drei polizisten zu eröffnen
      welche aus nächster nähe im versteck
      mit dienstpistolen bewaffnet beamtet
      dem ersten todschlag durch die nazis
      im vereinten deutschland eberswalde
      zusahen bis der letzte schlag gegen
      den kopf des afrikaners getreten war
      mit der begründung dass keiner den
      beweis erbringen könne ob die beamten
      das opfer hätten schützen können